Lehrer klagen: „Die schlagen uns das Gymnasium kaputt"

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Auch am Welfengymnasium befürchten die Lehrer einen Rückschritt zur "alten Penne", sollte das Kontingent der sogenannten Entlast (Foto: SZ-Archiv)
Schwäbische Zeitung
Sibylle Emmrich

In den Ravensburger Gymnasien geht der Frust um. So wie im ganzen Lände fürchten auch die hiesigen Pädagogen die negativen Folgen der Sparpläne der grün-roten Landesregierung. Wie berichtet („Eltern laufen gegen Sparpläne der Landesregierung Sturm", SZ vom 7. Mai),will Kultusminister Andreas Stoch das sogenannte Entlastungskontingent zusammenstreichen. Damit bekämen die Schulen nur noch die Hälfte der Stunden zugeteilt, die bislang für Dinge wie Hausaufgabenbetreuung, Schüleraustausch oder Praktikantenbetreuung eingesetzt werden konnten. Im Welfengymnasium hat sich eine Runde von 15 Lehrerinnen und Lehrern versammelt, um im SZ-Gespräch ihre Sorgen realitätsnah zu schildern.

Die 14 Stunden, die am Welfen-Gymnasium wegfallen werden, sind Ausgleichsstunden für die Lehrkräfte, die beispielsweise Schülermentoren anleiten, Sammlungen oder Lernmittel organisieren und verwalten. Den versammelten Pädagogen, die von allen drei Ravensburger allgemeinbildenden Gymnasien kommen, liegt von vornherein eine Klarstellung am Herzen: „Es geht nicht vorrangig um unsere Belange. Wir Lehrer haben deshalb keine schlechtere Bezahlung oder längere Arbeitszeiten. Die Leidtragenden sind die Schüler", sagt Welfen-Beratungslehrer Martin Breuer-Burkhart. Es gehe m die pädagogische Qualität, um das Schulklima, um die gerade von der Politik so lautstark geforderte individuelle Förderung, um Bildungsgerechtigkeit.

„Wir wollen nicht nur Abiturienten mit möglichst gutem Notendurchschnitt produzieren. Schule ist viel mehr", betont SMV-Verbindungslehrer Michael Zoller. Spohn-Kollege Jörg Rapp verdeutlicht: „Für die Vorbereitung eines Faschingsballs mit der SMV bekomme ich eine halbe Stunde aus dem bisherigen Kontingent. Ich investiere aber gut und gern fünf Stunden." Künftig gibt's hierfür gar nichts mehr. Fällt der Ball dann aus, wird die Skiausfahrt gestrichen?

Da ist die Runde noch ratlos. Aber man wolle sich nicht zum nützlichen Idioten der Stuttgarter Sparpläne machen. „Wir bringen ja ohnehin viele Idealismus ein", betont Susanne Wehling (Welfen). „Sprachreisen, Schüleraustausch, das machen wir ohnehin zum größten Teil ehrenamtlich", erklärt Monika Heinz-Köhler. Und zudem fehle es den Lehrern an Unterstützung durch Verwaltungskräfte, da müsse man sich dann um Computerprogramme oder Wartung von Unterrichtsmaterialen selbst kümmern. Das alles sei durch die Entlastungsstunden, die jetzt um 50 Prozent gekürzt werden sollen, schon bislang nicht abgedeckt.

Einig ist man sich nur: Die alte Penne will man nicht mehr haben. Und doch fürchtet Katharina Scheske vom Spohn-Gymnasium die langfristigen Folgen, wenn beispielsweise die Anleitung der Schülermentoren für die Hausaufgabenbetreuung wegfällt, wenn keine Zeit mehr für die Anleitung von Praktikanten und Referendaren bleibt. „Die offene Ganztagsschule wäre dann erledigt. Das geht gegen unser pädagogisches Konzept", erklärt Siggi Bleichert (Welfen).

Gar nicht klammheimlich wird in der Runde der Gymnasiallehrer gemutmaßt, dass die grün-rote Landesregierung damit der Gemeinschaftsschule weitere Vorteile verschaffen, langfristig den Gymnasien schaden will. „Ich bin ganz und gar keine Gegnerin der Gemeinschaftsschule", betont Scheske. Aber innerhalb einer Legislaturperiode lässt sich das nicht durchpeitschen." Kollegin Wehling vom Welfen zeigt sich entsetzt, dass gerade die jetzige Landesregierung, die verstärkt in Bildung und Chancengerechtigkeit investieren wollte, solche Sparpläne auflegt. "Die schlagen jetzt die Gymnasien kaputt. Das wollen wir nicht mit uns machen lassen."

Der Ravensburger Landtagsabgeordnete Manfred Lucha lädt Eltern, Lehrer und Schulleiter zu einem Fach- und Informationsgespräch am Freitag, 7. Juni, um 17 Uhr in die Mensa der Kuppelnauschule ein. Das Gespräch soll Gelegenheit zum Austausch geben. Auch sollen die Organisationserlasse und vorhandenen Spielräume dem Praxistest unterzogen werden.

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