Kein Weihnachten ohne Weihnachtsoratorium

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Schwäbische Zeitung
Dorothee L. Schaefer

Die Evangelische Stadtkirche in Ravensburg war am zweiten Weihnachtsfeiertag vollgefüllt – zum Tradition gewordenen „Weihnachtsoratorium zum Mitsingen“. Diesmal waren wieder – wie alle zwei Jahre im Wechsel – die Kantaten 1-3 zu hören. Johann Sebastian Bachs Oratorium besteht ja insgesamt aus sechs Teilen, die ursprünglich zu Weihnachten und an den Sonn- und Feiertagen bis Epiphanias (Dreikönigsfest) in den Messen aufgeführt wurden.

Die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben entfaltete zusammen mit ihren zehn Instrumentalsolisten einen farbenreichen Klangkörper; dem Projektchor aus 55 Sängerinnen und 26 Sängern – ein junger stand bei den Altstimmen - merkte man an, dass die musikalische Literatur nicht nur geläufig war, sondern auch große Freude bereitete. Die allermeisten stammten aus den Chören der Stadtkirche, aber es waren auch zahlreiche aus ganz Baden-Württemberg dabei, die zu den vier Probentagen vorher jeweils anreisen mussten.

Das Dirigat teilten sich Solveig Weigel, die den ersten Teil, und Kirchenmusikdirektor Michael Bender, der Teil 2 und 3 leitete. Vier Gesangssolisten gehören dazu: die Sopranistin Barbara Zeller, die Altistin Nicole Fazler, die Bassrolle hatte Christian Feichtmair. Für den erkrankten Tenor Ulrich Müller-Adam war Karsten Münster eingesprungen, Opernsänger und Ensemblemitglied am Landestheater Coburg. Die Tenorpartie hat im übrigen im Oratorium neben der Altstimme das meiste zu leisten, denn neben den Arien übernimmt sie ja auch die Rezitative, die Erzählungen des Evangelisten.

„Jauchzet, frohlocket“ begann der Chor nach dem instrumentalen Vorspiel mit Schwung und Temperament und diese vitale, kontrastreiche Gestaltung der Chorpartien und Choräle erlebte man über die ganze Aufführung hinweg immer wieder. Auch dem Tenor Karsten Münster war die lebendige Darstellung und Artikulation der Texte wichtig; ebenso strukturierte Christian Feichtmairs umfangreicher Bassbariton, der in den Duetten wunderbar zusammenstimmte mit Barbara Zellers sicherem Sopran, die Texte expressiv und darstellerisch.

Die warme und in den Höhen voluminöse Altstimme von Nicole Fazler bewältigte drei große und lange Arien, darunter die einzige, nämlich „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder“, die nur für dieses Oratorium komponiert worden ist. Die instrumentalen Soli, so das exzellente Trompetensolo von Hermann Ulmschneider, das die Bassarie „Großer Herr, o starker König“ mit koloraturhaften Trillern umspielte, die zwei schönen Oboen (Gisela Feifel-Vischi und Lisa Walzer) zum Alt, der Dialog der modulierenden Flöte (Katharina Heim) zur Tenorarie, die gesangliche Violine (Michael Wieder) und die tragende Cellostimme als Basso Continuo von Eva Kuhn, frischten das musikalische Gedächtnis auf. Nicht zu vergessen die verlässliche Grundierung durch die Orgel von Dieter Weitz.

Insgesamt eine Aufführung von beachtlicher Qualität, die mit lang anhaltendem Applaus bedacht wurde. Und so ließen sich der Chor und Michael Bender nicht lange bitten und setzten mit der Zugabe des 64. Chorals, des letzten Chorals von Teil 6 des Weihnachtsoratoriums, einen abschließenden musikalischen Glanzpunkt.

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