Mitreißendes Debüt berauscht das Publikum

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Ein mitreißendes Dirigierdebüt: Nikolaus Henseler dirigiert im Ravensburger Konzerthaus einen Beethoven-Abend mit dem Augsburge
Ein mitreißendes Dirigierdebüt: Nikolaus Henseler dirigiert im Ravensburger Konzerthaus einen Beethoven-Abend mit dem Augsburger Orchester „La Banda“. (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Selten dürfte ein Debüt so furios, so meisterlich geistig durchdrungen sein wie das erste Sinfoniekonzert, das Nikolaus Henseler dirigiert hat. Das haben wohl alle gespürt, die dabei waren, als er am Samstagabend im Konzerthaus Ravensburg und tags darauf im Graf-Zeppelin-Haus Friedrichshafen mit dem renommierten Augsburger Orchester „La Banda“ ein reines Beethoven-Programm dirigierte.

Musik ist von Kind an Nikolaus Henselers Leidenschaft, doch zuerst hat der 1991 Geborene als jüngster Absolvent in Konstanz ein Masterstudium der Philosophie und Germanistik abgeschlossen, ehe er an der Musikhochschule Trossingen den Master im Klavierstudium machte. Jetzt steht er kurz vor dem Abschluss des Studiums im Fach Chorleitung.

Man kennt ihn in der Region bereits als ambitionierten Chorleiter des Vokalensembles „Camerata Serena“, mit dem er im März Brahms’ „Deutsches Requiem“ aufführte, zusammen mit dem Orchester „La Banda“, mit dem er jetzt das Beethoven-Konzert realisierte.

Markant ist der Einstieg mit Beethovens Schauspielouvertüre, besser gesagt, sinfonischer Dichtung zu Heinrich Joseph von Collins Drama „Coriolan“. Aggression und Unsicherheit des frevelhaften Titelhelden, der seine Vaterstadt Rom angreift, mischen sich mit dem Flehen der römischen Frauen, dem Appell der Mutter um Frieden. Doch es sind nicht die Kontraste allein, die hier faszinieren. Von Anfang an spürt man bei Henseler die messerscharfe Analyse, der reflektierte Umgang mit Tempi, mit Verzögerungen bis zum völligen Stillstand und neuer Beschleunigung, wie mit Crescendi und Decrescendi. All das in sehr präzisem, unaufgeregtem Dirigat – eine Show würde auch gar nicht zu seiner Persönlichkeit passen. So berichten auch Orchestermitglieder begeistert von den wohlüberlegten, effektiven Proben, vertrauensvoll folgen sie seiner Intention, die Beethoven aufregend jung und neu erleben lässt.

Das gilt für die spannungsvolle Ouvertüre, die mit dem Tod des Titelhelden mit leisen Pizzicatotönen zu Ende geht. Das gilt ebenso für die nachfolgenden zwei Sinfonien des Abends. Pulsierende Lebensfreude sprüht aus der Sinfonie Nr. 8. In klarem, durchsichtigem Spiel erlebt man den tänzerischen Elan, die aufblühende Energie des Allegro, die heitere Beschwingtheit des Allegretto, die mit männlicher Kraft gepaarte Anmut des Menuetto und zuletzt die nach filigran schwirrendem Beginn ausgelebte Dualität. Zum Hörgenuss trägt ebenso das lebendige Musizieren des Orchesters bei, das auf historischen Instrumenten spielt, der silberne Klang der Geigen, der weiche Ton der Bläser.

Am Ende steht als Höhepunkt die eindringliche Sinfonie Nr. 7. Wunderbar ist die Lyrik ausgemalt, fein das Zusammenspiel von Bläsern und Streichern, sensibel das Klanggeflecht. In berauschender Dynamik werden große Crescendi zelebriert.Bis an die Grenze des Unhörbaren geht Henseler im Trauermarsch, bevor tröstliche Verheißung aufblüht. Lebensfroh strahlt das Tutti im Scherzo, jubilierenden Flöten antworten selbstbewusst die tiefen Bläser. Henseler hält die Spannung durch bis zum letzten lustvollen Galoppieren, zum gewaltigen Klangrausch, der Musiker und Zuhörer erfasst. Bravi ertönen, ein ungewöhnlich langer, herzlicher Beifall, und langsam löst sich die Anspannung auf Henselers Zügen.

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