Kreis Ravensburg entsorgt tausende Impfdosen: Es gibt aber einen Lösungsansatz

 Ein Grund für die massenhafte Entsorgung von Impfstoff im Kreis: Die Abfüllung des Vakzins in Phiolen.
Ein Grund für die massenhafte Entsorgung von Impfstoff im Kreis: Die Abfüllung des Vakzins in Phiolen. (Foto: Guido Kirchner)
Redakteur

Immer weniger Menschen lassen sich derzeit gegen Corona impfen, dem steht ein Überschuss an Impfstoffen gegenüber. Überall in Deutschland landeten deswegen zuletzt abgelaufene Vakzine auf dem Müll. Im Landkreis Ravensburg waren das im Vergleich zum Bodenseekreis erstaunlich viele. Ein Arzt aus Vogt hat derweil eine Idee, wie sich die Lage bessern könnte.

Zwischen Dezember 2021 und März 2022 mussten die beiden Impfzentren des Kreises in Wangen und Weingarten 17 672 Impfdosen entsorgen. „Weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen war“, erklärt Landratsamts-Sprecherin Julia Moosherr.

Zur Einordnung: Zu Spitzenzeiten im Frühsommer 2021 fanden kreisweit rund 6000 Impfungen durch Impfzentren und mobile Impfteams pro Woche statt.

Bodenseekreis im Vergleich wenig Dosen entsorgt

Im Vergleich zum Bodenseekreis, wo zwischen November und März nur 7338 Impfdosen entsorgt wurden, sind es im Kreis Ravensburg mit fast 18 000 recht viele. „Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass der Bodenseekreis von vornherein weniger Impfeinheiten betrieben und insofern auch weniger Impfstoff bestellt hatte“, so die Stellungnahme des Landratsamtes. Doch auch am Bodensee gab es zwei Impfstützpunkte in Friedrichshafen und Überlingen, außerdem ein kurz betriebenes in Tettnang.

Auch der Kreis Tuttlingen hat mit 9000 entsorgten Impfdosen im Januar und Februar in Relation zu der geringen Einwohnerzahl recht viel weggeworfen. Der Landkreis Lindau musste derweil im Februar über 6000 Dosen auf einen Schlag entsorgen.

Im Kreis Ravensburg seien fast ausschließlich Impfstoffdosen des Herstellers Moderna entsorgt worden, erläutert Moosherr. „Geringe Mengen waren vom Hersteller Biontech/Pfizer.“ Als Gründe für das Entsorgen nennt das Landratsamt die kurze Haltbarkeit der Impfstoffe, die schwierige Planbarkeit der Impfnachfrage und große Ungewissheiten, ob bestellte Impfstoffmengen tatsächlich geliefert werden.

Doch nicht nur die Impfzentren haben Vakzine entsorgt. Die mobilen Impfteams der Oberschwabenklinik (OSK) haben vor allem Johnson & Johnson-Dosen verworfen, sagt OSK-Pressesprecher Winfried Leiprecht. Davon aber nur wenige, da die OSK überschüssige Impfstoffe an die private Impfstation im ehemaligen 14-Nothelfer-Krankenhaus in Weingarten vermitteln konnte.

Arzt erklärt die Probleme mit den Corona-Impfstoffe

Dr. Frank Kirchner glaubt, dass auch alle Arztpraxen im Kreis Impfdosen wegschmeißen mussten. Der Obmann der Kinderärzte im Raum Bodensee-Oberschwaben hat sich im vergangenen Jahr für das Impfen starkgemacht. Dass er jetzt immer wieder Vakzine wegschmeißen muss, tut im laut eigener Aussage in der Seele weh.

Kirchner nennt ähnliche Gründe für die Misere wie das Landratsamt, erklärt diese aber ausführlicher. Zum Beispiel das Problem mit der Haltbarkeit: Tetanus- oder MMR-Impfstoffe würden im Gegensatz zu Corona-Impfstoffen häufig monatelang halten, sagt Kirchner. Große Lieferungen und kurzfristig abgesagte Termine seien bei diesen Impfstoffen spielend möglich.

 Dr. Frank Kirchner aus Vogt
Dr. Frank Kirchner aus Vogt (Foto: Kirchner)

Das zweite Problem mit Corona-Impfstoff ist die schwierige Planbarkeit: Ein Teil dieses Problems sei die wellenartige Nachfrage. „Bis zur Fasnet haben wir geimpft wie die Blöden und jetzt ist die Nachfrage gleich null“, sagt Kirchner. Das erschwere die Koordination.

Viel schwerwiegender ist laut Kirchner jedoch etwas anderes: und zwar die Abfüllung in Phiolen. Während andere Impfstoffe in einzelnen Spritzen geliefert werden, gibt es die Corona-Impfstoffe bisher in Phiolen mit Impfstoff für durchschnittlich sechs Spritzen.

Sei eine Phiole erst einmal angebrochen, müsse der Stoff dann schnell verspritzt werden, sagt Kirchner. „Das ist viel aufwendiger zu koordinieren als eine einzelne Spritze.“ In der Praxis bedeutet dies, dass Ärzte immer mehrere Impftermine auf einmal brauchen, dass sich das Öffnen der Phiole lohnt. Personen spontan zu impfen: unmöglich.

In ärmere Regionen der Welt verschicken: unmöglich

Den nicht gebrauchten Impfstoff weiterschicken, in andere Regionen der Welt – auch das funktioniere nicht, sagt Kirchner. Sobald die Phiolen von den Apotheken aufgetaut werden, um diese an die Praxen zu liefern, tickt die Uhr des Ablaufdatums.

Kirchner habe bereits einen Brief an Gesundheitsminister Minister Manne Lucha geschrieben, dass man weniger Impfstoff entsorgen müsste, würde dieser in einzelnen Spritzen geliefert werden. Er bekam keine Antwort. „Wir Ärzte haben das Impfen massiv beworben. Es ist aber für uns aber auch langsam müßig“, sagt Kirchner. Die Leute würden derzeit einfach von Corona nichts mehr hören wollen. Und das, obwohl täglich hunderte Menschen an den Folgen einer Infektion sterben würden, so Kirchner.

Finanzielle Folgen hat die Entsorgung der Corona-Vakzine übrigens nicht – weder für den Landkreis, die OSK noch für die Arztpraxen. Die Kosten trägt der Bund.

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