Johannespassion hat in Stadtkirche Premiere

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Schwäbische Zeitung
Dorothee L. Schaefer

In der Evangelischen Stadtkirche gab es am Sonntag ein bisher noch nie gehörtes Werk sakraler Musik zu hören: die oratorische Passion „Der leidende, sterbende und begrabene Jesus“ nach dem Johannes-Evangelium von Georg Gebel d. J. (1709-1753). Trotz schönstem Frühlingswetter sind daher viele Zuhörer gekommen.

Gebel war der Sohn des gleichnamigen Breslauer Organisten, Georg Gebel d. Ä., einem Zeitgenossen von Johann Sebastian Bach, und wirkte als Cembalist an Hofkapellen in Thüringen. So erinnern einige Passagen oder Choräle durchaus an den älteren Bach; allerdings beschränkte sich Gebel bei seiner Vertonung im Gegensatz zu Bach auf den Originaltext des Evangeliums. In sechs Teilen aufgebaut, war das Werk mit etwas über zwei Stunden Länge ursprünglich als Darbietung innerhalb eines Karfreitagsgottesdienstes gedacht.

Die Besetzung der Kammerphilharmonie Oberschwaben mit 21 Instrumentalisten, darunter 15 Streichern und fünf Bläsern sowie Orgel wirkte unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Michael Bender mit dem Ravensburger Motettenchor aus 28 Sängerinnen und zehn Männerstimmen wunderbar passgenau zusammen. In den nur sehr kurzen, aber farbenreichen Einleitungen oder auch in der solistischen Begleitung einiger Arien gaben die Instrumentalisten einen runden und differenzierten Grundton vor. Bei den Rezitativen war das Instrumentale meist auf die kurze Akzentuierung eines a-capella-Gesangs ausgerichtet.

Von den vier Solistenstimmen hat der Tenor die größte Aufgabe zu meistern. Er trägt die Texte des durchgehend präsenten Evangelisten vor und hat zusätzlich fünf längere Arien in seiner Rolle. Frank Bossert, Konzertsänger und Gesangsdozent in Stuttgart, der schon öfter in Ravensburg zu Gast war, bewältigte die anspruchsvolle Partie mit nicht nachlassendem Elan.

Pointierte Wechselgesänge

Seine helle, warm timbrierte Stimme fand in dem Bass-Bariton von Thomas Gropper, Professor an der Münchner Musikhochschule, ihre vokale Ergänzung. Gropper zeichnete die Figur des Jesus und auch des Pilatus mit zarten Konturen und kehrte die Dramatik der Szenen eher nach innen. Die weniger häufigen Auftritte von Sopran und Alt wurden jedoch – mal von der Gambe und vom gezupften Kontrabass oder den Celli begleitet – zu einem musikalischen Höhepunkt, den Petra Dieterle (Sopran) und Susanne Dünnebier (Alt) intensiv zu gestalten wussten.

Ein Hauptgegengewicht zur Erzählung des Evangelisten ist quasi der Dialog, der sich mit dem Chor, der mal das Volk der Juden, mal den Chor der Gläubigen darstellt, entwickelt. In den Chorälen, deren Texte von einem unbekannten Autor stammen, verdichtete sich Gebels musikalischer Genius zudem in einer zupackenden Rhythmik, im kirchenlied- oder auch volksliedhaften Duktus, in den anderen Chorszenen in überraschend pointierten und mitreißenden Wechselgesängen. So wird das erstmals gehörte, hervorragend aufgeführte Werk in Erinnerung bleiben.

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