Kind befindet sich in liebevollem Umfeld

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In diesem Haus in Ravensburg-Untereschach hatte sich vor einer Woche das blutige Familiendrama ereignet.
In diesem Haus in Ravensburg-Untereschach hatte sich vor einer Woche das blutige Familiendrama ereignet. (Foto: Derek Schuh)
Crossmedia Volontärin

Was passiert mit Kindern, die nach einer Gewalttat alleine oder ohne direkte Angehörige zurückbleiben? Bei einem Familiendrama vergangenen Freitag in Untereschach hat ein 53-Jähriger seine Frau und seine beiden Stieftöchter getötet. Nur die fünf Jahre alte gemeinsame Tochter des Ehepaares überlebte die Bluttat. „Das Mädchen befindet sich in einem liebevollen Umfeld“, sagt Franz Hirth, Sprecher des Landratsamts, auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“.

Vier sogenannte Notfall-Familien gibt es für solche Fälle im Landkreis. Diese Familien erklären sich bereit, Kinder, für die ein „unmittelbares Schutzbedürfnis“ besteht, zu jeder Tages- und Nachtzeit aufzunehmen. Dies ist allerdings immer nur vorübergehend, bis das Jugendamt mit dem Familiengericht geklärt hat, welche Unterbringung langfristig am besten ist.

„Dabei stehen allein die Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund“, so der Leiter des Jugendamts Ravensburg, Konrad Gutemann. Ansprüche von Verwandten werden hier erst einmal nicht berücksichtigt. Es obliegt dem Jugendamt zu prüfen, welches Umfeld für die oft schwer traumatisierten Schützlinge die größte Stabilität bietet.

Abwarten und beobachten

Ein ganzes Team kümmert sich um minderjährige Hinterbliebene. Dieses besteht aus einem Mitarbeiter des Jugendamts, der die Vormundschaft für das Kind übernimmt, um dessen Rechtsangelegenheiten zu regeln. Darunter fallen beispielsweise Ansprüche auf das Opferentschädigungsgesetz, Krankenversicherung oder Sozialansprüche. Ein Sozialarbeiter ist für die pädagogische Betreuung des Kindes zuständig. Gemeinsam mit der Pflegefamilie verfolgt er die Entwicklung und bewertet sie nach pädagogischen Standards.

„Die Kunst liegt im Beobachten“, sagt Hirth. Man wisse nicht, was genau das Kind erlebt oder indirekt mitbekommen habe. Üblicherweise trete nach dem Erleben solcher Ereignisse zunächst ein Schutzmechanismus ein - das Geschehen wird zum eigenen Schutz erst einmal verdrängt, erklärt Gutemann. „Besonders wichtig ist es, zuerst wieder Sicherheit im Tagesablauf herzustellen und das Kind aufmerksam zu begleiten“, so der Jugendamtsleiter. Hirth: „Jeder Mensch trauert auf seine eigene Art und Weise.“ Genauso individuell sei auch die Vorgehensweise des Jugendamts in Abstimmung mit dem Sozialarbeiter und einer Traumatherapeutin. Wichtig sei dabei, den Trauerprozess des Kindes zu respektieren und es nicht dazu zu zwingen, Sachen aufzuarbeiten, für das es noch nicht bereit ist. Priorität habe, dem Kind von Anfang an Sicherheit und Kontinuität zu bieten.

Verwandtschaft hat letztes Wort

Deshalb ist es auch das Bestreben des Jugendamts, das fünfjährige Mädchen langfristig in der Region unterzubringen, da es hier seine vertrauten Strukturen vorfinde. „Zu der Belastung, die das Kind jetzt schon hat, soll nicht noch die Eingewöhnung in einen anderen Kulturkreis kommen“, erklärt der Pressesprecher des Landratamts. Um eine Anlaufstelle für die Trauer des Kindes zu schaffen, ist das Jugendamt bemüht, die Mutter in der Region beerdigen zu lassen. Das letzte Wort wird jedoch ihre direkte Verwandtschaft haben.

Eine Lebensaufgabe: Carlos Benede, ehemaliger Polizist, weiß, was es heißt, traumatisierte Kinder zu begleiten. Er adoptierte zwei Jungen, die beide miterlebt hatten, wie ihre Väter ihre Mütter brutal umbrachten (die SZ berichtete). Der gebürtige Bayer hat erfahren, wie wichtig es ist, traumatisierten Kindern Raum zu geben, abzuwarten und auf Entwicklungen zu reagieren. Aufarbeitung kann ein ganzes Leben dauern, sagt er. „Besonders zu Geburts-, Todes- oder an Feiertagen werden sie immer wieder daran erinnert“, erzählt Benede. „Es ist wichtig, immer ein offenes Ohr zu haben, auch nach vielen Jahren noch.“

Bluttat in Untereschach: Täter ist suizidgefährdet. Die Ravensburger Staatsanwaltschaft erwägt eine Anklage erst 2017.
In Eschach bei Ravensburg hat in der Nacht zum Freitag ein 53-jähriger Mann seine 37-jährige Frau und seine beiden Stieftöchter mit einem Beil getötet.
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