Junge marokkanische Pflegerinnen finden ihr Glück in Oberschwaben

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Wolfram Frommlet

„Ich war Papas Prinzessin“, erzählt Hayat, und wie er ihr schon vor ihrer Volljährigkeit Freiheiten ermöglichte, die selten sind für ein Mädchen im Königreich Marokko. Sie durfte in der Stadt auf der Universität in Französisch die arabische Literatur studieren. Als der Vater schwer krank wurde, rief er Hayat, was „Leben“ heißt zu sich. Das einzige Mädchen in der Familie. Vier Brüder, zehn Cousins. Sie würden die Privilegien ihrer Schwester nach seinem Tod beenden. „Dann musst Du gehen, damit Du leben kannst.“ Sie war im achten Semester, als er im März 1999 starb. Wohin, ohne ein Wort Englisch, ohne Beruf, ohne Pass. Sie ging ohne Abschied, schaffte es heimlich mit einer Agentur und der Einladung einer Familie nach Deutschland. Nach Weingarten, als Au-pair. Vor 22 Jahren. Heute kann sie lachen über ihre Erfahrungen mit der fremden Kultur. Im Restaurant aß sie mit den Händen. Niemand, der Arabisch oder Französisch sprach. Abends lernte sie mit dem Wörterbuch Deutsch. Doch sie spürte, in diesem Land wollte sie bleiben.

„Auf der Suche nach Freiheit“

Noch ein Jahr Au-pair, und bald hatte der Wunsch zu bleiben einen deutschen Namen, Werner. Es war Liebe bei beiden, wurde eine glückliche Ehe. „Ich war auf der Suche nach meiner Freiheit, wollte selbstständig werden und stand vor einem Loch. Ich hatte nichts von Marokko, was ich gebrauchen konnte.“

Da sagte ihr Mann etwas, was vielleicht ihr Vater hätte sagen können. Nicht irgendeinen Beruf erlernen, „sondern einen, der dir Spaß macht.“ Mit Kindern zu arbeiten, die Hilfe brauchen, das konnte sie sich vorstellen. Sie bekam einen Ausbildungsvertrag als Kinderkrankenschwester, wurde mit offenen Armen im Heilig-Geist-Spital empfangen. Es wurde ihre Erfüllung. Hayat begann ein neues Leben. Die Freiheit. „Ich kann entscheiden, ob ich Sport machen will oder einen Abendkurs besuchen. Ich kann mich mit anderen Frauen treffen, ohne Begleitung, ohne um Erlaubnis zu fragen.“

„Frauen haben da keine Rechte“

Umso deutlicher aber wurde für sie bei Besuchen in der alten Heimat das Frauenbild, dem sie entflohen war. „In meiner Familie ist das noch extremer als im arabischen Marokko, denn wir sind aus der Minderheit der Berber. Da haben Frauen keine Rechte. Sie bekommen Kinder und schauen nach dem Haus.“

Tante Hayat sah, wie ihre Cousine Sara sich unter lauter Jungs immer mehr zurückzog und isolierte. Und sie hatte einen Hörschaden, um den sich niemand kümmerte. Mit 19, im Sommer 2016, machte sie ihr Abitur in Französisch. „Willst du nach Deutschland kommen?“, fragte die Tante Sara. Sie wollte.

Selbstsicherheit getankt

In Rabat machte sie einen Deutschkurs, bekam ein Visum für Deutschland, landete bei der Tante in Oberzell. Und lernte eine Frau kennen, von der sie sagt, sie sei „eine Salbe für die Seele“, und die wiederum sagte über diese junge Frau aus einer ganz anderen Kultur schon beim ersten Treffen, „ich spürte sofort ihre soziale Kompetenz und ihre Herzlichkeit“: Sibylle Arana, die Leiterin der Stiftung Bruderhaus in der Unterstadt.

Sie nahm sie zunächst auf für ein freiwilliges soziales Jahr und danach für die Ausbildung als Altenpflegerin, und Sara bekam eine Aufenthaltsgenehmigung. Inzwischen hat sie mit 23 Jahren die Prüfung geschafft und darf bleiben. Sie habe, sagt Sibylle Arana, Selbstsicherheit gefunden, die Geduld erlernt, die man braucht in diesem Beruf mit alten Menschen, „sie hat ein feines Gespür dafür, wie man alte Menschen mit oft sehr wenig glücklich machen kann.“

Schlechte Bezahlung bei der Pflege

80 000 Pflegekräfte fehlen in deutschen Heimen. Wenn man Kranken- und OP- Schwestern oder Hauswirtschaftspersonal dazurechnet, sind es sogar über 150 000 fehlende Fachkräfte. Ein gravierender Grund ist die miserable Bezahlung, ein anderer die Überlastung derer, die noch durchhalten. Eine neue Phase von „Gastarbeitern“ hat begonnen.

Im Bundestag wurde ein „Pflegepersonal-Stärkungsgesetz“ verabschiedet, womit 13 000 Altenpfleger eingestellt wurden. Gesundheitsminister Spahn und Staatssekretärin reisen werbend vom Kosovo bis zu den Philippinen, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit wirbt in Mexiko. Im Maghreb und in Indien werden nun spezielle Deutschkurse angeboten. Die Abschlüsse sind oft von höherem Niveau im Ausland als bei uns.

Hohes Bildungsniveau im Gepäck

„Die Behörden sind sehr hilfsbereit und offen“, sagt die Leiterin der Stiftung Bruderhaus, Sibylle Arana, „aber sie sind überfordert.“ Sie hat überwiegend positive Erfahrungen, trotz aller kulturellen Unterschiede. Frauen wie Sara und Hayat sind ein Geschenk, weil sie beide ein ungewöhnlich hohes Bildungsniveau mitbrachten. „Aber auch Sara brauchte lange, bis sie sich aus der Rolle als junge Frau in der Berberkultur lösen konnte und aufmachte.“

Eine Muslima, deren Vater ein sehr toleranter Religionslehrer ist, fastete, feierte die islamischen Festtage und hatte keine Probleme mit vorwiegend christlichen Bewohnern. Eine andere aber weigerte sich, Männer zu pflegen. „So was geht hier nicht.“ Die Migranten pauschal gibt es nicht, sagt sie. „Flüchtlinge aus Gambia, als Beispiel, mussten lernen, in ihrem Land mit so viel Lügen und Tricks zu überleben, dass es dauert, bis sie sich in einer ganz anderen Kultur integrieren können.“

Kritik an der Politik

Die Anwerbe-Abkommen von Minister Spahn stoßen auf viel Kritik. Bei uns würden Löcher gestopft, und in den Entsendeländern Löcher gerissen. In Polen, bestätigt Sibylle Arana, trifft dies zu. Für die eigenen Pflegekräfte holt man dort nun die billigeren aus Weißrussland oder der Ukraine. Dies, versichert der Minister, solle nicht geschehen. Angeworben werden dürfe nur dort, wo mehr Pflegekräfte ausgebildet als im Land gebraucht würden. Sollen nun mithilfe der Migranten die miserablen Gehälter bestehen bleiben, wird nun die Politik in Berufsverbänden und Gewerkschaften gefragt.

„Ich fühle mich als junge Frau und habe Rechte“, sagt derweil Sara Chaamoune strahlend. „Ich darf Fahrrad fahren, kann abends spazieren gehen und niemand sagt was“. Sie lebt in einer Wohngemeinschaft, „in der ich mit Jungs frei reden kann, ich verdiene mein eigenes Geld und niemand macht mir Vorschriften“ Und sie trägt ein winziges Hörgerät und hat keine Angst mehr, die alten Menschen um sie herum nicht zu verstehen.

Zwei Frauen haben hier ihre Freiheit, ihr Glück gefunden und sind ein Glück für die Pflege in dieser Stadt.

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