Mann droht vor Gericht damit, sich selbst umzubringen

Lesedauer: 5 Min
 JVA Ravensburg.
JVA Ravensburg. (Foto: Rebhan, Stefanie)
Wolfgang Steinhübel

Ein 28-jähriger Mann hat am Dienstag vor dem Landgericht Ravensburg mit Selbstmord gedroht, sollte er verurteilt werden. Die Anklage wegen versuchten Mordes an einem Mithäftling sei nicht richtig und wenn das Gericht ihn verurteile, bringe er sich um. Die Tat sei ein Versehen gewesen.

Zuvor hatte Oberstaatsanwalt Karl-Josef Diehl die Anklageschrift verlesen. Am 3. Januar 2019 habe der Angeklagte in einem Montagebetrieb in der JVA Ravensburg gearbeitet. Gegen 7.30 Uhr sei der Mann plötzlich aufgestanden und habe aus einem Werkzeugkasten ein Cuttermesser genommen. Dann sei er von hinten an einen 53-jährigen Mitgefangenen herangetreten, habe ihm die linke Hand auf die Schulter gelegt und ihm mit der rechten Hand das Cuttermesser quer über den Hals gezogen.

Blutende Wunde

Dieser war vom Angriff völlig überrascht, stand auf und rannte ins Büro des diensthabenden Justizbeamten. Zum Glück war das Cuttermesser völlig stumpf. Die Klinge sollte am nächsten Tag ausgetauscht werden. Trotzdem verlief am Hals des Opfers eine circa zehn Zentimeter lange blutende Schnittwunde, allerdings ohne Verletzung der Halsschlagader.

Nach der Tat habe der Angeklagte das Messer fallen lassen und gesagt: „Er hat mich genervt.“ Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, dass er das Opfer heimtückisch töten wollte, die Anklage lautet auf versuchen Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung.

Psychische Probleme

Danach verlas der Angeklagte eine Einlassung mit seiner Tatversion. Er habe sich das Messer vom Opfer leihen wollen. Dieser habe ihn beschimpft, dann sei es zu einer Rangelei gekommen. Stimmen hätten ihm gesagt, er solle seinem Mithäftling das Messer entwenden, dabei sei es versehentlich zur Tat gekommen. „Ich würde nie jemand töten. Wenn ich verurteilt werde, bringe ich mich um. Bitte helfen Sie mir“, sagte er zum Schluss.

Es folgten die Zeugenaussagen des Opfers und von anderen Mitgefangenen, die bei der Tat anwesend waren. Alle schilderten unisono den Tathergang genauso, wie er in der Anklageschrift steht. Alle berichteten aber auch von psychischen Auffälligkeiten des Angeklagten.

Als der Vorsitzende Richter Veiko Böhm aus den Akten verliest, wird deutlich, dass der Angeklagte schon seit längerer Zeit psychische Probleme hat. Bereits 2007 stellte man bei ihm eine paranoide Schizophrenie fest.

Dies ist eine Erkrankung, bei der die Betroffenen die Realität verändert wahrnehmen oder verarbeiten. Im Falle der Schizophrenie leben die Patienten phasenweise in einer anderen Welt. Sie leiden unter Verfolgungswahn, Halluzinationen und motorischen Störungen. Der Angeklagte bekam Medikamente und hatte so die Krankheit überwiegend im Griff, es folgten aber auch Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken.

Minderjährige genötigt

Nicht ganz klar wird, ob der Mann dann verschiedene Straftaten krankheitsbedingt verübt hat, so zum Beispiel die sexuelle Nötigung von zwei minderjährigen Mädchen. Zu einer weiteren Straftat kommt es im Sommer 2015. Er will ein Auto stehlen und bedroht eine Rentnerin.

Die wehrt sich, er sucht ein weiteres Opfer und entreißt einem Studenten den Autoschlüssel. Mit dessen Auto rast er davon, wird aber an einer Straßensperre gestoppt. Wegen dieser Straftat wird er vom Landgericht Ravensburg zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Die Verbüßung der Strafe wird immer wieder von Aufenthalten im ZfP in Weissenau unterbrochen.

Am Ende des ersten Verhandlungstages beschrieb ein Justizbeamter der JVA das auffällige Verhalten des Angeklagten so: „Die Höhepunkte zeigten sich immer kurz vor und nach Erhalten seiner Depotspritze, die Medikamente gegen seine Krankheit enthielt.“ Und weiter: „Für mich war der hier komplett fehl am Platz.“

Urteil möglich

Der Prozess wird am Mittwoch, 27. November, um 9 Uhr fortgesetzt. Es könnte an diesem zweiten Verhandlungstag eventuell bereits zu einer Urteilsverkündung kommen.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen