Kirchenbänke immer leerer - Moschee gut gefüllt

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Zum Freitagsgebet kommen Hunderte Muslime zum Beten in die Mevlana-Moschee in der Ravensburger Schützenstraße.
(Foto: SZ)
Karin Kiesel

Die Zahl der Kirchenaustritte in Ravensburg hat einen neuen Spitzenwert erreicht. 367 Christen haben laut Standesamt im vergangenen Jahr der Kirche den Rücken gekehrt, 2013 waren es 283. Sowohl in katholischen als auch in evangelischen Kirchen werden die Bänke zunehmend leer. Anders in der Mevlana-Moschee in der Nordstadt: Allein zum Freitagsgebet kommen zwischen 600 bis 800 Muslime.

„Die evangelische Gesamtkirchengemeinde erreicht diese Zahl mit den Gottesdiensten nicht“, sagt Stadtpfarrer Martin Henzler-Hermann. Durchschnittlich 150 Gläubige kommen sonntags in die Evangelische Stadtkirche (Platz wäre für 750), in die Johanneskirche in die Weststadt etwa 70 und in Oberhofen sind es im Schnitt 20.

Allerdings, so Henzler-Hermann, sei es keineswegs so, dass man vor leeren Bänken predige. „Es wird oft so dargestellt, dass es nur noch ein paar letzte Mohikaner gibt, die am Sonntag in die Kirche kommen. Das stimmt nicht. Die Kirchenbindung in der Region ist schon noch sehr groß.“ Dennoch spricht auch er von einer „eklatanten Zunahme“ der Kirchenaustritte, besonders in den vergangenen drei Jahren.

Als „durchaus alarmierend“ beschreibt auch der Ravensburger Dekanatsreferent Florian Müller die aktuelle Rücktrittswelle. „Wir sitzen noch nicht vor leeren Bänken, aber die Tendenz ist eindeutig.“ Zum Gottesdienst in die Liebfrauenkirche kommen sonntags im Schnitt 600 Katholiken, in der Dreifaltigkeitskirche in der Weststadt sind es knapp 400. Wie Müller ausführt, sind die Zahlen in den vergangenen Jahren nahezu identisch geblieben. „Das liegt daran, dass die Menschen, die aus der Kirche austreten, ohnehin nicht die regelmäßigen Kirchgänger sind“, erklärt Müller.

Geht man weiter zurück, beispielsweise ins Jahr 1980, ergibt sich ein anderes Bild. Damals besuchten im Schnitt 3031 Katholiken am Sonntag die Messen in der Liebfrauenkirche (allerdings gab es damals noch mehrere Messen am Tag) und 737 in der Dreifaltigkeitskirche.

Hunderte beim Freitagsgebet

Von 600 bis 800 Muslimen allein beim Freitagsgebet spricht hingegen Esref Cimen, stellvertretender Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Ravensburg. Samstags und sonntags sind es zwischen 80 und 100 Gläubige.

Allerdings verteilen sich die gläubigen Christen im Schussental auf sehr viele Gotteshäuser, demgegenüber steht eine Moschee. Rund 1160 Muslime leben in Ravensburg, im gesamten Kreis laut Cimen zirka 3500. Neben Ravensburg gibt es Moscheen in Bad Waldsee, Bad Wurzach, Friedrichshafen, Isny und Leutkirch.

Dennoch: Zu religiösen Feiertagen (Ramadan und Opferfest) kommen laut Cimen sogar zwischen 1000 und 1500 Muslime in die Ravensburger Mevlana-Moschee in der Schützenstraße.

Kirchensteuer verärgert viele

Und woran liegt es, dass Christen zunehmend ihrer Kirche den Rücken kehren? Die neu eingeführte Kirchensteuer auf Kapitalerträge sei der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, sind sich Henzler-Hermann und Dekanatsreferent Müller einig. „Das ist eine Schnapsidee“, findet der evangelische Pfarrer Henzler-Hermann. Zudem sind seiner Ansicht nach „Negativgeschichten“ wie der Bauskandal um den Limburger Bischof Tebartz van Elst oder Missbrauchsvorwürfe weitere Gründe für Rücktritte.

„Der tiefgreifendste Grund von allen dürfte allerdings der Traditionsverlust in unserer Gesellschaft sein“, sagt der evangelische Pfarrer. Viele Kinder würden beispielsweise heute keine biblischen Geschichten vorgelesen bekommen oder eine Kinderkirche besuchen. Zudem sei es auch immer schwieriger, Menschen für das Engagement im Kirchengemeinderat zu gewinnen. „Die demokratische Säule unserer Kirche schwächelt deutlich“, bemängelt Henzler-Hermann.

Dem stimmt auch Florian Müller vom Dekanat Allgäu-Oberschwaben zu. „Viele Menschen sind nicht mehr liturgiefähig. Manche können nicht einmal mehr das Vaterunser beten.“ Eine zunehmende Entfremdung der Menschen von „ihrer Kirche“ und das Versäumnis der Kirche, ihre Botschaft zeitgemäß zu verkünden, sind seiner Ansicht nach weitere Ursachen. „Wenn dann auch noch der Beitrag erhöht wird, verärgert das viele.“ Die Menschen dort abholen, wo sie aktuell stehen, und schauen, wo ihre Nöte sind – das sollte laut Müller wieder mehr in den Vordergrund rücken. „Da fehlt es oft an Sensibilität, beispielsweise was die Wiederverheirateten angeht. Und dann wenden sich die Menschen verletzt ab.“

Tradition und Zusammenhalt, so vermuten die beiden Kirchenmänner, sind daher auch die Gründe, warum die Bindung zum Glauben bei den Muslimen möglicherweise stärker ausgeprägt ist. „Gemeinsam zu beten spielt im Islam eine große Rolle“, bestätigt Esref Cimen. Für einen Muslim gilt das Gebot, fünfmal am Tag zu beten. „Ein Gebet in der Gemeinschaft zählt mehr als alleine zu Hause“, erklärt Cimen.

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