„Radfahrt in die Innenstadt ist ein gefährliches Unterfangen“

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Radfahrer, Autofahrer, Fußgänger: Wenn sich die Wege kreuzen, gibt es häufig Ärger. Das Verständnis für den jeweils anderen ist
Radfahrer, Autofahrer, Fußgänger: Wenn sich die Wege kreuzen, gibt es häufig Ärger. Das Verständnis für den jeweils anderen ist nicht sehr groß. Aich die Leser der „Schwäbischen Zeitung“ diskutieren weiter. (Foto: Daniel Bockwoldt)
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Die Diskussion darüber, wie sich Radfahrer im Straßenverkehr benehmen, schlägt weiterhin hohe Wellen. Anlass war ein Bericht der „Schwäbischen Zeitung“ über Kontrollen der Polizei in Weingarten. Dabei waren in kurzer Zeit mehr als 120 Verstöße von Radlern geahndet worden. Die Debatte zeigt: Fußgänger, Autofahrer und Zweiradfahrer tun sich schwer miteinander - oft auch, weil die Infrastruktur fehlt.

Leser Oliver S. fordert auf schwäbische.de, für Fahrräder ein Nummernschild wie bei den Mofas einzuführen, um Vergehen bestrafen zu können, und bekommt dafür viel Zustimmung. Egon R. allerdings geht das zu weit: „Genauso gut könnte man von Fußgängern verlangen, sich ein Kennzeichen umzuhängen.“

Birgit H. beklagt sich als Fußgängerin über das rüpelhafte Verhalten von Radfahrern: „Da läuft man nichts ahnend auf dem Gehweg, und plötzlich kommt so ein Radfahrer von hinten an einem vorbeigeschossen.“ Der Konter kommt prompt: „Da fährt man nichts ahnend vorschriftsmäßig auf dem ausgeschilderten Radweg zwei Meter neben dem ebenfalls ausgeschilderten Fußweg, und plötzlich laufen die Fußgänger ohne ersichtlichen Grund auf dem Radweg weiter und reagieren weder auf Zuruf noch auf Klingelzeichen“, sagt Michael D.

Radfahrer hätten kein Unrechtsbewusstsein, weil sie jahrelang als „heilige Kühe“ betrachtet worden seien, vermutet Hartmut H. Der Radfahrer als Verkehrsteilnehmer sei dadurch unberechenbar geworden. Viele Leser kritisieren insbesondere das Verhalten von Rennradfahrern, die sich weigerten, ausgewiesene Fahrradwege zu benutzen. Zum Teil werden drastische Strafen für uneinsichtige Radfahrer gefordert: „Wenn Führerschein vorhanden, vier Wochen Lappen weg, und das Problem wäre sofort gelöst.“

Problem der Ich-Gesellschaft

Ein User kennt beide Seiten: „Es gibt tatsächlich rücksichtslose Radfahrer. Jedoch sicher genauso viele rücksichtslose Autofahrer. Als Radfahrer bekommt man permanent die Vorfahrt genommen, insbesondere, wenn man auf Radwegen an Ausfahrten von einem Industriegelände oder Supermärkten vorbeifährt. Der Autofahrer rollt vor bis zur Straße und hält erst dort. Es wäre also sicherer, den Radweg nicht zu nutzen!“ Silvia J. sieht ein Grundproblem: Es werde generell keine Rücksicht mehr aufeinander genommen, „ein Problem unserer Ich-Gesellschaft“.

Diese Erfahrung hat auch ein Leserbriefschreiber gemacht: „Als älterer Mensch mit starker Gehbehinderung freue ich mich jedes Mal über die Strecke, die ich auf Gehwegen und in Fußgängerzonen noch selbstständig zurücklegen kann. Die Freude ist jedoch stark getrübt; das Gehen wird zur Gefahr durch das zunehmende undisziplinierte Verhalten einer Spezies, genannt Radfahrer. Ihnen gegenüber fühle ich mich bedrängt, verletzlich und schutzlos ausgeliefert. Es ist nahezu die Regel, dass diese Verkehrsteilnehmer von hinten auf den Gehwegen und in den Fußgängerzonen lautlos heranpirschen. Entweder gibt es keine Klingel, oder wozu sie auch noch benützen? Von daher ist auch völlig egal, ob der Gehweg entgegen seiner ursprünglichen Bedeutung auch noch entgegen der Fahrtrichtung als Schnellstrecke benutzt wird, sodass ein Heraustreten aus Gebäuden, zum Beispiel in der Gartenstraße oder der Seestraße, zum Schockerlebnis wird. Ein beliebter Sport ist auch, vor einer roten Ampel von der Fahrbahn auf den Gehweg zu wechseln. Der auf seine eigene Sicherheit bedachte Fußgänger wird sich sicher reaktionsschnell selbst retten. Somit läuft in unserer Stadt, wo der motorisierte Verkehrsteilnehmer wegen einer geringfügigen Geschwindigkeitsüberschreitung unnachsichtig zur Kasse gebeten wird, irgendwas schief. Das Gros der Radfahrer, die sich an die Verkehrsregeln und das Miteinander halten, natürlich ausgenommen.“

Eine Ravensburgerin wiederum bricht eine Lanze für die Zweiradfahrer und kritisiert die Situation in ihrer Heimatstadt: „Wenn man bedenkt, dass diese 122 verwarnten Radler sich trotz der prekären Radlerverhältnisse in Ravensburg und Weingarten in den Straßenverkehr gewagt haben, sind die nun doppelt bestraft. Haben Sie mal versucht, mit dem Rad von der Seestraße aus auf den Marienplatz zu fahren? Kein Radweg weit und breit! Obwohl unsere Marienplatztiefgarage schon lange zu ist, Autos wenig Parkmöglichkeiten finden, man also froh sein müsste über jeden, der aufs Rad umsteigt, wird eine Fahrt in die Innenstadt schnell zum gefährlichen Unterfangen. Man drängt sich an den rechten Rand der Straße. Bei der Einmündung des Leinerwegs wird’s richtig gefährlich, denn die Autofahrer können erst spät erkennen, ob ein Radler kommt. Dann schlängelt man sich vorsichtig an parkenden Autos vorbei, immer in Sorge, ob einer vielleicht die Tür aufreißt. Bei der Marienplatztiefgarage herrscht himmlische Ruhe, das war früher anders. Richtig brenzlig aber ist derzeit die Einmündung der Burgstraße. Ich hätte zwar Vorfahrt, krieg’ sie aber oft nicht, weil diese Kreuzung für Autofahrer nicht deutlich genug zu erkennen gibt, dass wirklich angehalten werden muss. Ein Stoppschild wäre angebrachter, ebenso wie ein Zebrastreifen beim Ochsen für Fußgänger. Der beschriebene Weg ist ein morgendlicher Schulweg für Kinder, die ins Klösterle, die Neuwiesenschule oder die Wilhelmschule radeln wollen. Ich kann’s nicht empfehlen!“

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