Naturtalente jodeln im Dreivierteltakt

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Naturtalente jodeln im Dreivierteltakt
Naturtalente jodeln im Dreivierteltakt
Schwäbische Zeitung

Jodeln ist keine Sprache, sondern die Vokale sind dafür da, dass die Melodie transportiert wird. Das sagt Christine Lauterburg, die am Samstag einen Jodel-Workshop in der Zehntscheuer abhielt. Zwölf Interessierte haben sich eingefunden, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, und Lauterburg ist überrascht, wie gut das klappt.

Von unserer Mitarbeiterin   Babette Caesar

Totale Anfänger, was das Singen angeht, sind nur wenige der Teilnehmer. Doch speziell das Jodeln hat noch keiner wirklich vorher geübt, und so betreten sie in diesem zweistündigen Kurs Neuland. Im Internet ist einer darauf aufmerksam geworden, ein anderer beim bloßen Vorbeilaufen am Plakat bei der Zehntscheuer. Eine Teilnehmerin, ebenfalls aus der Schweiz, kennt die Seminarleiterin und wollte schon lange bei ihr teilnehmen. Sie liebe das Jodeln einfach, vor allem, wenn sie in den Bergen sei. „Ich glaube, es ist besser, ich spreche Deutsch“, begrüßt die Berner Sängerin und Jodlerin die Gruppe. Sie macht das locker und doch bestimmt, den Ablauf zu erklären und wie entscheidend die Haltung, nämlich am besten gar keine, und das Atmen seien.

An der Lockerheit der Kiefergelenke hapert es am meisten, beobachtet man deren ungeheure Beweglichkeit, wenn Lauterburg losjodelt. Zu Hause vor dem Spiegel üben, empfiehlt sie den Teilnehmern immer wieder, und dabei „wirklich so ein bisschen kuhblöd aussehen.“ Die spielerische Übung, sich auf der Bühne im Kreis aufstellen und mittels Vokalen den Mund von rund zu breit zu öffnen, ist eine experimentelle, in der sich bereits viel stimmliche Eigendynamik entwickelt. Auf das Ausprobieren legt Lauterburg Wert, nicht auf Perfektion. Und ihre Begeisterung über die natürliche Begabung einiger Teilnehmer – Männer wie Frauen – ist echt und offen. Alle 20 Minuten wird eine Pause eingelegt und etwas getrunken, da die Stimmbänder sonst den Dienst versagen.

Lauterburg vermittelt die gesangstechnischen Grundlagen auf recht anschauliche Weise. Das Zwerchfell sei wie ein Ring, den müsse man stützen; außerdem empfiehlt sie, den Oberkörper nach vorn zu beugen und zu hecheln wie ein Hund. Es brauche schon ziemlich viel Atemluft, wenn man das Jodeln in Angriff nehme. Aber fast noch wichtiger ist die Effizienz beim Atmen. Ein zweistimmiger Innerschweizer Naturjodel, der bekannte Muotataler Jodel-Zwiegesang von Wolfgang Sichardt als die ursprünglichste Art des textlosen Singens ist die erste Hürde, und etwas Noten lesen können muss man da schon.

„Jo lo u olo ulu lu jo ho“ tönt es, und nach der Pause steigert sich das noch in dem Volkslied „Summertag“ von Ernst Sommer und Beat Jäggi im Dreivierteltakt. Das Überspringen der Register, der sogenannte Kehlkopfschlag, bedeutet eine weitere Schwierigkeit, um zwischen Brust- und Kopfstimme zu wechseln und sich dem freien Klang der Melodie vollends hinzugeben. „Bravo!“ lobt Lauterburg die Seminargruppe. Das habe sie in der Schweiz selten erlebt, dass die zweite Stimme gleich so geht. Dafür gibt es zwei Naturjodler als Belohnung, und erst mal richtig warm geworden, klappen die fast von allein.

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