Mit einer App Essen vor dem Müll retten

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 Das ist die App fürs Handy.
Das ist die App fürs Handy. (Foto: Julius Böhm)
Julius Böhm

Die Themen Klima und Umweltschutz bestimmen seit Monaten Politik, Medien und die Diskussionen am heimischen Küchentisch. „Fridays for Future“ und Co. fordern radikale Veränderungen der Politik. Dabei hat jeder einzelne Bürger mit seinem Handeln die Möglichkeit, den Planeten zu schonen. Zum Beispiel auf dem eigenen Teller. Die App „To Good To Go“ versucht, die Verschwendung von Lebensmitteln zu verhindern, so das Klima zu schonen und dabei noch Geld zu sparen. Auch in Ravensburg machen Geschäfte mit und geben nicht verkaufte Waren günstig ab.

Auch in Ravensburg haben die Studenten neben der Planungen der nächsten Party und der Vorbereitung auf die Klausurenphase vor allem zwei Probleme: Hunger und chronische Geldnot. Deshalb treffen sich Maria Hiegelsberger (22) und Lorenzo Ligresti (19) an einem Mittwochabend vor der Backwerk-Filiale am Marienplatz in Ravensburg. Via App haben sich die Medien-Studenten am Vormittag für 3,50 Euro einen Online-Coupon gekauft. Dafür dürfen sich die beiden kurz vor Ladenschluss nun Waren im Wert von neun Euro aussuchen, die andernfalls in den Müll wandern würden.

 So sehen glückliche Lebensmittelretter aus: Maria Hiegelsberger und Lorenzo Ligresti mit ihrer Beute.
So sehen glückliche Lebensmittelretter aus: Maria Hiegelsberger und Lorenzo Ligresti mit ihrer Beute. (Foto: Julius Böhm)

Die Beute für heute: eine Brezel, ein überbackener Hot-Dog, ein Schnitzelbaguette und ein Wrap mit Pute. „Einfach großartig und für den schmalen Studentengeldbeutel bestens“, sagt Lorenzo und fügt grinsend an, „und wenn man damit noch etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln tun kann, umso besser.“ Maria ergänzt: „Es ist so einfach und so logisch. Mit diesem System gibt es eigentlich nur Gewinner – die Kunden, die Betriebe und die Natur.“

85 Kilo Lebensmittelverschwendung pro Kopf

Die Realität in Deutschland ist alarmierend: Laut einer Studie der Universität Stuttgart wandern jährlich etwa 13 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll. Etwa 40 Prozent davon stammen aus den Kühl- und Küchenschränken der Privathaushalte. 85 Kilogramm Lebensmittelverschwendung pro Kopf. Schuld daran sind schlechte Planung beim Einkauf, falsche Lagerung und wenig Wertschätzung für Essen und Trinken.

Diese Verschwendung ist jedoch nicht nur ethisch bedenklich, sondern hat auch große ökonomische und vor allem ökologische Auswirkungen. Sowohl bei der Herstellung als auch bei der Vernichtung von Lebensmittel werden Energie, Rohstoffe und sehr viel Wasser verbraucht. Für den Anbau einer Avocado etwa 400 Liter Wasser, für ein Rindersteak fallen bis zu 4000 Liter an. Außerdem entsteht für jedes weggeworfene Lebensmittel zusätzlicher Verpackungsmüll und Emissionen durch Transport und Lagerung.

„Geld sparen und die Welt verbessern“

Diesem beunruhigenden Phänomen möchte „To Good To Go“ entgegenwirken. Mit der App können Restaurants, Bäckereien, Cafés, Hotels und Supermärkte ihr überschüssiges Essen zu einem vergünstigten Preis an Selbstabholer anbieten. Einzige Regel: mindestens 50 Prozent Rabatt. Im Durchschnitt kostet eine Portion drei Euro,„To Good To Go“ erhält für die Vermittlung eine kleine Provision. Dann kann sicher jeder kurz vor Ladenschluss seine Portion abholen, auch mit eigenen Tüten und Behältern, um Müll zu vermeiden. Deutschlandweit gibt es derzeit 2800 Partnerläden in rund 400 Städten. In Ravensburg wurden in vier Betrieben bereits über 1000 Mahlzeiten vor der Mülltonne gerettet und somit 2,5 Tonnen CO2 eingespart.

„Wir setzen uns für eine Welt ein, in der produzierte Lebensmittel auch konsumiert werden. Unser Auftrag lautet dabei: Essen retten, Geld sparen und die Welt verbessern“, sagt Franziska Lienert, Sprecherin des Berliner Start-ups auf Nachfrage der„Schwäbischen Zeitung“. Kritiker befürchten, das Konzept könnte den regionalen Tafeln die Essensspenden streitig machen. Dieses Argument kann Lienert leicht entkräften: „Die traurige Wahrheit ist, dass so so viele Lebensmittel verschwendet werden, dass für alle Tafeln und unsere Kunden mehr als genug Portionen und Spenden übrig bleiben. Und natürlich wollen wir niemandem etwas wegnehmen. Im Gegenteil: Wir wollen dafür sorgen, dass Lebensmittel wieder wertgeschätzt werden.“

Um die Tafeln zu unterstützen, hat „To Good To Go“ in einigen Großstädten Partnerschaften mit den Tafeln aufgenommen. So können Kunden in Berlin, Frankfurt, Hamburg und München eine „Portion“ bei der Tafel bestellen, das Geld wird dann direkt dorthin gespendet.

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