Nordische Klänge erzählen von weiter Landschaft und vom Leben

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Nordische Seelenklänge in Ravensburg mit dem Gjermund Larsen Trio. Von links Andreas Utnem am Harmonium, Gjermund Larsen an der
Nordische Seelenklänge in Ravensburg mit dem Gjermund Larsen Trio. Von links Andreas Utnem am Harmonium, Gjermund Larsen an der Fiddle und Sondre Meisfjord am Kontrabass. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Nur wenige Plätze sind am Freitagabend in der Zehntscheuer freigeblieben beim Auftritt des norwegischen Gjermund Larsen Trios, das im spärlichen Licht auf der Bühne steht und „nordische Seelenklänge“ spielt, eine intensive atmosphärische Musik, die vom Herkömmlichen abweicht. An das Irische erinnernd und doch anders ist die norwegische Folkmusikszene, die auf ihre reiche Tradition setzt und zugleich offen ist für verschiedene Einflüsse.

Im Zentrum steht Gjermund Larsen an der Geige, sucht eine Balance zwischen den Liedern seiner Heimat, der Klassik und dem Jazz. Neben ihm steht Sondre Meisfjord am Kontrabass, gibt den Rhythmus vor, der Bogen bleibt meist im Köcher. Links wechselt Andreas Utnem zwischen Klavier und einem kleinen Harmonium aus einer Osloer Kirche. Bärtige Männer in ihren Dreißigern, die zusammen ihren eigenen Stil entwickelt haben, Ausnahmemusiker, in vielen Ländern unterwegs. Schnell springt der Funke über, die Spannung bleibt den ganzen Abend bei einer Musik, die Ohren, aber ebenso die Augen anspricht.

Nichts Spektakuläres, aber faszinierend in der Art, wie die drei intensiv miteinander kommunizieren. Die Blicke sind meist nach oben gerichtet, kreuzen sich an einem Punkt über ihnen. Dazu kommt der direkte Blickkontakt, sie reden mit den Augen. Immer wieder übernimmt der Pianist die Führung, führt die Melodie weiter, die verschiedenen Stränge vereinen sich und bewahren doch ihre Eigenart, als würden sie sich an einem gemeinsamen Stamm emporwinden. Man fragt sich, wie diese intensiv berührende Musik ohne Mikros klänge, ob sie nicht noch direkter und eingängiger wäre.

„Homemade“ sei seine Musik, auf dem Norwegischen basierend, sagt Gjermund Larsen, zugleich ist es eine sehr persönliche Musik. So gleich das erste Stück, das er geschrieben habe, um seine einjährigen Zwillinge zu beruhigen. Oder das Stück „Arrivals“, das die Freude beim Ankommen in der Heimat, in der Geborgenheit ausstrahlt. Larsen wiegt sich im Rhythmus, Intensität liegt in der Wiederholung, in der Wellenbewegung des Anschwellens und Sich-Zurückziehens, im leise Verebben. Der beste Monat sei der dunkle, regenreiche November, sagt er, da beobachte man das Wetter von drinnen, da komponiere er viel. „November“ und „Regentag“ heißen die atmosphärischen Stücke und man folgt dem beständigen Fallen der Tropfen, dem Rinnen des Regens. Dazu kommen in immer lebhafterer Dynamik Geselligkeit und Tanz, ein kleines Menuett, ein Walzer. Dann wieder beschreibt er seine Eltern: den Vater, der sein erster Fiddle-Lehrer war, in „Father’s Song“, die Mutter in der „Kitchen-Polka“, die hörbar macht, wie atemberaubend flink sie für die große Familie in der Küche wuselte. Eine eigene Hommage ist Johann Sebastian Bach gewidmet.

Larsen nimmt seine Melodien aus dem Alltag, er wird Teil einer langen Reihe von Künstlern, die jeweils auf ihre Weise auf Impulse aus ihrer Welt und Zeit reagiert und die eingefangenen Stimmungen weitergegeben haben in unsere Gegenwart. Dankbar wurden die Zugaben angenommen, dann war ein Abend zu Ende, der viel Gesprächsstoff geliefert hatte. Ein Abend für Liebhaber, für Insider.

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