Königin Pauline warb einst für Ton aus Ravensburg

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Die Lithografie von Johann Burkhard Edinger zeigt die südlich der Stadt gelegene Tonwarenfabrik Staib-Wasserott um 1860. Im Hint
Die Lithografie von Johann Burkhard Edinger zeigt die südlich der Stadt gelegene Tonwarenfabrik Staib-Wasserott um 1860. Im Hintergrund erkennt man die Türme der ehemaligen Klosterkirche Weißenau. Vorne sind Erzeugnisse der Firma dargestellt: Röhren, Säulen, Brunnen, eine Skulptur, Fenstermaßwerk, Reliefs, eine Kreuzblume und anderes mehr. (Foto: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart)
Schwäbische Zeitung
Alfred Lutz

Nur wenige kennen die Unternehmensgeschichte der in Ravensburg einst sehr erfolgreichen Tonwarenfabrik Staib-Wasserott. Ihr Gründer, der Kaufmann Georg Friedrich Staib, 1802 als zweites von zehn Kindern eines Biberacher Konditors und Lebensmittelhändlers geboren, erwarb 1827 das Bürgerrecht der Stadt Ravensburg.

Im selben Jahr machte er eine „gute Partie“, indem er Elisabeth Wasserott, eine Tochter des wohlhabenden evangelischen Kaufmanns und Mitglieds der einstigen „Ballengesellschaft“ Johann Kaspar Wasserott, heiratete. Seine mit dieser Einheirat in die einflussreichen Kreise der Ravensburger „Blutwurst“ glücklich gestärkte Kapitalbasis, die aufgrund der neuen württembergischen Gewerbeordnung (1828) erleichterte Gründung von Fabriken und ein von der Regierung gewährtes Darlehen ermöglichten es ihm, im Jahre 1830 eine kleine Baumwollweberei – es war die erste in Ravensburg – zu eröffnen.

Im Jahre 1836 tat er sich wiederum innovativ mit den Wollspinnerei-Fabrikanten Franz Xaver Gosner und Franz von Zwerger, dem Stadtschultheißen, zur Gründung einer neuen größeren Baumwollweberei zusammen, die „Weißwaren“ nach St. Galler Vorbild, das heißt vor allem lockere und glatte Mousselinstoffe, produzierte. Auch die Gründung dieser Firma war von der württembergischen Regierung mit einem Darlehen unterstützt worden.

Aber bereits nach zwei Jahren verließ Staib das Unternehmen wieder. Die Gründe hierfür sind nicht bekannt, doch wahrscheinlich hatten sich seine hoch gespannten Erwartungen nicht oder nicht rasch genug erfüllt oder es hatte gravierende Meinungsverschiedenheiten mit den anderen Teilhabern gegeben.

Im Jahre 1842 schließlich fand er dann ein gänzlich anderes unternehmerisches Betätigungsfeld und begann, eine Tonwarenfabrik aufzubauen. Der Ravensburger Gemeinderat und Stiftungsrat verkauften ihm nach einigem Hin und Her für 900 Gulden ein drei Morgen großes Wiesengelände, weit südlich vor der Stadt, an den nach Tettnang bzw. Weißenau führenden Straßen gelegen. „Da die Fabrikation von Ziegelwaren in hiesiger Gegend sehr im Argen“ lag, sahen es die beiden städtischen Gremien als erwünscht an, „wenn dieselbe rationell betrieben und die Erfahrungen und Fortschritte anderer Fabrikanten in hiesige Gegend verpflanzt werden.“

Der Gemeinderat und Stiftungsrat hatten des Weiteren zur Verkaufsbedingung gemacht, dass Staib nicht nur „eine gewöhnliche Ziegelei“ errichte, sondern „eine solche, in welcher alle neueren Fortschritte und Erfahrungen in der Fabrikation gebrannter Steine und Ziegelwaren, insbesondere irdener Brunnen-Deichel (= Röhren)“, Eingang fanden.

Staib musste sich weiter verpflichten, der Stadt Ravensburg „den ganzen Bedarf an Brunnen-Deicheln um denselben Preis“ wie bei der im Lande damals führenden Bihl’schen Fabrik in Waiblingen oder anderen inländischen Betrieben zu liefern.

Gute Tonerdevorkommen in nächster Nähe, die damals stark steigenden Holzpreise, der in jener Zeit vielerorts einsetzende Ausbau der Wasserversorgung und der Austausch der hölzernen Röhren durch Tonröhren ließen die 1843 eröffnete, teils aus Steinen der abgebrochenen Ravensburger Stadtmauer errichtete „Tonwarenfabrik Staib-Wasserott“ rasch aufblühen. Günstig wirkten sich nicht zuletzt auch die sehr verbesserten Transportmöglichkeiten infolge der Eröffnung der württembergischen Südbahn in den Jahren 1847/50 aus. In einer Werbebroschüre der Firma aus dem Jahre 1864 sind Empfehlungsschreiben von zwanzig Gemeindeverwaltungen, Staatsbehörden und Firmen aus allen Teilen Oberschwabens, ja sogar aus Spaichingen und Rottweil aufgeführt; darin wurde die Qualität der von Staib-Wasserott bezogenen Wasserleitungsröhren sehr gelobt.

Weit bekannt für „gebrannte Bauornamente“

Auch in die Schweiz konnte viel geliefert werden. Weit bekannt wurde die Firma aber vor allem für die Herstellung feinerer Bausteine und „gebrannter Bauornamente“, die damals große Mode bei der Gestaltung der Fassaden repräsentativer Neubauten waren. Diese rotbraunen „Terrakotta“-Teile – etwa ornamental geschmückte Friese oder Eckkanten – kontrastierten wirkungsvoll mit den hellen Putzflächen der Gebäude. Aber auch zur Auflockerung von Sichtziegelflächen wurden die dekorativen Elemente gerne verwendet, so zum Beispiel bei dem in maurisch-neugotischem Stil gehaltenen Schloss Montfort in Langenargen oder bei der neuromanischen Welfengruft in Weingarten, beide in den 1860er-Jahren nach Plänen des Ravensburger Bauinspektors Gottlieb Pfeilsticker errichtet, der stets sehr gerne auf die Staib’schen Erzeugnisse zurückgriff. Bei den seit Ende der 1840er-Jahre zunehmend in neugotischem Stil errichteten Kirchenbauten kamen vielfach Fenstermaßwerkteile, Friese, Rosetten, Kreuzblumen als Turm- und Giebelbekrönungen und auch Bodenplatten von Staib-Wasserott zur Verwendung.

Noch heute sind diese reizvollen Details mancherorts erhalten, am Turm der evangelischen Stadtkirche in Ravensburg oder an den katholischen Pfarrkirchen in Hohentengen und Binzwangen, auch am bereits erwähnten Schloss in Langenargen und in der Welfengruft in Weingarten, um nur einige Beispiele zu nennen. Aber auch für den privaten Wohnhaus- und Villenbau sowie für die dazugehörigen Gartenanlagen hielt die Firma ein attraktives Angebot bereit, so dekorative Brunnen, massive Balkonbrüstungen, Säulen, Vasen und Tonfiguren in verschiedener Größe, wobei neben Engeln und Löwenköpfen insbesondere Darstellungen von Flora und Ceres, den römischen Göttinnen der Blüte beziehungsweise des Ackerbaus, beliebt waren.

Der Betrieb wurde mehrfach erweitert, technisch modernisiert und zählte 1865 rund 50 Arbeiter; im selben Jahr wurde ein Dampfkessel aufgestellt. Die Produkte der Firma wurden vielfach ausgezeichnet, so 1851, 1854 und 1858 auf den Gewerbe- und Industrieausstellungen in London, München und Cannstatt.

Königin Pauline und Kronprinz Karl waren sehr angetan

Werbewirksam war nicht zuletzt auch ein Besuch der württembergischen Königin Pauline und des Kronprinzen Karl aus Anlass der Ravensburger Gewerbeausstellung im Jahre 1855. Den Zeitungsberichten zufolge zeigten sich die Gäste „von der verschiedenartigen Behandlung der Thonmassen, der Thätigkeit der hydraulischen Presse für Wasserleitungs- und Drainageröhren“ und den „mannigfachen Bauornamenten aus Thon“ so angetan, dass sie ihren Aufenthalt bei Staib-Wasserott spontan verlängerten und nachfolgende Programmpunkte an diesem Tag entfallen mussten. Der nunmehrige König Karl besuchte 1867 den Betrieb erneut.

Staib engagierte sich darüber hinaus auf den verschiedensten Gebieten, so war er längere Zeit Mitglied des Bürgerausschusses, des Gemeinderats und des evangelischen Stiftungsrats, er unterrichtete an der hiesigen gewerblichen Fortbildungsschule, war evangelischer Synodaler sowie Vorstandsmitglied der bedeutenden Ravensburger Vereine „Museum“ und „Liederkranz“.

Die Mitglieder der neu gebildeten Handels- und Gewerbekammer Ravensburg wählten ihn, bisher schon Vorstand des örtlichen Gewerbevereins, Anfang 1867 zu ihrem ersten Vorsitzenden. In Anerkennung seiner Verdienste verlieh ihm der König im Jahr darauf den prestigeträchtigen Titel „Kommerzienrat“. Staib starb Anfang 1872.

Nachfolger hatten nicht den gleichen Erfolg

Die Ziegelei und Tonwarenfabrik wurden da schon seit einigen Jahren von seinem Sohn Johann Friedrich Adolph und dessen aus Biberach stammenden Schwager Louis Widenmann geführt (1876: 37 Beschäftigte). Sie hatten jedoch nicht denselben geschäftlichen Erfolg wie der Firmengründer; die Bauornamente waren nicht mehr so gefragt und auch die Konkurrenz in Gestalt neu gegründeter Ziegeleien und Zementfabriken (Röhren!) nun deutlicher spürbar.

Widenmann wurde 1882 alleiniger Inhaber, geriet jedoch bald in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verkaufte den Betrieb sieben Jahre später an seinen Schwager Julius Spohn, der ihn neben seiner Flachs- und Jutespinnerei sowie seinem Blaubeurer Zementbetrieb führte. Mit modernisiertem Maschinenbestand wurden nun ausschließlich Dachziegel und Backsteine hergestellt. In der „Falzziegelfabrik Gebr. Spohn“ waren 1895 rund 80 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt. Nicht zuletzt wegen der vor Ort mittlerweile unzureichenden Rohstoffvorkommen wurde der Betrieb aber schließlich 1902 eingestellt.

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