Mutmaßlicher Babybrei-Erpresser soll mit Entführung und Mord gedroht haben

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 Der Angeklagte auf dem Weg in den Gerichtssaal.
Der Angeklagte auf dem Weg in den Gerichtssaal. (Foto: Marijan Murat)

Recht skurril verläuft der dritte Verhandlungstag im Erpressungsprozess um vergifteten Babybrei am Landgericht Ravensburg. Die Befragung der ehemaligen Lebensgefährtin des Angeklagten und deren Schwester droht phasenweise so weit in Details abzudriften, dass ein Zusammenhang mit dem zu verhandelnden Fall für Außenstehende kaum noch zu erkennen ist.

In seiner am ersten Prozesstag von seinem Anwalt verlesenen Erklärung hatte der Angeklagte den Verlust seiner Reinigungsfirma Ende 2012 als entscheidenen Wendepunkt in seinem Leben dargestellt, der aus ihm einen perspektivlosen Hartz-IV-Empfänger, einen dem Suizid nahen Alkoholiker und schließlich einen aus Verzweiflung handelnden Erpresser gemacht haben soll. Verantwortlich dafür macht der 54-Jährige seine ehemalige Lebensgefährtin, die ihn um diese Firma betrogen haben soll.

Die Frage, wer denn nun tatsächlich Chef der Firma war und wer nur auf dem Papier, nimmt dementsprechend breiten Raum in der Befragung dieser Frau und deren Schwester ein. Dabei geht es so weit in Details, dass Prozessbeobachter sich bisweilen in einem Verfahren wähnen, in dem es nicht um Erpressung und vergifteten Babybrei geht, sondern um Wirtschaftskriminalität, Steuerhinterziehung oder auch um die Scheidung einer Ehe. Phasenweise erinnert das an live im Nachmittagsprogramm privater TV-Sender ausgetragene familiäre Schlammschlachten. Die Art und Weise, wie sich der Angeklagte mit präzise, ruhig und distanziert vorgetragenen Nachfragen selbst inszeniert und die ehemalige Liebe seines Lebens dabei siezt, erweckt fast den Eindruck, nicht der Mann neben ihm sei der Strafverteidiger, sondern er selbst.

Dass der vorsitzende Richter ihn und seinen Verteidiger lange gewähren lässt, könnte man als Dienst in Richtung des Sachverständigen deuten, der letztendlich eine Einschätzung zur Psyche des Angeklagten abgeben soll. Er soll an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden, war mehrfach in psychiatrischer Behandlung.

Nichtigkeiten führen zu Streit

Die ehemalige Partnerin bezeichnet den Angeklagten als Narzisst, als einen intelligenten Menschen, der einerseits sehr aufmerksam, liebe- und gefühlvoll sein könne, auf der anderen Seite ein Egozentriker sei, der sich selbst für den Größten halte. Sie sei sehr verliebt gewesen und habe durch ihre rosarote Brille nicht erkannt, dass der Mann irgendwann die volle Kontrolle über sie selbst übernommen habe. „Er hat mir meine Persönlichkeit geraubt“, sagt sie den Tränen nahe. Die 46-Jährige berichtet, dass es häufig Streitereien gegeben habe, Auslöser seien zumeist Nichtigkeiten gewesen – zum Beispiel die Art und Weise, wie sie eine Einkaufstasche gepackt habe. Gedroht habe er ihr häufig, zugeschlagen aber nie.

Als ein Mann, der „über den anderen steht“, grundsätzlich den Ton angeben will und keinen Widerspruch duldet, charakterisiert die Schwester der ehemaligen Partnerin den Angeklagten. Über sich selbst habe er gesagt: „Nach mir kommt Gott.“ Sie und ihre aus Kroatien stammende Familie habe er als „Kanaken“ bezeichnet, die Kinder ihrer Schwester als „Arschlochkinder“. In Tränen bricht die 45-Jährige aus, als sie davon berichtet, wie der Mann versucht habe, ihre 16-jährige Tochter zu entführen, nachdem die Beziehung zwischen ihm und ihrer Schwester in die Brüche gegangen war. Auch Morddrohungen soll es gegeben haben. Danach habe die Familie in permanenter Angst gelebt. „Wir waren uns sicher, dass er noch irgendwas machen wird, bevor er ins Gefängnis geht“, sagt sie.

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