Mehr als eine bewegende Geschichte: „Das ist alles wirklich passiert“

Lesedauer: 4 Min
 Anderthalb Stunden ganz großes Theater: Schauspieler Alex Niess im „Zigeunerboxer“.
Anderthalb Stunden ganz großes Theater: Schauspieler Alex Niess im „Zigeunerboxer“. (Foto: Elke Oberländer)
Elke Oberländer

Das Stück „Zigeunerboxer“ ist wieder zu sehen am Samstag, 6. April, am Mittwoch und Donnerstag, 8. und 9. Mai, sowie am Freitag, 7. Juni, jeweils um 20 Uhr im Theater Ravensburg.

Seit über drei Wochen war die Premiere schon ausverkauft – 150 Zuschauer haben am Freitag im Theater Ravensburg das Solostück um den „Zigeunerboxer“ Johann Ruki Trollmann mitverfolgt. Auf der Bühne hat Alex Niess anderthalb Stunden nonstop ganz großes Theater geboten. Um es vorwegzunehmen: Die Begeisterung hat das Publikum von den Sitzen gerissen zu anhaltendem Applaus im Stehen. Viele Gäste haben nach der Vorführung noch lange im Theatercafé über das Stück diskutiert.

„Mensch, das war immer wieder so vollkommen still, das hab ich hier im Theater noch nie erlebt“, sagt eine Zuschauerin nach der Vorstellung. Viele Besucher verbinden das Theater Ravensburg eher mit Gelächter und lockerer Unterhaltung. Die Geschichte des Ruki Trollmann dagegen ist harte Kost: Der Boxer aus Hannover gewann 1933 die Deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht. Wegen seiner sinto-deutschen Wurzeln wurde ihm der Titel jedoch wieder aberkannt. Ruki Trollmann wurde 1944 im Konzentrationslager Wittenberge ermordet.

Kisten, Säcke und Seile – nur wenige Requisiten

Im Stück kämpft sein Freund Hans mit der Erinnerung und mit der Reue. Dass „Zigeunerboxer“ ein Schimpfwort ist, will Hans nicht bemerkt haben. Als Ruki bei den olympischen Spielen nicht für Deutschland antreten darf, da hält Hans sich raus, widerspricht nicht. Später wird der Spielraum für Solidarität mit dem Freund immer enger. Auf der Bühne ist Niess vor allem Hans, mal Ruki, mal ein Kampfrichter oder ein Wächter. Mehrfach gibt es Szenenapplaus. Auf der Bühne genügen dem Schauspieler ein paar Kisten, Seile, Säcke, um im Boxring, in der Altstadt oder im Arbeitslager zu agieren.

Nach der Vorführung kommt die 84-jährige Rita Vowe-Trollmann auf die Bühne, die Tochter des ermordeten Boxers. „Das war großartig“, sagt sie und umarmt Schauspieler Niess. „Du hast mir meinen Papa wieder näher gebracht.“ Für die Zuschauer ein intensiver Gänsehaut-Moment. „Sonst kann man rausgehen und sich denken: Ist alles nur Theater“, sagt später ein Gast im Theatercafé. „Aber das hier, das ist alles echt, das ist alles wirklich passiert.“

Tochter des Protagonisten aus Berlin angereist

„Und für uns hier in Ravensburg ist das gar nicht so weit weg“, ergänzt eine Besucherin im Theatercafé. „Als ich klein war, hat meine Mutter immer gesagt: Geh nicht in den Ummenwinkel!“ An der aktuellen Theaterproduktion sind Sinti-Jugendliche beteiligt, die heute in der Siedlung leben: Sie haben an Bühnenbild und Kostümen mitgearbeitet. Das Ravensburger Sinti-Jazz-Trio „Die Drahtzieher“ sorgt für die festliche Stimmung im Theatercafé.

Unter den Feiernden im Café ist auch Rike Reiniger. Die Autorin des Theaterstücks ist aus Berlin zur Premiere angereist. Die Ravensburger Inszenierung habe ihr sehr gut gefallen, sagt sie. Inszeniert hat den „Zigeunerboxer“ der türkische Regisseur Emrah Elciboga aus Istanbul. Seit 2016 lebt er in Ravensburg. Er sei ein großer Gewinn für das Theater, lobt Schauspieler Niess.

Das Stück „Zigeunerboxer“ ist wieder zu sehen am Samstag, 6. April, am Mittwoch und Donnerstag, 8. und 9. Mai, sowie am Freitag, 7. Juni, jeweils um 20 Uhr im Theater Ravensburg.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen