Masernprozess endet mit spektakulärem Urteil

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Ihm winken 100 000 Euro: der Kläger David Bardens.
Ihm winken 100 000 Euro: der Kläger David Bardens. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand)
Dirk Grupe

Der Impfgegner Stefan Lanka besitzt eine Eigenschaft, die alle Verschwörungstheoretiker eint: Sie leugnen die Vorgänge dieser Welt. Ihre Leugnungen aber, die stellen sie nie in Zweifel, komme, was wolle. So steht auch Lanka an diesem sonnigen, aber kühlen Morgen vor dem Landgericht Ravensburg und sagt in unverrückbarer Selbstgewissheit zu Dutzenden Medienvertretern, die aus dem ganzen Land angereist sind: „Es gibt keinen Zweifel.“

Keinen Zweifel, dass er den Prozess gewinnen werde, keinen, dass es ein Masernvirus an sich gar nicht gibt. Dass Masernimpfungen deshalb sinnlos und „wissenschaftlich gesehen nur gefährlich“ sind, auch dies zweifellos. Genauso wie es „definitiv bewiesen“ sei, dass Masern psychosomatisch ausgelöst würden. Oder durch Vergiftung der Haut von außen, etwa durch Cremes. Oder durch eine Entgiftung von innen nach außen über die Haut. Oder durch eine Kombination aus allen drei Faktoren. Was das Gros der Menschheit für ausgemachten Blödsinn halten mag, steht hier alternativlos fest.

Wenige Stunden später wird allerdings auch zweifellos feststehen, dass der promovierte Biologe aus Langenargen am Bodensee einen der skurrilsten Prozesse der jüngsten Vergangenheit verloren hat. Und dem Kläger, dem Mediziner David Bardens aus dem Saarland, 100000Euro zahlen soll. Plus Gerichtskosten in fünfstelliger Höhe.

Hintergrund dieses wohl einmaligen Rechtsstreits ist ein „Preisausschreiben“, wie es der Vorsitzende Richter nannte. Stefan Lanka hatte im Jahr 2011 im Internet demjenigen die sechsstellige Prämie versprochen, der die Existenz und Größe des Masernvirus anhand von wissenschaftlichen Publikationen belegen könne. („Wetten, dass es das behauptete Masernvirus nicht gibt!“)

Mediziner Bardens, der mittlerweile in Schweden praktiziert, wollte genau das bewiesen haben. Das Geld traf aber nie auf seinem Konto ein. Warum auch, verneint der Biologe doch generell die Existenz von krank machenden Viren – ergo könne es auch keine Beweise geben. Daraufhin hatte der Mediziner das Geld vor Gericht eingefordert.

Nach einer Prozessvertagung im April 2014 wurde nun mit Spannung der Auftritt des vom Gericht bestellten Gutachters erwartet. Und spätestens an dieser Stelle wird klar, im Ravensburger Landgericht geht es eben doch um mehr als um ein Preisausschreiben.

Allein in diesem Jahr haben sich bereits mehr als 900 Menschen in Deutschland mit Masern angesteckt. Erschreckende Ausmaße werden aus Berlin gemeldet, nach Angaben des Landesamts für Gesundheit und Soziales erkrankten in der Hauptstadt seit Oktober 782 Patienten. Mit zurzeit rund 20 neuen Fällen pro Tag schwäche sich die Welle auch nicht ab, berichtet eine Sprecherin.

„Irrationale Angstmacherei“

Im Februar gar starb in Berlin ein Kleinkind an Masern. Es war nicht gegen die Krankheit geimpft. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) schließt in diesem Zusammenhang eine künftige Impflicht nicht aus. Die irrationale Angstmacherei der Impfgegner, so der Minister, sei unverantwortlich.

Ein solcher Impfgegner sitzt am Donnerstag vor dem Landgericht Ravensburg. Am Morgen hatte Lanka noch von „einem wichtigen Tag für die Wissenschaft“ gesprochen. Nun muss er sich anhören, wie der Gutachter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene an der Universität Rostock sagt: „Die Existenz des Masernvirus ist in der Fachliteratur weltweit anerkannt.“ Er habe keinen einzigen Experten gefunden, weder national noch international, der dies infrage stellen würde. Das Gericht folgt dieser Einschätzung und betont zudem, es halte auch die krank machende Wirkung des Virus für erwiesen.

Damit hat erstmals ein deutsches Gericht die Existenz des Masernvirus festgestellt – einerseits eine Binsenweisheit, anderseits ein Schlag gegen alle Virenleugner und auch die extremen Impfgegner. Eine ganze Reihe von ihnen sitzt, wie schon an den vergangenen Prozesstagen, im komplett gefüllten Gerichtssaal, sie kommentieren manche Einlassung des Gutachters höhnisch. Eigentlich spielt es keine Rolle, was dieser sagt oder wie das Gericht urteilt, ihre Einstellung zu Leben, Krankheit und Tod werden sie wohl auch heute nicht infrage stellen.

Gelassen in die Niederlage

Stefan Lanka nimmt diesen wichtigen Tag für die Schulmedizin betont gelassen hin. Während der Verhandlung ordnet er immer wieder Papiere, macht Notizen, führt den Brillenbügel nachdenklich an den Mund. Überhaupt, im dunkelblauen Jacket zu weißem Hemd und akademischer Pose strahlt er mit jeder Pore aus: „Und ich habe trotzdem recht.“ Daran ändert auch der Richter nichts, der die Kriterien des „Preisausschreibens“ formal und inhaltlich für erfüllt hält. Mit der Folge, dass der Beklagte die 100000 Euro überweisen müsse.

Was aber nicht so schnell geschehen wird. Lanka kündigt an, in Berufung zu gehen, und gibt seine Einschätzung des Verfahrens kund: „Das Gericht war emotional überfordert“, das Urteil sei eine „massive Fehlentscheidung“. Ob er denn geschockt sei, angesichts der Niederlage? „Neeiiinnn, das war keine Niederlage“, so Lanka, der breit lächelnd hinzufügt: „Ich habe keinen Zweifel, den Berufungsprozess zu gewinnen.“

Selbstdarstellung und Selbstgefälligkeit sind dem Kläger Bardens eher fremd. In gepflegter Freizeitkleidung verfolgt er das Geschehen aufmerksam, allein der kahlköpfige Mann zu seiner Rechten, von der Statur ein Türsteher, passt nicht so recht ins Bild: „Wir haben einen Personenschutz mitgebracht, weil mein Mandant bedroht wurde“, so Bardens Anwältin. Massive Beschimpfungen habe es im Internet gegeben, auch körperliche Gewalt sei angedroht worden. Verbal überzogen habe auch Lanka, den Bardens mit einer einstweiligen Verfügung bremste.

Keine Punkte kann der Mediziner Bardens bei den Medienvertretern sammeln, weil er mittlerweile einen Exklusivvertrag mit einem privaten Fernsehsender abgeschlossenen hat und sich deshalb nicht äußern will. Immerhin, gegenüber der „Schwäbischen Zeitung“ gibt er am Ende preis, was er mit den 100000 Euro machen will: „Die werde ich spenden. Für ein Impfprojekt oder etwas Ähnliches in dieser Richtung.“ Damit wäre das Geld gut angelegt. Zweifellos.

Bilder und Videos vom Prozesstag sowie den Liveblog zum Nachlesen finden Sie unter

schwaebische.de/masernprozess

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