Langsam sterben die Soldatenkameradschaften

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Das Gräberfeld der im Ersten und Zweiten Weltkrieg Gefallenen in Mariatal bei Weißenau. Am Volkstrauertag (Sonntag, 17. November (Foto: Philipp Richter)
Philipp Richter

Sie pflegen die Kriegerdenkmäler, stehen am Volkstrauertag, wie am 17. November wieder, auf dem Friedhof und erweisen beim Tod eines Kameraden die letzte Ehre am Grab: die Soldatenkameradschaften (SK). Langsam sterben sie aus – ein Phänomen unserer Zeit. Erst am 19. Oktober stand in unserer Zeitung: „Aus für Baienfurter Soldatenkameradschaft“. Es ist nicht die erste Soldatenkameradschaft im Kreis Ravensburg, die aufgab. Unter anderem haben sich die Ortsvereine Berg, Oberzell und Bavendorf bereits aufgelöst – ebenso wie die Reservistenkameradschaft (RK) Schmalegg. Andere wie die SK Schmalegg werden früher oder später folgen, weil die Soldatenkameradschaften Nachwuchsprobleme haben.

Gesellschaftlicher Wandel

Der Grund dafür ist einfach. „Viele der Kameraden können die Fahne nicht mehr halten, weil sie die Kraft nicht mehr dazu haben“, berichtet August Schuler. Der Oberstleutnant der Reserve und CDU-Stadtrat ist Mitglied in der Ravensburger Reservistenkameradschaft mit 70 Mitgliedern und Vorsitzender der Kyffhäuser-SK in Ravensburg mit 60 Mitgliedern. „Mittelfristig werden diese beiden Bünde wohl übrigbleiben“, mutmaßt er. Schuler kennt die Probleme und macht leise auch die Bundeswehr für den mangelnden Nachwuchs verantwortlich. Es wurde versäumt, um die Jungen zu werben. „Man hätte ihnen einen Zettel in die Hand drücken müssen, damit sie wissen, wo ihre nächste Reservistenkameradschaft ist“, sagt er. Das Durchschnittsalter beim Kyffhäuserbund Ravensburg liegt bei 70 Jahren.

Aber es gibt auch andere Gründe. Mit Einführung des Zivildienstes in den 80er-Jahren sind immer mehr junge Wehrpflichtige der Bundeswehr ferngeblieben. Spätestens mit der Aussetzung der Wehrpflicht im Juli 2011 durch die schwarz-gelbe Bundesregierung gibt es kaum noch Wehrdienstleistende. 2011 waren es noch knapp 25000, im September dieses Jahres waren es 6700. Dagegen gab es im Jahr 2000 noch mehr als 300000 Berufssoldaten. Heute sind es noch rund 180000. Und diese Zahl wird weiter sinken. Mit der Schließung des Kreiswehrersatzamtes in Ravensburg im November 2012 und in anderen Städten verschwand die Bundeswehr auch aus der Fläche. Und: „Die Soldatenkameradschaften treten am Rande des Vereinsgeschehens auf. Die einzigen Auftritte sind bei der Sebastians-Oktav im Januar und am Volkstrauertag“, erklärt Schuler. Außerdem: Mit Militär möchte heute niemand mehr etwas zu tun haben.

Die SK Schmalegg hat derzeit 39 Mitglieder. Was sich auf den ersten Blick nach viel anhört, relativiert sich, wenn man weiß, dass die SK Baienfurt, die sich erst vor wenigen Wochen aufgelöst hat, Mitte des Jahres 41 Mitglieder hatte. „Es gibt einfach kein Interesse mehr, in die Soldatenkameradschaft einzutreten“, sagt der Vorsitzende der SK Schmalegg, Paul Hangarter. Seit Jahren verbucht Schmalegg schon keine Neuzugänge mehr. „Wir werden wahrscheinlich auch keine Mitglieder mehr bekommen“, befürchtet Hangarter. Die meisten Mitglieder sind älter als 50 Jahre.

In zwei drei Jahren wird man auch in Schmalegg über eine Auflösung nachdenken müssen, vermutet Hangarter. Vor einem Jahr wollte er bereits aus beruflichen Gründen den Vorsitz abgeben, doch es fand sich kein Nachfolger. Also machte er aus Treue zum Verein weiter. Wie die anderen SK auch ist die Schmalegger Gruppe an den Beerdigungen beteiligt und gibt Böllerschüsse ab. „Ich kann nicht ständig von der Arbeit weg, weil ich dort für eine Maschine verantwortlich bin“, beschreibt Paul Hangarter ein Problem, das wohl viele andere auch haben.

Tradition aus dem 19. Jahrhundert

Die Soldatenkameradschaften haben eine lange Tradition. Die ersten sind nach den Napoleonischen Kriegen Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden. In den Städten und Gemeinden sind sie oft die ältesten Vereine im Ort, so wie in Baienfurt. In Ravensburg wurde der Kyffhäuserbund 1840 gegründet. Weitere Gründungen folgten vor und nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/1871. Es waren Clubs gegen die Vereinsamung. Die Krieger versuchten in den Vereinen, das Erlebte zu verarbeiten. Doch Soldaten, die im Krieg waren, gibt es heuer glücklicherweise kaum mehr. Die letzten werden in den nächsten Jahren sterben. Heute arbeiten die Soldaten, die im Krieg waren – wie im Fall nach einem Einsatz in Afghanistan –, oft mit einer psychologischen Betreuung ihre Traumata auf. Mittlerweile haben sich einzelne Verbände der Soldaten aus Afghanistan gegründet. Laut Schuler gibt es einen solchen in der Region nicht.

Wo sieht August Schuler die Soldatenkameradschaften in 50 Jahren? Die Antwort fällt ihm schwer. „Eine Generation wage ich noch zu bejahen. Danach weiß ich nicht“, sagt er. Viel mehr treiben ihn andere Fragen um: „Was macht man mit dem Volkstrauertag, wenn niemand mehr beteiligt ist? Was wird aus dem Gedenken an die Toten? Was wird aus der Pflege militärischer Traditionen?“ Es sind Fragen, die die Zeit beantworten wird – eine so friedliche Zeit, wie sie Deutschland nie erlebt hat.

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