Die Frauen verdienen mehr als nur Lob und Schulterklopfen

Viel Lob, Schulterklopfen - und Absichtserklärungen für einen Wandel im deutschen Frauen-Fußball in der EM-Euphorie. Schön wär's, überfällig allemal - doch Zweifel bleiben, kommentiert Michael Wollny. (Foto: Eibner/Memmler / IMAGO/SZ)
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Viel Lob, Schulterklopfen - und Absichtserklärungen für einen Wandel im deutschen Frauen-Fußball in der EM-Euphorie. Schön wär's, überfällig allemal - doch Zweifel bleiben, kommentiert Michael Wollny.

Die Enttäuschung über das bittere 1:2 von Wembley wird schnell abklingen und zwei wichtigen Erkenntnissen weichen:

  1. Die deutschen Frauen haben mit begeisterndem Fußball und sympathischem Auftreten auch ohne Titel viel Werbung in eigener Sache gemacht.
  2. Mit zwei Weltmeistertiteln und acht EM-Titeln war das auch in der Vergangenheit schon so. Geändert hat sich wenig.

Somit stellt sich also wieder einmal die Frage, was am Ende von dieser ganzen Euphorie denn übrig bleibt als wieder nur Lob und Schulterklopfen?

An Forderungen nach einem strukturellen Wandel im Fußball, der sich Mädchen und Frauen hierzulande öffnet, herrscht auch rund um diese Europameisterschaft in England kein Mangel.

Also gebt den Frauen endlich das, was sie verdienen! Und das bezieht sich nicht nur auf Gehälter. Es geht um Wertschätzung und Professionalisierung. Auf dieser Grundlage sollten sich die Gehälter nach den Gesetzen des Marktes schließlich von alleine positiv entwickeln. 

Doch aus den Erfahrungen der Vergangenheit erwachsen neue Zweifel, ob speziell der DFB zu echten Reformen fähig ist, um den Frauen-Fußball mit frischem Rückenwind aus England nun in Deutschland voranzutreiben. Ob er es schafft, für ein sehr gutes Angebot auch die Nachfrage - sprich, die Aufmerksamkeit - zu erhöhen.

Letztlich geht es um kluge Vermarktungsmodelle zur effizienten Monetarisierung des Frauen-Fußballs. Wo der Männer-Fußball unter zu viel Kapitalisierung leidet, leidet der Fußball der Frauen unter einem Mangel daran.

Anstoßzeiten für Länderspiele, etwa an einem Dienstagnachmittag um 15 Uhr, sind keine Bühne im Rampenlicht, sondern eine schattige Nische. In dieser fristet auch die Bundesliga der Frauen ein dröges Dasein.

Dass weibliche Fußball-Profis neben dem sportlichen Knochenjob ihr Leben noch über einen Zweitjob finanzieren müssen, ist zudem absurd. Und dass es zu dieser EM nicht ein einziges Sonderheft der üblichen Sportverlage gab, ist symptomatisch.

Es liegt nun also am DFB, Worten des Lobes endlich Taten folgen zu lassen, den Erfolg der deutschen Frauen in England aufzugreifen und neue Strukturen zu schaffen, um das Fundament für sportliche Nachhaltigkeit zu legen. Was oben beginnt, muss sich dann unten in den Vereinen auswachsen.

Es muss auch auf dem Dorf erkannt werden, dass man als Verein davon profitiert, wenn junge Mädchen von der Jugend bis zu den aktiven Damen die Altersklassen durchlaufen können. Dazu benötigt es zweifellos Ehrenamtliche, die in den Vereinen diese Strukturen schaffen und weitere Ehrenamtliche, die diese Strukturen als Trainer mit Leben füllen.

Aktuell ist man davon etwa in der Region Oberschwaben und Bodensee noch weit entfernt. Wo E- und D-Jugenden der Jungs in der direkten Nachbarschaft zu ihren Spielen mit dem Fahrrad fahren können und eine große Gegner-Auswahl Wettkampf auf verschiedenen Leistungsebenen ermöglicht, müssen dieselben Jugenden im Mädchen-Bereich bis zu einer Stunde Autofahrt hinter sich bringen - um Saison für Saison gegen die immer gleichen fünf Teams zu spielen.

Als Trainer einer E-Jugend-Mädchenmannschaft hoffe ich darauf, dass mich die Zukunft in meiner Skepsis zu einer echten Strukturreform Lügen straft. Wann, wenn nicht jetzt, bestünde eine große Chance auf Wandel?

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