Kreis Ravensburg hat Liste mit mehr als 30 Hallen für Geflüchtete in der Hinterhand

 Die Burachhalle war schon frühzeitig für Geflüchtete aus der Ukraine vorbereitet, stand aber über Wochen leer. Erste Menschen,
Die Burachhalle war schon frühzeitig für Geflüchtete aus der Ukraine vorbereitet, stand aber über Wochen leer. Erste Menschen, die in der Region ankamen, konnten in Privatunterkünfte einziehen. (Foto: Archivs: Felix Kästle/dpa; Siegfried Heiss)
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Der Landkreis Ravensburg betreut aktuell mehr als Tausend Geflüchtete – und es kommen nach Einschätzung des Landratsamtes so viele hinzu, dass quasi wöchentlich eine neue Halle zur Unterkunft umfunktioniert werden muss, um den Menschen ein Dach über dem Kopf zu bieten.

Landrat Harald Sievers spricht im Interview mit Lena Müssigmann über die zugespitzte Lage im Kreis Ravensburg, über die Gründe des starken Zuzugs und seine ganz persönliche Sicht auf die zahlreichen Krisen, die auch Auswirkungen auf die Region haben.

 Landrat Harald Sievers betrachtet die Situation als besonders herausfordernd, weitere Hallen müssen voraussichtlich gesperrt un
Landrat Harald Sievers betrachtet die Situation als besonders herausfordernd, weitere Hallen müssen voraussichtlich gesperrt und zur Unterkunft umfunktioniert werden. (Foto: Archiv: Elke Obser)

Herr Sievers, seit einigen Wochen kommen so viele Geflüchtete, größtenteils Ukrainerinnen und Ukrainer, im Landkreis an, dass Schlag auf Schlag neue Hallen zu Unterkünften umfunktioniert werden müssen. Was bedeutet es für den Landkreis, wenn diese Entwicklung noch einige Monate anhält?

Wir befinden uns in einer sehr herausfordernden, schwierigen Situation, die sich seit Anfang September noch einmal deutlich zugespitzt hat. Drei Entwicklungen sind zusammengekommen. Erstens: Der Krieg hält an, die Migration setzt sich fort. Zweitens: Viele Menschen aus der Ukraine haben in anderen EU-Ländern Zuflucht gefunden, sich dann aber entschieden, nach Deutschland zu kommen.

Und drittens: Innerhalb der Bundesrepublik gibt es inzwischen einen wirksamen Verteilmechanismus für diese Flüchtlinge. Lange Zeit durften Ukrainerinnen und Ukrainer ihren Wohnort selbst aussuchen, da sind nur wenige bis nach Süddeutschland gekommen. Einige Bundesländer wie Baden-Württemberg sind bei der bundesweiten Betrachtung im Rückstand. Über den Verteilschlüssel kommen deshalb jetzt viele Menschen hier her. Im ersten Halbjahr ist es uns gelungen, viele Menschen in privatem Wohnraum unterzubringen. Diese Solidarität hat uns auch eine ganze Zeit getragen.

Sie haben dadurch Zeit gewonnen, für andere Unterkünfte zu sorgen. Trotzdem sind die Plätze jetzt schnell knapp geworden.

Ja, wir haben Zeit gewonnen. Aber niemand hatte mit dem Ausbruch eines Krieges in Europa gerechnet. Als das der Fall war, hat der Kreis seine eigenen Möglichkeiten sofort ausgeschöpft und Unterkünfte in der Burachhalle in Ravensburg und der Kreissporthalle in Leutkirch aufgebaut.

Aber die standen über Wochen und Monate leer. Wir passen uns ständig an die Prognosen an.

Würden Sie sich wünschen, vom Land früher über die Zahl unterzubringender Menschen informiert zu werden?

Wir hätten sehr gerne eine Glaskugel, aber die hat keiner. Deshalb kann man niemandem einen Vorwurf machen.

Das sind Unsicherheiten, mit denen wir als Staat und Gesellschaft umgehen müssen. Wir müssen wie schon 2015/16 flexibel, aber maximal kraftvoll agieren.

Welche Hallen werden als nächstes belegt?

Wir haben Pläne für 17 Behelfs- und 14 Notfallunterkünfte im Kreis. Welche das sind und in welcher Reihenfolge sie belegt werden, können wir noch nicht sagen. Wir rechnen damit, dass wir wöchentlich 150 Menschen aufnehmen müssen. Das bedeutet: Wir belegen rechnerisch eine größere Halle pro Woche. Für die Einrichtung von Behelfsunterkünften brauchen wir allerdings Vorlauf. Beim benötigten Baumaterial gibt es Lieferkettenstörungen, und es ist schwierig, Handwerker zu bekommen.

Außerdem sind für solche Behelfsunterkünfte Baugenehmigungen nötig, wir brauchen ein Sicherheits- und ein Brandschutzkonzept. Das geht auch nicht von Montag auf Freitag. All das passt nicht zur Geschwindigkeit, mit der unsere Aufnahmeverpflichtung wächst. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, dass wir leider auch Notfallunterkünfte nutzen müssen. Dort braucht man Betten, ist aber nicht in gleichem Maß auf Baumaterial angewiesen.

In Ravensburg wird die Schussentalhalle in Oberzell jetzt für einen Monat als Notunterkunft zur Verfügung gestellt. Könnte das nicht länger sein? Fehlt dem Kreis die Unterstützung der Kommunen?

Wir haben die Unterstützung der Kommunen, absolut. Schon 2015/16/17 haben wir den Solidarpakt zwischen Landkreis und Städten sowie Gemeinden zum Leitbild gemacht. Daran können wir jetzt anknüpfen.

Wir haben einen Krisenstab im Haus und besprechen uns intensiv und oft bei wöchentlichen Bürgermeister-Konferenzen zum Thema Migration. Alle eint der Wille, dass wir diese Aufgabe gemeinsam bewältigen.

Falls eine Kommune nicht mitzieht, kann der Kreis sie zur Bereitstellung einer Halle zwingen?

Der Kreis hat ein internes Quotensystem, weil alle wollen, dass es gerecht zugeht. Dabei muss man darauf achten, dass sich alle nach ihren Möglichkeiten einbringen, aber man muss auch schauen, wo baulich und technisch die Unterbringung möglich ist. Es braucht auch Verständnis. Wir haben schwere Corona-Jahre hinter uns, Sport kann gerade wieder normal stattfinden – und jetzt ist die Nutzung der Hallen schon wieder nicht mehr möglich. Da muss man die Belegung und die sonstige Nutzung abwägen.

Nicht nur die Unterbringung, auch die Betreuung ist eine Riesen-Herausforderung. Dem Vernehmen nach wird dafür schon jetzt das Personal knapp.

Das ist tatsächlich ein Problem. Bei der Geschwindigkeit, mit der wir jetzt Unterkunftsplätze schaffen müssen, kommen alle Beteiligten an ihre personellen Grenzen. Das Migrationsamt bei uns im Haus hat erhebliche Probleme, bei diesen Fallzahlen gute Dienstleistung anzubieten. Wir müssen Leute einstellen, und jeder kennt die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt. Den Hilfsorganisationen geht es ähnlich.

Wenn ich eine Halle mit Feldbetten für drei Tage betreiben muss, ist das kein Problem. Das schafft unsere Blaulichtfamilie, weil sie vieles im Ehrenamt macht. Das ist bewundernswert, vor allem wenn man sieht, wie wir uns in der Corona-Jahren auch auf Blaulichtorganisationen verlassen mussten. Wenn man eine professionelle Struktur braucht, um eine Behelfsunterkunft für Wochen und Monate zu betreiben, braucht man aber hauptamtliche Mitarbeiter.

Entlastung könnten Helferkreise bieten. Die waren 2015/16 sehr aktiv, jetzt hört man davon weniger, fast nichts. Wo ist dieses Engagement?

Auch für Menschen aus der Ukraine haben wir erhebliches bürgerschaftliches Engagement, aber auf andere Art und Weise. Viele Bürger aus der Region haben Flüchtlinge bei sich zuhause aufgenommen und sich damit auch persönlich in die Betreuung dieser Menschen eingebracht.

Dieses Engagement ist nicht so sichtbar geworden, wie das in den Helferkreisen 15/16 der Fall war. Weil wir jetzt wieder mehr Gemeinschaftsunterkünfte haben, erhoffen wir uns auch, dass sich Menschen dort über Helferkreise einbringen.

Aktuell kommen mehrere Krisen zusammen. Am Montag haben knapp 500 Demonstranten in Ravensburg ihrem Unmut über allerlei Themen Luft gemacht. Wie nehmen Sie die Stimmung unter den Bürgern im Kreis wahr?

Einerseits ein Bedürfnis von vielen, die Beschwernisse der Zeit der starken Corona-Einschränkungen abzuschütteln, eine Normalität zu erleben, sich befreit zu fühlen und es sich gut gehen zu lassen.

Andererseits aber besteht die Sorge: Was kommt da im Herbst und Winter auf uns zu? Da überlagern sich zwei Dinge.

Bei den Demonstrationen wird auch gegen den Staat gewettert, dessen lokaler Vertreter in der Region sind auch Sie. Was sagen Sie dazu?

Krisen kann man nicht einfach vom Tisch nehmen, man muss durch. Bei allen Sorgen, die wir haben, ist es immer wieder wichtig, die Dinge ins Verhältnis zu setzen, und sich anzuschauen, wie wir mit Herausforderungen umgehen und wie in anderen Ländern der Erde mit Herausforderungen umgegangen wird. Mich persönlich trägt auch in solchen schwierigen Zeiten immer das Gefühl, dass ich in keinem anderen Land der Welt leben möchte.

Ich glaube, dass wir bei uns in Deutschland die Dinge vergleichsweise gut als Gesellschaft bewältigen. Und noch ein weiterer Gedanke: Man muss das Ganze nicht aus einer passiven Rolle heraus betrachten, sondern schauen, ob man sich selber einbringen kann, ob man was tun kann – für sich oder andere. Das hilft auch.

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