Ravensburger bringt Flüchtlinge in Halle unter

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In das frühere Stahlgruber-Gebäude ziehen ab Februar bis zu 18 Flüchtlingsfamilien ein.
In das frühere Stahlgruber-Gebäude ziehen ab Februar bis zu 18 Flüchtlingsfamilien ein. (Foto: Felix Kästle)

Das Beispiel hat Vorbildcharakter: Zum ersten Mal stellt in Ravensburg ein Wirtschaftsunternehmen ein Gebäude für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung. Völlig kostenlos. Die Ravensburger AG wird der Stadt das Areal an der Robert-Bosch-Straße 5 für etwa zwei Jahre überlassen. Der Spiele- und Buchverlag hatte das frühere Firmengebäude vor den eigenen Werkstoren erst vor wenigen Monaten als potenzielle Erweiterungsfläche gekauft, braucht es aber vorerst nicht.

Bis zu 80 Menschen sollen dort eine vorübergehende Heimat finden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit syrische Familien, die eine gute Aussicht haben, in Deutschland bleiben zu dürfen. „Wir sind der Meinung, dass sie am meisten Hilfe brauchen“, sagt Vorstandsmitglied Hanspeter Mürle bei einem Rundgang mit Vertretern der Stadtverwaltung und der Presse. „Wir haben gesehen, in welcher Not die Stadt steckt und wie die Menschen selbst leben in den Flüchtlingsunterkünften. Wir wollten als Unternehmen etwas Gutes tun für die Menschen.“

Die zukünftigen Bewohner sollen in den leer stehenden Hallen aber nicht nur durchgangsweise für wenige Wochen wohnen, sondern bis maximal zwei Jahre. Sobald sie ein dauerhaftes Bleiberecht bekommen, können sie in eine richtige Wohnung umziehen.

Das Ravensburger Architekturbüro Wurm wird die Hallen, in denen früher ein Automobilzulieferer war, mit lokalen Handwerkern wohnlich herrichten. Die Umbaukosten von 288000 Euro übernimmt der Landkreis. Ab Februar können dann vier- bis achtköpfige Familien einziehen. Die Unterbringung wird nicht gerade luxuriös – pro Person stehen 5,2 Quadratmeter zur Verfügung – aber zumindest besser als in Massenunterkünften wie der Burachturnhalle: „Durch Zwischenwände aus Metall ist eine gewisse Privatsphäre für die Familien sichergestellt“, erläutert Felix Wurm die Pläne.

DRK übernimmt Betreuung

Die Betreuung vor Ort wird vom Deutschen Roten Kreuz organisiert. Aber auch dabei will sich die Ravensburger AG stark engagieren. Ihre Mitarbeiter übernehmen die ehrenamtliche Betreuung, das Unternehmen zahlt Deutschkurse und spendet Bücher und Spiele. Zudem können die Flüchtlinge Schnupperpraktika absolvieren und bei Eignung auch einen Job bekommen.

Oberbürgermeister Daniel Rapp ist hellauf begeistert vom Engagement der Ravensburger AG. „Danke, danke, danke“, wiederholte er wie ein Mantra. „Danke für das Gebäude, danke für den ganzheitlichen Ansatz, danke für die Perspektive, die Menschen zu integrieren.“ Gerade die ganzheitliche Betrachtung, die eben nicht nur eine sichere Unterbringung, sondern auch Schule, Spracherwerb und Arbeit sorge, sei wichtig für die schnelle Integration in die Gesellschaft.

Er ist froh, dass die meisten Ravensburger den Zuzug von Flüchtlingen als Chance begreifen würden. Gerade in einer Region wie Oberschwaben, die aufgrund der extrem niedrigen Arbeitslosenquote, die mit unter 3 Prozent faktisch Vollbeschäftigung bedeutet, Arbeitskräfte sucht. „Das ist eine Win-Win-Situation.“ Rapp berichtet aber auch von hasserfüllten Briefen und Mails an die Stadtverwaltung, in denen behauptet werde, sie tue viel für Flüchtlinge, schaffe aber keinen Wohnraum für die einheimische Bevölkerung. Mit einer ausladenden Armbewegung zeigt er auf die Halle aus nacktem, grauem Beton und sagt nachdrücklich: „Das ist kein Luxus, sondern ein bescheidenes Obdach.“

Einen Filmbeitrag dazu sehen Sie heute Abend auf RegioTV.

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