Katholische Reformkräfte melden sich in Ravensburg wieder lautstark zu Wort

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Anton Wassermann

Sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich verkrustete Strukturen und aus ihrer Sicht verlogene Doppelmoral in der katholischen Kirche überwinden lassen: die Initiatoren der Bewegung „Reformen jetzt – Konzil von unten“. Sie rannten am Freitag im Gemeindehaus Dreifaltigkeit in Ravensburg bei rund hundert Besuchern und Gemeindepfarrer Reinhold Hübschle mit ihren Forderungen offene Türen ein. Die Veranstaltung war der Auftakt zu einem entsprechenden Aktionsjahr in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Der Rottenburger Arzt Albrecht Storz, der vor seinem Medizinstudium zusammen mit Hübschle einige Semester Theologie studiert hatte, und Peter Wieland von der Aktion „pro Concilio“ waren gekommen, um ihre Reformideen vorzutragen und die Stimmung an der kirchlichen Basis zu erkunden. Widerspruch zu ihrem Anliegen bekamen sie von den Besuchern nicht zu hören, allenfalls die Aufforderung, noch mehr Druck auf Diözesanbischof Gebhard Fürst auszuüben. Die bisherigen Gespräche mit ihm, so sie denn überhaupt zustande kamen, seien alles andere als auf Augenhöhe verlaufen, berichteten die beiden Besucher. Ohne argumentativ auf ihre Anliegen einzugehen, habe sie Fürst von oben herab belehrt und danach die Zusammenkünfte schnell beendet.

Ein Jahr lang werden Stimmen an der Basis gesammelt

Damit der für den 7. November 2020 in Rottenburg anberaumten Konzilstag nicht wirkungslos verpufft, sammeln die Initiatoren in mehreren Städten der Diözese Stimmen von der Basis. An sieben Tischen waren große Blätter ausgelegt, die sich innerhalb kurzer Zeit mit Kommentaren und Forderungen füllten. Doch es sind nicht nur die Laien, die mit den gegenwärtigen Verhältnissen in der katholischen Kirche unzufrieden sind, wie Pfarrer Hübschle in seiner Begrüßung betonte. Rund 40 Pfarrer aus der Diözese hätten sich in ähnlicher Weise zu Wort gemeldet.

Nur ein neues Konzil sei in der Lage, den längst überfälligen Aufbruch zu ermöglichen, erklärte Peter Wieland. Hierbei sollen nicht nur Papst, Kardinäle und Bischöfe mitreden und entscheiden, sondern auch kompetente Laien. Papst und römische Kurie müssten nach Überzeugung der Initiatoren Entscheidungskompetenzen an die örtlichen Bischofskonferenzen abgeben. Gefordert wird ferner mehr Vielfalt bei den Formen der Liturgie und Verkündigung, der Zugang zu den Weiheämtern für alle Geschlechter und die Abschaffung des Pflichtzölibats (Ehelosigkeit) für Kleriker.

In der Diskussion fragen Besucher nach einem Plan B

Ein weiterer Punkt ist die kirchliche Sexualmoral. Sie müsse sich an der Botschaft Jesu orientieren und dabei wissenschaftliche Erkenntnisse der Moraltheologie und Sozialethik berücksichtigen.

Menschen dürften nicht wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert und wiederverheiratete Geschiedene nicht von den Sakramenten ausgeschlossen werden. Schließlich verlangen die Initiatoren, dass die Kirchenleitung die eucharistische Gastfreundschaft erlaubt, wie es die katholischen und evangelischen Pfarrgemeinden in der von Bischof Fürst untersagten Ravensburger Erklärung ausgesprochen hatten.

In der von Pastoralreferentin Angelika Böhm geleiteten Diskussion wurde wiederholt die Frage aufgeworfen, ob es zu dem eingeschlagenen Weg nicht einen Plan B geben könnte, der die Kirchenleitung zwingt, Reformen zuzulassen. Da war von massenhafter Verweigerung der Kirchensteuer die Rede, was in der Praxis einen Kirchenaustritt bedeutet. Doch davon versprechen sich weder Pfarrer Hübschle noch die beiden Gäste aus Rottenburg eine nachhaltige Wirkung, weil schon jetzt jährlich fünf Prozent der Kirchenmitglieder ihren Austritt erklären und die Diözesen trotzdem keine Finanznot hätten. Stiller Ungehorsam und das Handeln nach dem eigenen Gewissen sind nach Hübschles Überzeugung neben einem machtvollen Ruf nach Reformen einem symbolischen Akt vorzuziehen, weil er letztlich nichts anderes bedeute als Rückzug und Resignation.

Inzwischen haben schon viele der Kirche den Rücken gekehrt

In seinem langjährigen Wirken als Seelsorger in der Ravensburger Weststadt und den zur Seelsorgeeinheit zusammengeschlossenen Gemeinden hat Hübschle schon sehr viel Resignation festgestellt: „Wenn wir vor fünf Jahren diese Veranstaltung gemacht hätten, wäre unser Gemeindesaal zu klein gewesen.“ In den vergangenen Jahren hätten schon viele Gemeindemitglieder im Frust der Kirche den Rücken gekehrt. Um so wichtiger sei es, jene engagierten Katholiken zu ermutigen, die sich für eine Erneuerung ihrer Kirche einsetzen.

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