Mit dem Troko unterwegs

Lesedauer: 7 Min
Troko Rutenfest Trommlerkorps Ravensburg
Troko Rutenfest Trommlerkorps Ravensburg (Foto: Fotos: Barbara Sohler)
Barbara Sohler

Das Trommlerkorps, kurz „Troko“, gehört zum Ravensburger Rutenfest wie das Riesenrad zum Rummel. Etliche Legenden ranken sich um die 34-köpfige Schar junger Gymnasiasten, die während des Rutenfestes zu Stars werden und begehrliche Blicke einheimsen, sich aber gleichsam verschlossen geben und oft als „elitär“ verunglimpft werden. Einen Tag lang haben wir das Troko und dessen Hintermannschaft begleitet.

Rutensonntag, 5 Uhr. Am Eingang zum Hauptfriedhof steht der „Versorger“ – ein unauffälliger Sprinter mit dem Logo eines Autoverleihs –, die Ladetüren weit geöffnet. Junge Männer in schwarzer Hose und gestärktem Hemd wuseln herum, leuchten im Dunkeln nach Schlagzeugsticks, stülpen weiße Handschuhe über, richten ihre Käppis, justieren noch einmal die Eichelblätter. Vor der Aussegnungshalle parkt Annette Dämpfle, die Mama von Rutenhauptmann Otto, lädt blau-weiße Blumengebinde aus.

Keine 15 Minuten später beginnt Ottos Hauspfarrer Ralf Brennecke mit der kurzen Messe, zu der das komplette Troko eingelaufen ist. „Heldenhaft“ nennt Brennecke die Truppe, zitiert eine Textpassage aus dem Markusevangelium, Kapitel drei. Das Rutenfest sei eine große Familie, er spricht von „Gnade, Güte und Menschlichkeit – bei aller Festfreude“. Einer der Jungtrommler gähnt. Geschlafen hat er exakt vier Stunden. Draußen beginnen die Vögel zu zwitschern. Drinnen sprechen die Trokos die Fürbitten und das Vaterunser.

Seit Jahren gehört es zur Tradition des Trommlerkorps sich den Segen der Kirche abzuholen – und die verstorbenen Mitglieder an den Gräbern zu besuchen. Auch heute besucht die Riege das Grab von „Trommlermutti Gertrud Blank“, wie Adjutant Luca Liewig vorliest. Sie spielen den Trauermarsch, legen behutsam ein Gesteck nieder. Die Tour über den taufeuchten, stillen Friedhof ist besinnlich, fast meditativ. Und will so gar nicht zum lauten, feierwütigen Image des Trommlerkorps passen. Denn wer vom „Troko“ spricht, der denkt meist nur an die legendären, feuchtfröhlichen Partys, das Gröhlen aus zig Bärengarten-Kehlen, die „Buaba, wir sind stolz auf euch“ skandieren. In der Tat können die Trokos beides. Besinnlich-traditionsbewusst und über die Schnur hauen, sprich: feiern, bis der Arzt kommt.

Dass vom Arzt selten Gebrauch gemacht werden muss, dafür sorgt der Versorgertrupp. Im Kleinlaster, den in der Samstagsschicht Adjutantenvater Frank Liewig und Vortrommlerpapa Günter Scheriau fahren, stehen im Laderaum palettenweise Energydrinks der Marke „Doc“. Und für den Fall eines Insektenstiches, einer gerissenen Gürtelschlaufe oder eines wundgescheuerten Oberschenkels wartet hier ebenfalls Hilfe. Das Notfall-Necessaire hält Fenistil, Sicherheitsnadeln und sogar Damenbinden bereit. „Die taugen prima zum Aufkleben auf die Schenkel, wenn die Trommel reibt“, erläutert Liewig. Außerdem an Bord: Ersatzhemden, -hosen und –krawatten. Und die sogenannte „Sackbotanik“, nämlich die Blumensträußchen, die die Trokos am Bund tragen. Und solange die Jungs marschieren – im Gleichschritt, die Augen geradeaus – von einem Auftritt zum nächsten, fährt der Versorgerbus voraus. Wie das Servicemobil bei der Tour de France.

Über 500 Adressen trommelt das Troko heuer an. „Das ist extrem viel, im Vergleich zu anderen Trommlergruppen und für das Troko Ausnahmezustand“, sagt Lorena Dämpfle, Hauptmanns Schwester, die als stete Begleiterin beinahe alles filmt. Die 21-jährige Studentin ist es auch, die auf das Adjektiv „elitär“ reagiert. „Das stimmt nicht. Selbst Jungs aus weniger betuchtem Elternhaus können beim Troko mitmachen, dafür gibt es sogar eigens einen Förderverein“, erklärt Lorena aufgeräumt.

Richtig jedoch ist, dass sich praktisch die ganze Familie dem Rutenfest unterordnen muss, wenn der Sohn ins Troko gewählt wird. Sprich Papa Liewig kutschiert nachts, nach dem inoffiziellen „kleinen Trommlerball“ im Bacchus die letzten Festhupen nach Hause und kehrt vorsichtshalber auch noch das Altglas zusammen. Und Mama Claudia Liewig? „Ich wasche und bügle nachts, wie die anderen Troko-Mamas auch“, gesteht sie lachend.

Flädlesuppe zur Stärkung

Bevor es am Sonntag nun anhand eines minutiös ausgetüftelten Marschplanes zu genau 126 Adressen geht – zum „Antrommeln“ vor einer meist großen, enthusiastischen Fan-Schar – bevor überhaupt irgendwo der Ruf nach den „Buaaaaba“ erschallen kann, setzen sich die Trommlerkorps-Mitglieder in der Spohn-Mensa um halb sieben in der Früh noch zu einem Frühstück zusammen: Stärken sich an hausgemachter Flädlessuppe, nippen an einem Becher heißen Tee oder essen ein Stück Melone. Kredenzt von Troko-Müttern. Die getreu dem diesjährigen Troko-Motto „Eine große Familie“ grandios anpacken und das Rutenfest im Verborgenen für ihre Jungs und damit für die Ravensburger zu einem besonderen Erlebnis machen. Und damit auch wirklich alles glänzt, gehen die Mamas auf die Knie – und polieren ihren Buben noch ein letztes Mal die Schuhe.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen