Chaos ab Juli? OSK kündigt Kinderärzten den Vertrag für die Notfallpraxis

Wo und wie funktioniert ab Juli der kinderärztliche Notdienst in Ravensburg? Darüber ist ein heftiger Streit entbrannt.
Wo und wie funktioniert ab Juli der kinderärztliche Notdienst in Ravensburg? Darüber ist ein heftiger Streit entbrannt. (Foto: Symbol: Friso Gentsch/dpa)
Redakteurin

Die Kinderärzte im Kreis Ravensburg sind sauer. Sie fühlen sich vor den Kopf gestoßen, weil ihnen die Oberschwabenklinik (OSK) ohne vorherige Absprache mit Frist zum 30. Juni die Zusammenarbeit in der Wochenend-Notfallpraxis am Ravensburger Elisabethen-Krankenhaus gekündigt hat. Stattdessen sollen sie dort unter einem anderen Träger Notdienste verrichten: der Kassenärztlichen Vereinigung (KV).

Das stößt den Pädiatern allerdings bitter auf, weil sie sich lieber selbst verwalten wollen und eine Ausweitung der Dienste auch auf den Abend befürchten.

Wir sind nicht Schuld daran.

Kinderarzt Frank Kirchner

Einigen sich die Parteien nicht, wollen die Mediziner ab 1. Juli wieder in ihren eigenen Praxen reihum Notdienste verrichten. „Das wird chaotisch, denn die Eltern sind es ja gewohnt, am Wochenende mit ihren kranken Kindern immer gleich ans EK zu fahren und nicht erst umständlich herauszufinden, welcher Pädiater gerade Notdienst hat“, sagt der Vogter Kinderarzt Frank Kirchner. „Aber wir sind nicht Schuld daran.“

Jetziges System bringt allen Vorteile

Kirchner ist Schatzmeister des „Notfalldienstvereins der Kinder- und Jugendärzte Oberschwaben“, dem 14 Fachärzte aus dem Notfalldienstbezirk Ravensburg/Weingarten/Wilhelmsdorf/Vogt/Bad Waldsee und zwei aus Bad Saulgau angehören.

Seit 2014 hat der Verein einen Kooperationsvertrag mit der OSK, um in deren Räumen an Samstagen und Sonntagen zwischen 9 und 13 sowie 15 und 19 Uhr kleine Patienten zu behandeln.

Das bringt Vorteile für alle Beteiligten: Die Eltern wissen, wo sie mit ihren kranken Kindern hin können, und die eigentliche Notaufnahme des Kinderkrankenhauses wird durch die niedergelassenen Ärzte entlastet.

Denn die meisten Krankheiten oder leichten Verletzungen können diese selbst behandeln. Beim Verdacht auf ernstere Erkrankungen hingegen können sie die Kinder und Jugendlichen gleich an die Klinik überweisen zur weiteren Diagnostik oder stationären Aufnahme. Eine Win-win-Situation für alle, meint Kirchner, weshalb die OSK neben den Räumen auch kostenlos Hilfspersonal zur Verfügung stellt.

OSK kündigt Kooperationsvertrag kurz vor Weihnachten

Doch eine gute Woche vor Weihnachten 2021 flatterte dem Verein ein Kündigungsschreiben ins Haus. Ohne jegliches Vorgespräch. Darin stand, dass die OSK künftig mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zusammenarbeiten wolle und den Vertrag zum 30. Juni beende.

Man dankte für die jahrelange gute Zusammenarbeit und verwies auf rechtliche Rahmenbedingungen, die sich zwischenzeitlich geändert hätten. Nach Auffassung der OSK hätte sich für die Kinderärzte des Vereins, die ja auch alle zugleich eine Kassenzulassung haben, gar nichts groß geändert. Außer eben der Trägerschaft der Kindernotarztpraxis.

Keine Lust auf noch mehr Arbeit

„Aber uns wurde auch signalisiert, dass sich das Krankenhaus neben den Diensten am Wochenende zusätzlich eine abendliche Dienstbereitschaft an Werktagen zwischen 18 und 22 Uhr wünscht. Wir arbeiten ohnehin schon 60 Stunden die Woche. Eine solche Dienstbereitschaft ist mit 16 Ärzten einfach nicht zu machen“, empört sich Kirchner.

Selbst wenn noch Ärzte aus Wangen, Leutkirch, Isny und Amtzell in die Notfallpraxis einbezogen würden, wie es wohl von der KV geplant sei, werde die mindestens notwendige Anzahl für so einen werktäglichen Abend-Notdienst plus Wochenend-Tagesdienst von 35 Ärzten niemals erreicht, meint Kirchner.

Daher planten seine Kolleginnen und Kollegen nun, künftig wieder im Wechsel Dienst in ihren eigenen Praxen zu schieben – wie früher. „Was sollen wir sonst tun? Da uns der Vertrag ja gekündigt wurde, dürfen wir die OSK nicht mehr betreten.“

OSK-Sprecher räumt ein: Kein guter Stil

Obschon OSK-Pressesprecher Winfried Leiprecht auf Anfrage äußerte, dass „das alles vom Stil her vielleicht nicht gut gelaufen ist“, verteidigt er die angedachte Lösung. In neuen Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte sei geregelt worden, dass Notfallpraxen von den Kassenärztlichen Vereinigungen betrieben werden sollten.

Diese seien für den Zuschnitt der Bezirke – in der Regel auf Landkreisebene – und die Dienstpläne zuständig. Es sei auch rechtlich problematisch für die OSK, Leistungen ohne Berechnung zur Verfügung zu stellen – wie etwa die Räume.

Dafür zahlt die KV künftig Miete, was der Verein derzeit nicht tut. Man habe den Kinderärzten aber bereits angeboten, bis einschließlich des dritten Quartals alles wie jetzt weiterlaufen zu lassen, von einem „Betretungsverbot“ könne gar keine Rede sein.

Dann würde es mehr Zeit geben, sich in die neuen Strukturen einzufinden und die Irritationen mit der KV auszuräumen.

Gesprächsangebot von KV abgelehnt

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KV Baden-Württemberg, Johannes Fechner, versteht den Ärger der Ravensburger Pädiater ebenfalls nicht. „Es gibt 120 Notfallpraxen im Land, üblicherweise an Krankenhäusern, auch mit Kinderärzten, Augenärzten und HNO-Ärzten. 20 davon werden noch unter der Regie von Vereinen geführt, die aber froh sind, wenn wir deren Aufgabe übernehmen, weil wir eingespielte Prozesse haben und sie dann keine Jahresabschlüsse mehr machen müssen.“

Anstatt vernünftig über alles zu reden, hätte der Ravensburger Kinder- und Jugendärzteverein aber gleich eine Anwältin eingeschaltet, und das Angebot für eine klärende Videositzung im Mai sei abgelehnt worden.

Fachärztemangel auf dem Land

Derzeit habe die KV auch gar nicht vor, Abenddienste an Werktagen einzuführen, das habe man der OSK, die das tatsächlich gerne hätte, auch schon gesagt. „Wir haben ja jetzt schon Schwierigkeiten, Ärzte für den ländlichen Raum zu finden. Wenn eine junge Kinderärztin in Stuttgart vielleicht vier Notdienste schieben muss, in Ravensburg aber 15, ist es ja klar, wofür sie sich entscheidet.“

Zu viele Pflichtdienste könne man heute keinem Arzt mehr zumuten, auch weil viele in Teilzeit arbeiten würden. Vorstellbar sei es aber, neben den Kinderärzten aus dem Allgäu eventuell auch weitere 16 aus dem Bodenseekreis einzubinden, denn dort gebe es aktuell noch keinen kinderärztlichen Notdienst.

Fechner, der selbst promovierter Arzt ist, hofft darauf, dass seine Kollegen noch ein Einsehen haben. „Außer der EDV ändert sich gar nichts für sie. Selbst die fertigen Dienstpläne bis Ende des Jahres würden wir übernehmen.“

Das können die Ärzte gar nicht beschließen, dazu sind sie nicht befugt.

Johannes Fechner, Vorstandsvorsitzender der KV Baden-Württemberg

Nicht hinnehmen wolle die KV es allerdings, wenn der Verein die Notdienste am Wochenende tatsächlich wieder in die eigenen Praxen verlege. „Das können die Ärzte gar nicht beschließen, dazu sind sie nicht befugt, das ist schon mehrfach von Sozialgerichten abgeurteilt worden.“ Und wenn sie es ab 1. Juli dennoch tun? „Dann drohen disziplinarrechtliche Konsequenzen.“

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