Kaminöfen: Mit die größten Feinstaub-Verursacher

Lesedauer: 8 Min
Schwäbische Zeitung

Nach einem beunruhigenden Bericht von Report Mainz sind Holzöfen gefährliche Feinstaubschleudern – selbst neue Geräte sollen im normalen Betrieb die angeblichen Werte auf dem Prüfstand um ein Zigfaches überschreiten. Ähnlich wie Dieselfahrzeuge. Gerade im ländlichen Raum sind Kaminöfen aber beliebt als behagliche Alternative beziehungsweise Ergänzung zur Öl-, Gas- oder Stromheizung.

Annette Vincenz sprach mit Walter Sieger darüber, was Nachbarn tun können, wenn sie sich durch Rauch belästigt fühlen. Sieger ist als Dezernent für Kreisentwicklung, Wirtschaft und Ländlichen Raum im Landratsamt zuständig für Umwelt- und Bauthemen.

Was können Bürger tun, die unter den Kaminen ihrer Nachbarn leiden? Oder die den Verdacht haben, dass dort eben nicht nur gut abgelagertes Holz, sondern auch Windeln oder Müll verbrannt werden?

Zwei Dinge. Sich an die Baurechtsbehörde wenden – bei Großen Kreisstädten ist das die Stadt. Aber eher, wenn es um baurechtliche Geschichten geht. Bei Geruchsbelästigungen durch Nachbarn kann man sich bei der Immissionsschutzbehörde des Landratsamtes beschweren.

Und dann?

Dann kommt ein paar Tage später, gegebenenfalls auch unangemeldet, der Bezirksschornsteinfeger und klingelt. Das beeindruckt die meisten schon, denn oft ist Unwissenheit über die zulässigen Verbrennungsstoffe die Quelle für den Qualm.

Aber bis dahin kann die Geruchsbelästigung ja längst wieder verschwunden sein. Wird denn bei der Überprüfung der Feinstaubausstoß gemessen?

Nein, dafür haben wir beim Amt gar nicht die Instrumente. An den Rückständen kann man eventuell sehen, was verbrannt worden ist. Plastik zum Beispiel verbrennt ja gar nicht vollständig. Aber wenn jemand Plastik verbrennen würde, wäre das sehr unklug, denn damit macht er seinen Kachelofen kaputt. Verboten ist aber auch beschichtetes Holz. Andererseits sind erstaunlich viele Brennstoffe erlaubt, auf die man gar nicht kommen würde: darunter Torfbriketts, Braunkohle und sogar Stroh. Geregelt ist das in der Bundesimmissionsschutzverordnung.

Wie oft kommt so eine Beschwerde denn vor?

Etwa zehnmal im Jahr. Oft stimmt dann etwas mit dem Brenner oder dem Kamin nicht.

Welche Konsequenzen hat das für den Ofenbetreiber?

In der Regel reicht eine Ermahnung. Wir könnten auch Bußgelder verhängen, das ist aber noch nie geschehen. Meistens merkt auch schon der Schornsteinfeger bei seiner zweijährlichen Überprüfung, dass etwas mit dem Kamin nicht stimmt.

Aber Schornsteinfeger haben ein reges Interesse daran, dass die Öfen weiter laufen dürfen – weil sie ihre Existenzgrundlage bilden. Warum gibt es keine unabhängigen Überprüfungen von Amts wegen?

Das stimmt so nicht. Die Bezirksschornsteinfeger sind als Behörde unterwegs und handeln hoheitlich, auch wenn sie selbstständig sind. Bei 1,4 Millionen Kaminöfen in Baden-Württemberg entzieht es niemandem die Existenzgrundlage, wenn einer stillgelegt wird.

Der Feinstaubausstoß ist aber auch gefährlich, wenn der Ofen richtig läuft. Wäre es nicht besser, den Betrieb der Öfen zu verbieten, wenn sie nicht mit Filtern ausgestattet sind?

Tatsächlich sind Kleinfeuerungsanlagen in Haushalten der zweitstärkste Verursacher von Feinstaub. Sie kommen in Baden-Württemberg gleich nach dem Straßenverkehr. Für ein Verbot gibt es aber keine Rechtsgrundlage. Da wäre der Gesetzgeber in Berlin gefragt. Ältere Kaminöfen müssen ja stufenweise nachgerüstet oder stillgelegt werden.

Warum wird in den Gemeinden im Kreis Ravensburg die Feinstaubbelastung nie gemessen?

Weiß ich nicht. Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg misst in Biberach und Friedrichshafen, aber nicht in Ravensburg. Für das Luftmessnetz sind das Umweltministerium und die LUBW zuständig.

Und warum misst das Landratsamt nicht selbst?

Das ist nicht unser Auftrag, und das Landratsamt hat auch keine Finanzmittel dafür. Diese wären durchaus erheblich und angesichts der geringen Zahl der Beanstandungen wohl auch nicht effektiv eingesetzt. Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft bereit dazu wäre, das zu bezahlen. Letztendlich muss das die Politik entscheiden. Genau wie die Frage, ob die derzeitigen Normen ausreichend sind oder nicht.

Hintergrund: Alarmierende Reportage des SWR

Für die SWR-Sendung „Report Mainz“ (7. März) hat ein ehemaliger Abteilungsleiter des Bundesumweltamtes Feinstaub im Dorf Unterjesingen bei Tübingen gemessen. Dabei kamen erschreckende Werte von 25000 Partikeln pro Kubikmeter heraus, eine höhere Feinstaubbelastung als in Peking. Die Ursache: Dort habe fast jeder Holz und heize auch damit. Weitere Recherchen von „Report Mainz“ haben ergeben: Im Normalbetrieb emittieren die Öfen zehn bis 50 Mal mehr Feinstaub als auf den Prüfständen – ähnlich wie bei Dieselfahrzeugen. Die bisherige Prüfnorm schließe einige der Betriebsphasen, die besonders kritisch sind, aus. Dazu gehöre das Anheizen, der Kaltstart oder das Auskühlen. Der Schweizer Ofenbauverband „Feusuisse“ hat die deutschen Prüfnormen unter die Lupe genommen: Beim „Vergleich alter und neuer“ Öfen hat sich die Vermutung, dass die Neuen besser sind, „nicht bestätigt“. Weiter heißt es: „Insbesondere bei den Staubwerten ist das Gegenteil der Fall.“ Erklärung der Ofenbauer: Die Hersteller hätten „die Geräte auf einen realitätsfremden Betrieb“ hin optimieren müssen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen