Land contra Stadt: Freie Wähler rebellieren gegen ihren Fraktionschef

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Werner Fricker steht in der Kritik. (Foto: Kästle)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter

Die Freien Wähler haben jahrelang im Schmalegger Ortschaftsrat die meisten Sitze besetzt. Doch schon im April wird die CDU stärkste politische Kraft in der kleinsten der drei Ravensburger Ortschaften sein. Alle fünf gewählten Vertreter haben ihre Mitgliedschaft bei den Freien Wählern gekündigt und üben ihr Amt ab sofort als freie Mandatsträger aus. Der Grund: Das Schmalegger Quintett rebelliert gegen den Kurs seiner Fraktion im Gemeinderat und kritisiert dabei vor allem Fraktionschef Werner Fricker hart.

„So nicht, Herr Fricker – zumindest nicht mit uns!“, ist ein Brief überschrieben, den Walter Kolb, Ewald Eberle, Isolde Roos, Karl Traunecker und Wolfgang Brotz gemeinsam unterzeichnet haben. Der Protest richtet sich gegen Frickers Vorschlag, die drei Ortschaften Eschach, Taldorf und Schmalegg weitgehend zu fusionieren (die Schwäbische Zeitung berichtete mehrfach). Diese spektakuläre Idee hatte der Fraktionschef in der Haushaltsdebatte des Ravensburger Gemeinderates vorgebracht. Sein Hauptargument: Die Dreifachstrukturen vor allem in den Ortschaftsverwaltungen würden unnötige Kosten produzieren. Unterstützung bekam Fricker von der FDP. Die Resonanz war wochenlang enorm, die Meinungen gingen in der Debatte weit auseinander.

Nicht so bei den Freien Wählern in der Ortschaft: Sie verweisen auf das Wahlprogramm, in dem sich die FWV 2009 klar positioniert hatte: „Die Freien Wähler sprechen sich klar für den Erhalt der Ortschaften und der Ortschaftsverfassungen aus. Sie unterstützen die Stärkung der Ortschaften und Ortschaftsräte in ihren Entscheidungen“, heißt es da. „Das“, so die fünf Schmalegger, „ist nicht nur ein Propagandaprogramm gewesen, sondern unsere …innere Überzeugung, diese Ziele auch politisch umzusetzen. Unserer Auffassung nach muss Kommunalpolitik auch verlässlich sein.“ Die damals genannten Ziele der Freien Wähler seien jetzt aber „nicht mehr das Papier wert, auf dem sie gedruckt wurden“.

Kolb, Eberle, Roos, Traunecker und Brotz distanzieren sich außerdem von aus ihrer Sicht „anmaßenden und beleidigenden Äußerungen gegenüber den ehrenamtlichen stellvertretenden Ortsvorstehern“. Fricker hatte gefragt: „Was tun die eigentlich, als den Grüß-Gott-Onkel bei den Vereinen zu spielen?“ Ein weiterer Streitpunkt: Der Schmalegger Ortschaftsrat hatte für einen zusätzlichen Sitz der Ortschaft im Gemeinderat plädiert. Werner Fricker habe auch dieses Ansinnen torpediert und als Aufkündigung der Engliederungsvereinbarung gewertet. „Mit diesen Zielen der Freien Wähler wollen wir nicht mehr in Verbindung gebracht werden“, so die fünf Ortschaftsräte.

Ein Gespräch mit Fricker und der FWV-Vorsitzenden Renate Kiderlen habe „nichts gebracht“, sagt Walter Kolb, einer der fünf Rebellen, der Schwäbischen Zeitung. Der Brief mit der Aufkündigung der Mitgliedschaft sei deshalb die logische Folge für das Quintett gewesen. Kolb: „Eine Reaktion darauf hat es nicht gegeben.“

Wie auch: Werner Fricker hat das Schreiben nach eigenem Bekunden bis heute nicht gelesen: „Ich kümmere mich derzeit um die Haushaltsstrukturkommission, da habe ich genug zu tun“, sagte Fricker auf Nachfrage. Zu seiner Idee freilich steht er ohne Einschränkung: „Ich habe ja versucht, diesen Leuten zu erklären, dass es mir nicht um die Abschaffung der unechten Teilortswahl geht. Ich will doch gerne Schmalegg seine Sitze lassen. Aber der Verwaltungsaufwand, der mit den Ortschaften betrieben wird, ist heutzutage einfach nicht mehr zu rechtfertigen.“

Die Fraktion steht hinter Frickers Linie, sagt FWV-Stadtrat Jochen Fischinger. Den Kritikern hält er entgegen: „Da wird zum Teil noch in Strukturen aus den siebziger Jahren gedacht.“ Ortschaften im alten Sinne könne es in Zukunft nicht mehr geben: „Schmalegg bekommt gerade wieder ein neues Baugebiet. Das sind Wohnplätze für Ravensburger, das ist kein Schmalegger Viertel, so muss man denken.“ Der Ravensburger will den Austritt des Quintetts nicht überbewerten: „Das ist auch eine logische Konsequenz aus dem Konstrukt der Freien Wähler. Bei uns sind halt verschiedene Meinungen zulässig.“

Die Namen und Fotos der fünf Rebellen sind auf der offiziellen Webseite der Freien Wähler bereits gelöscht.

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