Konsum von Alkohol und Cannabis nimmt während der Krise zu

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Im Vordergrund stehen drei Bierflaschen, dahinter sitzt eine Frau
Symbolbild: Alkoholismus ist immer noch die häufigste Form der Abhängigkeitserkrankung. (Foto: Symbol: dpa/ Alexander Hein)
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Die Suchtproblematik ist ein gravierendes gesellschaftliches Problem – auch im Landkreis Ravensburg. Durch die Corona-Krise gerät diese Problematik wie viele andere in Vergessenheit, obwohl die Betroffenen besonders stark unter der neuen Situation leiden. Doch wie genau wirkt sich die Corona-Krise auf die Suchtkranken und die Arbeit der Suchtberatungsstellen aus?

Der Kommunale Suchtbeauftragte des Landratsamtes Ravensburg Martin Sommer sieht ein gemischtes Bild: „Viele der Betroffenen gehen sehr gut und verantwortungsbewusst mit der aktuellen Situation um. Durch die Nutzung von digitalen Kontaktmöglichkeiten sind viele in der Lage, ihren stabilen Zustand aufrechtzuerhalten. Andere Betroffene leider unter der aktuellen Situation, besonders durch die soziale Isolation, dem Wegfall an Kontaktmöglichkeiten und Tagesstruktur“.

Als positiv betrachtet er, dass der Zusammenhalt der Suchtkranken wie auch die Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung steigt.

Griff zu Drogen mit entspannender Wirkung

Jedoch bemerkt der Suchtbeauftragte auch die negativen Folgen des Coronavirus: „Uns liegen derzeit keine Zahlen vor, aus welchen sich ein Trend in Bezug auf einen Anstieg von Abhängigkeitserkrankungen ableiten lässt. Aufgrund von aktuellen Beobachtungen ist jedoch von einem vermehrten Konsum von Alkohol und Cannabis auszugehen, welcher in einem Rückfall oder eine neue Abhängigkeit münden kann.“

Rainer Willibald, Leiter der Suchtberatung der Caritas Bodensee-Oberschwaben, sieht diesen Anstieg ebenfalls: „Dies scheinen die Drogen zu sein, mit der viele Menschen ihr persönliches Krisenmanagement bewältigen. Beide Drogen haben unter anderem eine entspannende Wirkung, die auch bei Stress „wirksam“ ist.“

Ein Gruppenleiter schildert die Auswirkungen auf einen Suchtkranken seiner Gruppe so: „Seit Mitte März konnten in der Selbsthilfe keine Gruppen mehr stattfinden, dadurch entstand für den Betroffenen zunächst eine große Unsicherheit und spürbare Angst.

Aus seiner Sicht war relativ früh spürbar, dass die Tagesstruktur fehlt. Dadurch kam es zum Rückzug und depressive Anteile schlichen sich ein. Durch die Krise entstand ein gewisser Stressfaktor und der Suchtdruck. Für den Betroffenen stellt sich die Pandemie als eine große Herausforderung dar, die alle Disziplin abverlangt.“

Sehr hohe Auslastung der Suchtberatungsstelle

Willibald betont, dass das Wichtigste zurzeit die persönlichen Gespräche über die Ängste und Sorgen seien. Diese finden zurzeit hauptsächlich über Telefon- und Onlineberatung statt, jedoch seien in Einzelfällen auch noch persönliche Treffen möglich gewesen.

„Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir unsere Angebote aufrechterhalten müssen und nicht abtauchen dürfen. Es ist wichtig, dass die Betroffenen alle Möglichkeiten der Unterstützung nutzen und Hilfsangebote wahrnehmen“, erklärt der Suchtberatungsleiter.

Seit April sei auch eine sehr hohe Auslastung in der Beratungsstelle der Caritas Bodensee-Oberschwaben erkennbar mit 750 Klienten. Die Suchtberatungsstelle kümmert sich um alle stoffgebundenen Süchte, Essstörungen sowie Spiel- und Onlinesucht. Die häufigste Form der Abhängigkeitserkrankung sei die Alkoholsucht.

Rückkehr zu normalem Alltag geplant

Die Beratungsstelle befindet sich momentan in der Phase der Normalisierung, sodass bald wieder regulär mit persönlichen Beratungsgesprächen und Gruppen gestartet wird. In Zukunft soll die Telefon- und Videoberatung weiter entwickelt und neben der persönlichen Beratung als Standardform angeboten werden, damit die Betroffenen leichteren Zugang zur Beratung erhalten.

Für die Zukunft fordert der Leiter der Suchtberatung eine Verbesserung der digitalen Infrastruktur und eine Unterstützung in der besseren digitalen Vernetzung mit anderen Kooperationspartnern, damit Hilfen schneller angeboten werden können: „Hier erleben wir den Präventions-, Gesundheits-, und Reha-Sektor immer noch als „digitale Wüste“.“

Sommer hebt hervor, dass „das Thema Abhängigkeitserkrankungen insgesamt ein gesamtgesellschaftliches Thema ist, bei dem jeder einzelne Verantwortung übernehmen muss, insbesondere in der Zeit der aktuellen Krise.“

Kontakt zu den Suchtberatungsstellen in Ravensburg

Im Landkreis Ravensburg gibt es zwei ambulante Suchtberatungsstellen von der Caritas Bodensee-Oberschwaben und vom ZfP Südwürttemberg mit dem Kontaktladen „Die Insel“. Die Caritas Bodensee-Oberschwaben kann unter der Telefonnummer 0751-3625688 oder per E-Mail an psb-rv@caritas-bodensee-oberschwaben.de kontaktiert werden.

„Die Insel“ erreicht man unter der Telefonnummer 0751-35965131 oder per Mail an Kontaktladen.ravensburg@zfp-zentrum.de.

Zudem gibt es viele Selbsthilfegruppen rund um das Thema Sucht in Ravensburg. Eine Liste mit den Gruppen steht auf der Homepage www.selbsthilfe-rv.de.

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