Jammern war nie ihr Ding

 Gertrud Reisenegger hat ihren 100. Geburtstag gefeiert.
Gertrud Reisenegger hat ihren 100. Geburtstag gefeiert. (Foto: Manfred Reisenegger)
Martina Kruska

Gertrud Reisenegger wurde als sechstes von acht Kindern einer angesehenen Ravensburger Familie am 27. April 1921 geboren. Schon sehr früh zeigte sie eine Eigenschaft, die sie durchs Leben begleiten sollte: einen unbändigen Freiheitswillen und Drang zur Selbstständigkeit.

Gepaart mit Humor, Feingefühl und einer hohen Intelligenz konnte die Ravensburgerin so jede Situation meistern, ohne sich selbst zu verleugnen. An ihrem 21. Geburtstag bemerkte sie gegenüber ihrem Vater: „So, jetzt bin ich volljährig und kann tun und lassen, was ich will!“ „Ändert sich da was für dich?“ konterte der Vater mit einem Augenzwinkern.

Nach der mittleren Reife – Frauen waren zu der Zeit nur selten für das Abitur vorgesehen! – machte Gertrud Reisenegger eine Ausbildung zur Diätassistentin und Säuglingsschwester. Viele ihrer Jugendjahre verbrachte sie dann während des Zweiten Weltkrieges an der Front, wo sie die Soldaten mit Nahrung und manch tröstendem Wort versorgte.

Nach dem Krieg nahm ihre Abenteuerlust so richtig Fahrt auf. Von einer deutschstämmigen Familie in Santiago de Chile ließ sie sich als Kindermädchen anheuern. Ihr Faible für Sprachen und ihre schnelle Auffassungsgabe sorgten dafür, dass Spanisch-Lernen kein Thema war. Sehr schnell beherrschte sie die Sprache perfekt.

Mit Mitte 30 war die vor Leben sprühende Frau verheiratet, stolze Mutter zweier Kinder und Gastronomin eines der schönst gelegenen Restaurants in Santiago. Noch Jahrzehnte später stand dort die „Tarta Gertrude“, ein köstlicher Apfelkuchen schwäbischer Machart, auf der Karte.

Mit Mitte 40 und vier Kindern kehrte Gertrud Reisenegger nach unglücklicher Ehe nach Deutschland zurück. Mithilfe ihres „geistlichen“ Bruders Pater Anselm Günthör fand sie in Schönwald bei Triberg ein neues Zuhause. Angefangen als Putzfrau wurde sie bald Leiterin eines Familien-Erholungsheims der Caritas.

Die Arbeit machte ihr viel Spaß, wenn sie auch kräftezehrenden Einsatz verlangte. Schließlich hatte sie nebenher noch die volle Verantwortung für ihre vier Kinder zu tragen.

Noch einmal musste die zierliche Frau nach der Schließung des Heimes neu durchstarten. Bis zur Pensionierung 1981 fand sie Arbeit als Küchenleiterin eines Internats in Triberg.

Der Ruhestand ließ dann all ihre erfüllenden Hobbies und Interessen aufleben.

Sie kehrte nach Ravensburg zurück, ließ alte Freundschaften aufleben und knüpfte leicht neue. Sie half Alten und Jungen und machte sich überall nützlich. Und beliebt!

Ihr mitreißendes Temperament, ihre Freude am Dichten und Geschichtenerzählen, ihr reges Interesse für Politik, Zeitgeschehen und Kultur, das alles faszinierte ihre Mitmenschen.

Davon profitierten auch die Mitarbeiter des Bürgerbüros im Rathaus. Mit 80 Jahren übernahm sie dort ehrenamtlich die Spanisch-Konversationsgruppe und gründete kurz darauf den Treff „Mir schwätzet schwäbisch“. Die Pflege der oberschwäbischen Mundart auf hohem Niveau war ihr ein Herzensanliegen. Deshalb verfasste sie auch ein kleines Büchlein mit schwäbischen Gedichten, „A klois schwäbisches Schatzkäschtle“. 2013 schrieb sie ein Zwiegespräch zwischen Mehlsack und Basilika in Reimform, das Oberbürgermeister Daniel Rapp bei einer Narrenverbrüderung schmunzelnd vortrug.

Vor einigen Jahren ließen die körperlichen Kräfte nach, und Gertrud Reisenegger musste sich – nach etlichen Stürzen – dem Alter beugen. Doch ihr Geist blieb wach. Besucher wurden nach wie vor bestens von ihr unterhalten. Noch immer galt „Jammern geht gar nicht.“ Viele Jahre wurde sie von ihrem Sohn Manfred in ihrer Ravensburger Wohnung aufopferungsvoll betreut, bis sie Anfang des Jahres in ein Seniorenheim nach Weingarten übersiedelte. Ihren 100. Geburtstag hätte diese lebensfrohe Frau gern noch etwas aktiver miterlebt, am liebsten im Kreise ihrer vier Kinder, drei Enkelinnen und drei Urenkel.

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