Neger, Mohr, Zigeuner: Welche Worte dürfen sein?

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Tradition in Schwarz: Viele Wirtshäuser im Süden heißen „Mohren“.
Tradition in Schwarz: Viele Wirtshäuser im Süden heißen „Mohren“. (Foto: Friedrich Böhringer/wiki Commons)

Die neunjährige Sophia aus Lindau blättert gebannt in ihrem Lieblingsbuch und liest vor: „Meine Mama wohnt im Himmel und mein Papa ist Negerkönig in der Südsee.“ Auf dem Bild ist ein Mädchen mit wirr in die Höhe stehenden Zöpfen, das selbst einmal „Negerprinzessin“ werden will. Sein freches Gesicht ist übersät von Sommersprossen, zwischen ihren Schneidezähnen blitzt eine Zahnlücke aus dem Mund. Und an den dürren Beinen baumeln so eine Art Strapse, dass Tommy und Annika nur so staunen. Wenn die Figur von ihrem Papa erzählt, ist die Rede davon, dass er die „Neger-Sprache“ beherrsche, die im Taka-Tuka-Land gesprochen werde. Um wen es sich bei dieser kecken Göre handelt, muss jetzt niemand mehr extra erklären. Weil Pippi Langstrumpf fest verwurzelt ist im Langzeitgedächtnis sämtlicher Menschen, die in den vergangenen 75 Jahren selber mal Kind waren. Denn so lange gibt es die Figur der legendären Kinderbuchautorin Astrid Lindgren inzwischen.

Aber es ist nicht der Geburtstag von Pippi, der die Menschen immer wieder beschäftigt. Was viele aus ihren goldenen Kindheitserinnerungen reißt, die sie eng mit Pippi Langstrumpf verbinden, sind vielmehr Diskussionen sprachlicher Natur. Sie flammen immer dann auf, wenn mehr oder weniger historisch oder gesellschaftlich belastete Formulierungen gestrichen und ersetzt werden. Weil sie im Hier und Heute wie hinter der Zeit zurückgeblieben wirken. Weil sie die sprachliche Weiterentwicklung verschlafen zu haben scheinen. Weil sie durch die Sensibilitäten – auch der politischen Korrektheit – rassistisch und damit verletzend in eigentlich unschuldigen Schriften grell aufleuchten.

Debatten seit Jahrzehnten

Besondere Schlagzeilen hat der Begriff „Neger“ eben erst vor einigen Tagen wieder gemacht, als bekannt wurde, dass der Internetkonzern Google das „Negerbad“ in Friedrichshafen von seiner Landkarte tilgt. Aber der Punkt auf einer Landkarte – noch dazu einer digitalen – ist etwas ganz anderes als der Name eines Ortes, der für die Bewohner einer Stadt immer schon so geheißen hat. Wo sie an lauen Sommerabenden vielleicht unbekleidet in den Bodensee eingetaucht sind, den ersten Kuss ausgetauscht haben, oder mehr. Die Reaktionen sind gewaltig: Allein auf Facebook überfluten die Nutzer den entsprechenden Bericht der „Schwäbischen Zeitung“ in kurzer Zeit mit mehr als 1000 Kommentaren. Unversöhnlich stehen sich zwei Seiten gegenüber: Hier die einen, die laut danach rufen, „die politische Über-Korrektheit“ endlich über Bord zu werfen, als hinge ihre eigene Identität von einem altmodischen Wort ab. Dort die anderen, die in vorauseilender Beschwichtigung bereitwillig alle Worte, die auch nur den Hauch von Mehrdeutigkeit besitzen, durch sprachliche Harmlosigkeiten ersetzen würden.

Die Debatten um Begrifflichkeiten reichen weit zurück. Bereits in den späten 1960er-Jahren hat der Esslinger Verlag bei den Abenteuern um den Salamander „Lurchi“ Begriffe wie „Wilde“ und „Kannibalen“ aus den Texten eliminiert. Und nicht zuletzt weil es sich so schön reimt, ist aus dem „Lurchi“, der in einer Geschichte durch den Kamin fällt, statt einem „Negerlein“ ein „Schornsteinfegerlein“ geworden. Was einen ganz besonders eigenartigen Beiklang bekommt, wenn man bedenkt, welche Assoziationen der neue Begriff weckt, während der Ursprüngliche noch im Hinterkopf hallt. Jedenfalls ist auch der Oettinger Verlag, in dem Lindgrens Kinderbücher in Deutschland erscheinen, 2009 dazu übergegangen, den Begriff „Neger“ komplett von den Seiten zu streichen. Und darum steht in den Versionen der Kinderbücher von heute „Südsee-König“ und „Taka-Tuka-Sprache“.

Zeitgeist kann keine Entschuldigung sein

Neben vielen holzschnittartigen Argumentationen gibt es auch sehr differenzierte Betrachtungen in den Diskussionen, etwa: Kann ein Wort überhaupt beleidigend sein, wenn der, der es spricht oder schreibt, gar nicht beleidigen will? Corinna Bochmann ist Referentin bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPJM) in Bonn und hat 2013 eine 17-seitige Abhandlung über „politische Korrektheit in Kinderbüchern“ mit verfasst. Sie sagt: „Ob eine Wortwahl verletzend ist, richtet sich zunächst weniger nach der Intention des Verfassers, sondern ob die betroffene Personengruppe selbst diese Sprache als verletzend empfindet.“ Aber: „Begriffe wie ,Neger’ oder ,Zigeuner’ sind in der heutigen Zeit negativ konnotiert und weisen in der Regel darauf hin, dass der Verfasser diese Personengruppen verächtlich machen möchte.“ Es kommt also nicht nur darauf an, wer Begriffe benutzt, sondern auch in welcher Absicht er es tut. Und weil der Name eines Ortes – wie das Naturbad im Friedrichshafener Teilort Manzell – letzten Endes Interpretationssache ist, kann es auch nicht ausgeschlossen werden, dass sich Menschen durch diesen Begriff beleidigt fühlen.

Auf einem ganz anderen Blatt steht aber die Frage, ob Autoren wie Astrid Lindgren oder Otfried Preußler heute als Rassisten eingestuft werden dürfen, nur weil sie für die Zeit ihrer Niederschriften gebräuchliche Worte verwendet haben. Für die Frage, ob man an solchen Worten festhalten sollte, spielt das aus Sicht von Corinna Bochmann vom BPJM, aber keine Rolle: „Es ist unabhängig vom Verständnis des Textes zu seiner Entstehungszeit, zu prüfen, wie heutige Jugendliche den Text verstehen werden.“ Und weiter: „Auch wenn Texte, die aus einer Zeit stammen, in der Kolonialismus und Rassenlehre die Denkweise prägten, seinerzeit nicht in verächtlich machender Weise zu verstehen waren, sondern Ausdruck ihrer Zeit, so ist der Sinn der Worte heutzutage ein anderer.“ Außerdem: Kinder von heute können nicht wissen, was zu Otfried Preußlers Zeiten sprachlich üblich war und was nicht.

Rassismus oder Tradition?

Für viele Menschen bleibt dennoch eine Narbe, wenn jetzt mit kalter Präzision ein Wort aus einem Buch herausgeschnitten oder der Name eines alten Bades ersetzt wird. Kommt das doch für viele einer Art Amputation der eigenen Kindheit gleich. Ähnlich verhält es sich mit dem „Negerkuss“, der für heutige Kinder wie selbstverständlich Schokokuss heißt. Kompliziert wird die Angelegenheit, wenn Begriffe untrennbar mit Unternehmen verbunden sind. So sah sich im Jahr 2012 die Mohren-Brauerei aus Dornbirn in Vorarlberg Rassismusvorwürfen ausgesetzt. Name wie Logo müssten geändert werden, forderten Aktivisten. Auch in unserer Region gibt es Wirtshäuser, die seit ihrer Gründung „Mohren“ heißen. Ein weiteres prominentes Beispiel für einen sprachlichen Konflikt ist das „Zigeuner-Schnitzel“. Es steht für eine feurige Zubereitungsart mit einer scharfen Soße, in der Paprika und Zwiebeln eine zentrale Rolle spielen. Ist jemand, der ein solches Gericht bestellt, Rassist, oder der, der es kocht und serviert? Darf das so bleiben, oder muss das weg? Das muss weg, hat Hannover im Jahr 2013 als erste deutsche Stadt entschieden und den Begriff konsequent von den Speiseplänen aller kommunaler Einrichtungen gestrichen. Damit folgte sie auch der Forderung des Forums der Sinti und Roma in Hannover, dessen Vertreter sich ganz offenbar durch die Formulierung verletzt fühlen.

Für die neun Jahre alte Sophia aus Lindau ist eine Sprachdiskussion dieser Art jedenfalls vollkommen unbegreiflich. Sie findet Pippi Langstrumpf einfach toll. Wenn man sie fragt, was der Papa von Pippi beruflich macht, sagt sie: „Der ist doch Häuptling, oder?“ „Neger-König“ sagt sie nicht und „Südsee-König“ auch nicht, obwohl im Kinderzimmer Bücher liegen, die beide Formulierungen enthalten. Wenn sie über ein Wort stolpert, das sie nicht versteht, fragt sie ihre Eltern, die ihr dann erklären, was es bedeutet. Ob man es heute noch so verwendet. Und wenn nicht, auch erklären, warum das so ist.

Namensursprung ist ungeklärt

Davon abgesehen hat am Freitag ein Leser der „Schwäbischen Zeitung“ per Brief einen interessanten Gedanken ins Spiel gebracht. Demnach habe das Wort „Neger“ im Zusammenhang mit dem Bad in Friedrichshafen überhaupt nichts damit zu tun, dass es – wie zunächst angenommen – die Badestelle schwarzer Soldaten der französischen Besatzer gewesen sei. Ursprung sei schlicht das französische Wort für Schwimmen, also „nager“, das im Schwäbischen irgendwann zu „Neger“ geworden sei. Sozusagen ein sprachliches Missverständnis, das sauber übersetzt nichts weiter als „Schwimmbad“ bedeutet und gänzlich frei ist von irgendwelchen rassistischen Verdachtsmomenten.

Die Lokalredaktion der „Schwäbischen Zeitung“ in Friedrichshafen hat ihre Leser übrigens dazu aufgerufen, Vorschläge für einen neuen Namen des Bades einzureichen. Bis Freitag sind knapp drei Dutzend ernst gemeinte Entwürfe eingegangen. Allerdings auch über 100 mit dem unmissverständlichen Tenor „Negerbad bleibt Negerbad“.

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