Mitten ins Herz, aber doch nicht ganz

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 Voller Inbrunst singen Nils Wanderer und Vera Maria Bitter Händel-Arien im Festsaal Weißenau.
Voller Inbrunst singen Nils Wanderer und Vera Maria Bitter Händel-Arien im Festsaal Weißenau. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

„Barocke Highlights“ hat sich der Ravensburger Verein „Frauen und Kinder in Not“ für sein jüngstes Benefizkonzert am Samstagabend auf die Fahnen geschrieben. Wie gut die Interpretation ausgesuchter Händel-Arien der drei jungen Solisten war, daran ließen die Besucher im halbvoll besetzten Festsaal im Kloster Weißenau keinen Zweifel. Bravorufe und stehende Ovationen spendeten sie den Auftritten. Mit kleinen Abstrichen.

Georg Friedrich Händel trifft 1712 in London ein, wo er fortan seine neue Heimat findet. In rascher Folge entstehen hier neben Motetten, Suiten und Instrumentalkonzerten vor allem Opern. Anhaltende Widrigkeiten begleiten seinen Kampf um das italienische Opernideal. Bis er aufgibt, sind 40 Opern entstanden. Hieraus – aus „Rinaldo“, „Giulio Cesare“, „Alcina“ oder „Serse“ – haben Countertenor Nils Wanderer aus Baden-Württemberg, Mezzosopran Vera Maria Bitter aus Ansbach und die Pianistin Urszula Barnas aus Tarnów ihre Auswahl getroffen. Alle drei studieren noch – Bitter und Barnas am Mozarteum in Salzburg, Wanderer an der Londoner Guildhall School –, sind aber bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und durch internationale Auftritte bekannt.

Im zehnten Jahr ihrer gemeinsamen Vereinsarbeit, so Christine Herzer in ihrem Grußwort, freuen sie sich über dieses Highlight. Zusammen mit Suse Schmidt, die den Kontakt zu Wanderer herstellte, Barbara Rogge, Irma Frey und Barbara Wolf hätten sie in den letzten Jahren ein erfolgreiches Kulturprogramm auf die Beine gestellt. So erfolgreich, dass Künstler mittlerweile auf sie zukämen. „Machen wir!“, hätten die drei Solisten sofort dem Benefizkonzert zugestimmt. Dementsprechend berührt von deren Ernsthaftigkeit, ihrer Emotion und ihrem Können zeigten sich die meisten Besucher. „Gänsehaut-Faktor“ hätte sich vielfach eingestellt angesichts der enormen Stimmbandbreite Wanderers, der als großes Nachwuchstalent gefeiert wird.

Technisch brillant mit stark ausgereizten Höhen

Liebe und Leid, eben alle Facetten des Lebens, die Händel reflektiere, machten seine Opern für ihn so spannend. In geradezu barocker Tracht, doch trendigem Haarschnitt gab sich Wanderer traditionell und modern zugleich. In seiner Gestik vielleicht etwas zu statisch, eröffnete er den Abend mit dem Arien-Hit „Lascia ch´lo pianga“ als Rinaldo, der sein grausames Schicksal beweint. Ab hier war klar, Wanderer fokussiert Dramatisches und Verletzliches in „Cara sposa“, wo er stimmlich bei sich angekommen ist. Er gibt sich gelöster spätestens in der Arie des Cesare „Va tacito“. Harmonischer und geschlossener, warmtoniger und leichter wird sein Mezzosopran eindringlicher, emotionaler und wahrhaftiger. Im Kontrast dazu reizt er die Töne teils bis zum Anschlag aus, was stimmtechnisch faszinierend und brillant ist, aber gefühlstechnisch zu großen Differenzen führt und eine gewisse Künstlichkeit erzeugt.

Sieben Jahre würden sie sich schon kennen, doch gemeinsam seien sie noch nicht aufgetreten. So feierten Bitter und Wanderer an diesem Abend auch eine Premiere – zusammen mit Barnas, die in der Arie des Sesto „Svegliatevi nel core“ das auffahrende Timbre Bitters mit lebhaften Kaskaden untermalte. Im Wechsel dazu ruhig-poetische Partien, die Bitter bei aller Furienhaftigkeit zum Durchatmen verhalfen. Bewundert wurden ihre Koloraturen in der Arie der Bradamante „Vorrei vendicarmi del perfido cor“ aus „Alcina“, in der ihr Mezzosopran an Raum und entspannter Selbstverständlichkeit gewann.

Interpretation leidet etwas unter der Aussprache

Worunter ihre Interpretation etwas litt, war die Aussprache, die teils unsauber ausfiel. Wett machte sie das in der Arie der Dejanira „Where shall I fly“ aus Hercules. Hier verwandelte sie sich in eine Furie, die schimpfend und zeternd ihrer Wut freien Lauf ließ. Mit Vehemenz stürzte sie sich in diese Tour de force, belohnt von Bravorufen. Ein Duett beider Sänger durfte an diesem Abend nicht fehlen. Sehr ruhig und getragen und fast zum Dahinschmelzen angesichts des ausgewogenen Zusammenklangs als Sesto und Cornelia in „Son nata a lagrimar“ – lustvoll und spielerisch in einem inszenierten Liebestaumel als Tolomeo und Seleuce in „Tutto contento or gode“.

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