Mordprozesse beginnen frühestens im Winter

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Blumen und Kerzen stehen am 01.07.2016 in Unteresschach.
Blumen und Kerzen stehen am 01.07.2016 in Unterschach bei Ravensburg (Baden-Württemberg) vor dem Haus, in dem ein Mann in der Nacht auf den 01.07.2016 seine Frau und deren beide Töchter erschlagen haben soll. (Foto: Archiv Felix Kästle)

Eine vergleichbare Ballung von Gewaltverbrechen hat es in der Region bislang noch nicht gegeben: Innerhalb von drei Wochen kamen im Mittleren Schussental Ende Juni bis Anfang Juli fünf Menschen gewaltsam zu Tode. Ihre mutmaßlichen Mörder sitzen in Untersuchungshaft, die Ermittlungen laufen. Wann die Prozesse vor der Schwurgerichtskammer des Ravensburger Landgerichtes beginnen, steht derzeit noch nicht fest.

„Grundsätzlich werden Haftsachen natürlich beschleunigt verhandelt, damit die Tatverdächtigen nicht überlang in Untersuchungshaft sitzen müssen“, sagt Matthias Geiser, Pressesprecher des Landgerichtes Ravensburg. „Aber bislang haben wir noch keine Anklagen vorliegen.“ Da die Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitz von Jürgen Hutterer für alle Tötungsdelikte zuständig ist und dort noch zahlreiche Verhandlungen laufen, kann sich der Prozessbeginn bis ins nächste Jahr hinziehen. „Frühestens Ende des Jahres“, schätzt Geiser, „aber das ist alles spekulativ.“

Spurensicherung am Tatort ist abgeschlossen

Oberstaatsanwalt Karl-Josef Diehl, der die Fälle bearbeitet, erläutert auf Anfrage unserer Zeitung den Stand der Ermittlungen. Das erste Gewaltverbrechen ereignete sich am 21. Juni in Weingarten. Ein 60-Jähriger und seine 39-jährige Partnerin sollen den ehemaligen Geliebten der Frau (49) getötet haben. Der mutmaßliche Mörder saß bis 2012 in Haft, weil er zuvor schon zwei Menschen umgebracht hatte. Das Opfer wurde durch einen Kopfschuss aus kurzer Distanz getötet.

„Die Spurensicherung am Tatort ist abgeschlossen“, so Diehl. Eine eigens bei der Kripo eingerichtete Sonderkommission wurde am Montag aufgelöst. Die Tatverdächtigen werden gerade von Psychiatern untersucht, deren Gutachten für den Prozess benötigt werden – das ist üblich bei Gewaltverbrechen. Voraussichtlich können die Ermittlungen in diesem Fall demnächst abgeschlossen werden, glaubt Diehl – „zumindest vorläufig, denn einzelne Untersuchungsergebnisse werden auch hier sicher noch etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen“.

Zahlreiche Zeugen vernommen

Noch rund zwei Monate werden die Ermittlungen im spektakulärsten Gewaltverbrechen dieses Jahres dauern: Am frühen Morgen des 1. Juli hatte ein 53-Jähriger in Untereschach seine aus Thailand stammende Ehefrau (37) und die beiden Stieftöchter (18 und 14) mit einem Beil und einem Messer getötet. Er hat gestanden, das Motiv war wohl Eifersucht und Verzweiflung darüber, dass die Frau einen neuen Freund hatte und den Ehemann verlassen wollte.

„Im Fall Untereschach haben wir vor kurzem den Tatort frei gegeben, nachdem die umfangreiche Spurensicherung dort abgeschlossen ist“, so der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft. Die Ergebnisse werden nun von Experten des Landeskriminalamts Stuttgart begutachtet. „Zugleich werden zahlreiche Zeugen aus dem persönlichen und beruflichen Umfeld des Beschuldigten und der drei Getöteten vernommen“, erklärt Diehl weiter. Die Kripo wertet zudem Datenträger aus, und auch hier prüft ein psychiatrischer Sachverständiger die Schuldfähigkeit des Ehemannes. Diehl: „All dies soll den genauen Tathergang und die Hintergründe dieser schrecklichen Tat möglichst umfassend aufklären.“

Zweifel an Selbstmord

Schwieriger gestalten sich die Ermittlungen im Fall des 45-jährigen Mannes, der möglicherweise den Selbstmord seiner Frau in Berg vorgetäuscht hat. Die 43-jährige Mutter von drei Kindern war am 10. Juli erhängt in ihrer Wohnung gefunden worden. Später kamen Zweifel an der Selbstmordtheorie auf, der von der Frau getrennt lebende Mann geriet in den Fokus der Ermittlungen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

„Im Fall Berg ist die Kriminaltechnik noch mit umfangreichen Ermittlungen und Untersuchungen am Tatort tätig. Auch die Gerichtsmedizin ist hier noch mit eingebunden“, sagt Diehl. Eine Sonderkommission der Polizei arbeite mit Nachdruck am Verfahren. „Einen Abschluss der Ermittlungen kann ich hier zeitlich noch nicht genau prognostizieren. Wir sind aber bestrebt und natürlich auch aufgrund des Beschleunigungsgebots in Haftsachen und der im Ermittlungsverfahren geltenden Unschuldsvermutung rechtlich dazu verpflichtet, auch diesen Fall so schnell wie möglich aufzuklären und die Ermittlungen abzuschließen.“ In allen drei Fällen geht die Staatsanwalt derzeit von Mord aus.

Das Stichwort: Mord und Totschlag

Im deutschen Strafrecht wird zwischen Mord und Totschlag unterschieden. In Abgrenzung zur fahrlässigen Tötung (etwa bei einem Verkehrsunfall) liegt beiden Straftaten eine Absicht zu Grunde, das Opfer zu töten. Um Totschlag kann es sich zum Beispiel handeln, wenn der Täter im Affekt in einer besonderen emotionalen Lage handelt, ohne die Tat vorher geplant zu haben. Mordmerkmale sind hingegen neben der Planung zum Beispiel

- Habgier (etwa, um an die Lebensversicherung des Partners zu kommen)

- Mordlust (Freude am Töten)

- die Befriedigung des Geschlechtstriebs (Lustmord)

- Heimtücke (Ausnutzen der Wehrlosigkeit des Opfers, zum Beispiel im Schlaf)

- die Verdeckungsabsicht einer anderen Straftat oder Ermöglichungsabsicht einer anderen Straftat

- sonstige niedere Beweggründe wie Rassenhass

- Grausamkeit (das Opfer verdursten lassen, foltern, quälen)

- gemeingefährliche Mittel (zum Beispiel Bomben)

Totschlag wird mit Haft von fünf bis 15 Jahren bestraft, während auf Mord „lebenslänglich“ steht. Die lebenslange Freiheitsstrafe wird auf unbestimmte Zeit (mindestens 15 Jahre) ausgesprochen, danach wird in regelmäßigen Abständen in einer Haftprüfung festgestellt, ob der Rest der Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Durchschnittlich bedeutet lebenslang in Deutschland 17 bis 20 Jahre. Außer bei einer besonderen Schwere der Schuld, dann verlängert sich die Haftstrafe im Schnitt auf 23 bis 25 Jahre. Liegt eine Gefährdung der Allgemeinheit vor (bei zu befürchtender Rückfälligkeit eines Triebtäters zum Beispiel) kann auch nach minderschweren Straftaten wie gefährlicher Brandstiftung, bei der nur ein Sachschaden entstanden ist, eine Sicherungsverwahrung angeordnet werden, die im Grunde einer lebenslangen Freiheitsstrafe (allerdings unter angenehmeren Bedingungen) entspricht.

Die Urnen der beiden im Juli in Eschach getöteten Mädchen werden in Thailand beigesetzt. Auf diese Lösung haben sich der thailändische Konsul Parama Chamrasromran und die Stadt Ravensburg in einem Gespräch am Mittwoch geeinigt. Dies sei für alle Beteiligten die beste Lösung.
Die beiden getöteten Mädchen aus Untereschach können nun wie ihre Mutter in Thailand beigesetzt werden. Die Urnen mit der Asche sollen so schnell wie möglich überführt werden.
Die Staatsanwaltschaft Ravensburg dementiert nicht, dass es sich um einen vorgetäuschten Selbstmord handeln könnte.
In der JVA Ravensburg wurde der mutmaßliche Mörder von Eschach von Gefängnisinsassen verprügelt.
In Eschach bei Ravensburg hat in der Nacht zum Freitag ein 53-jähriger Mann seine 37-jährige Frau und seine beiden Stieftöchter mit einem Beil getötet.
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