Leder Schwartz fing an mit 30 Mark Eigenkapital

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Wolfram Frommlet

Wohl kaum ein Kind in dieser Stadt, das seit 1949 nicht seinen Schulranzen von Leder Schwartz bekommen hätte. Doch davor lagen so mühsame wie mutige Jahre des Firmengründers Alfred Schwartz und seiner Frau Gerlinde.

„Meine Eltern haben eine Heimat verloren und eine neue gewonnen“, sagt Sohn Helge Schwartz. Der Vater stammte aus einer Brauereifamilie in Zweibrücken, er studierte Brauerei-Ingenieur in Weihenstephan. Der Krieg machte alles zunichte. Alfred Schwartz flüchtete 1945 aus jugoslawischer Gefangenschaft, auf Kohlezügen, über mehrere Besatzungszonen, hatte keine Ahnung, wo sich seine Frau mit der älteren Schwester befand (auf Helgoland.) In Ravensburg trafen sie sich wieder. „Aus Not und Zufall“ begann Alfred Schwartz auf Wochenmärkten mit Häuten und Fellen zu handeln. Seine Frau Gisela nähte aus Lederresten Taschen (die meisten für den Schwarzmarkt). Drei Jahre fanden sie mit drei Kindern Unterschlupf in einem Gartenhaus von Ludwig Lipp.

1949, als Sohn Helge geboren wurde, eröffnete der Vater mit dreißig Mark Eigenkapital einen winzigen Laden in der Charlottenstraße. Die ersten Schulranzen. Die ersten Lederwaren und Reparaturen. In mühsamen, entbehrungsreichen Schritten näherten sie sich über die Marktstraße, die Eisenbahn- und die Kirchstraße bis 1969 der heutigen begehrten Lage, dem Marienplatz an. Eine mutige Kalkulation. Und doch, erinnert sich Helge Schwartz, gab es damals einen täglichen Ruhepunkt: von 12 bis 14 Uhr war das Geschäft geschlossen (wie alle anderen auch). „Man saß gemeinsam um den Küchentisch. Man hatte Zeit für einander“.

Helge Schwartz verpflichtete sich für vier Jahre bei der Marine, segelte auf der Gorch Fock, machte an der Universität Zweibrücken in Betriebswirtschaftslehre den Diplom-Kaufmann und fügte in fünf Jahren wissenschaftlicher Assistenz noch die Promotion hinzu.

„Wäre ich an der Universität geblieben, hätte ich ganz sicher ein angenehmeres Leben gehabt.“ Doch das Timing, nach Ravensburg zurück zu kehren, war ideal. „Nein, Druck von Seiten des Vaters herrschte keiner, aber auf die Geschäftsübernahme hatte er gehofft.“ Genau als Alfred Schwartz 65 wurde, übernahm Sohn Helge. Mit Promotion gewiss eine ungewöhnliche Qualifikation für ein Ravensburger Fachgeschäft. Anders formuliert; eine große Verantwortung.

Lange Jahre fuhr Alfred Schwartz morgens, weil sie alle in Waldburg wohnten, mit dem Junior-Chef in die Stadt. Das Geschäft konnte nun warten. Zuerst ging er ins Café Kraft zum Schwätzchen. Doch danach zog es ihn in die gewohnten Geschäftsräume bis ins hohe Alter. Und auch lange nach seinem Tod nimmt seine inzwischen 94-jährige Witwe Gisela Schwartz mit Freude Anteil am Familienbetrieb in der Stadt, die ihnen zur zweiten, zur neuen Heimat wurde.

200 Schulranzen und das Internet

„Was seit 1955 unverändert gilt, ist unsere soziale Verantwortung für das Personal, private Probleme sind da nicht ausgeschlossen. Und seit 1955 bilden wir aus. Die meisten bleiben uns treu. Ein schönes Beispiel ist die über 70 Jahre alte Verkäuferin, die 1956 ausgebildet wurde und noch immer einmal die Woche mit Freude bei uns bedient. Das gehört zu ihrem Leben.“

Schwierig wird es für einen Geschäftsmann, der, wie Helge Schwartz, weiß, wie viele seiner Waren in der „Dritten Welt“ seinem sozialen und ökologischen Bewusstsein widersprechend hergestellt werden, und doch könnte er ohne sie nicht existieren. Es bilden sich Alternativen, für die er sensibel Kunden zu gewinnen sucht: Schulranzen aus eingeschmolzenen, neu gesponnenen PET-Flaschen, die nur in Deutschland hergestellt werden; was für manche Eltern dann zum Prestige-Projekt werde. Oder der deutsche Lederwarenverband, der ausländische Firmen verpflichtet, sich an seine sozialen und ökologischen Regeln zu halten und damit auch Fair Trade zu praktizieren.

Dass seine beiden Häuser eine Fachberatung ebenso anbieten wie einen Reparatur-Service, ist sein pragmatisches Engagement für Nachhaltigkeit und der Unterschied zum Internet. Doch an dem kommt er nicht vorbei. Ob Schulranzen oder Koffer – die Kunden informieren sich im Netz, was es gibt, was es kostet, ohne zu wissen, dass Preisschlachten manchen in den Ruin reißen und das Personal mit. Auch wenn er wie jeder Fachhändler das Internet fürchtet, ist Helge Schwartz froh, dass er bei Schulranzen, mit potentiell bis zu 200 Modellen, mit schulranzen.com, dem größten Anbieter im Web, konkurrenzfähig bleibt. Ausgeflipptes, wenn es Kinder und Eltern unbedingt wollen, muss er nicht lagern, sondern kann er kurzfristig ordern und so die meisten Kunden binden. Kunden, die in ein Geschäft wollen und nicht zum Postschalter. Ein Mega-Händler wie dieser vermarktet nach der Einschulung im Gegensatz zu ihm noch das Unverkäufliche. Ein Fachhandel, der sich rasend schnell verändert, wo Dynamik und pfiffige Kompromisse helfen, Gejammer vermutlich nicht.

Und nun, da sein Alter dem des Geschäftsjubiläums entspricht? „Da gibt es einen Sohn, der Interesse hätte. Doch weiß ich noch nicht, ob ich zur Übernahme raten soll. Das hängt vor allem davon ab, ob die Mieten langfristig stabil blieben. Uns gehören ja beide Häuser nicht. Als sie weit billiger waren, hatten wir das Geld nicht. Jetzt, in dieser Lage, erst recht nicht.“ Wer wünschte nicht, dass dieser angesehene Familienbetrieb in der Familie und damit in der Stadt bliebe.

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