Internet-Ikone Sascha Lobo: Was wir gegen Judenhass im Netz tun können

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Antidepressiva für Demokraten: Autor Sascha Lobo (re.) auf dem Podium neben dem Antisemitismus-Beauftragten Michael Blume.
Antidepressiva für Demokraten: Autor Sascha Lobo (re.) auf dem Podium neben dem Antisemitismus-Beauftragten Michael Blume. (Foto: DRESCHER)
Redakteur Politik

Der Tiefpunkt ist gegen 20 Uhr erreicht. Durch die Stuhlreihen im Foyer von Schwäbisch Media zieht ein feines Raunen, einige der Zuschauer schauen betreten nach unten. Es ist ja auch bedrückend, was ihnen Sascha Lobo gerade von der Bühne aus entgegengeschleudert hat, in 60 Minuten Vortrag. „Anatomie des Hasses im Netz“, lautete der Titel. Lobo hat sich jetzt hingesetzt, die Podiumsdiskussion beginnt. Und Hendrik Groth, Chefredakteur der „Schwäbischen Zeitung“, fragt Lobo: „Welche Antidepressiva haben Sie für mich?“

Medien und Antisemitismus: Es ist ein hässliches Thema, über das deutschlandweit bekannte Experten am Donnerstagabend gut vier Stunden lang im Ravensburger Medienhaus doziert und diskutiert haben. Lobo ist gekommen, einer der versiertesten Autoren, wenn es um die gigantische Zukunftsfrage geht, was die Digitalisierung mit Politik und Gesellschaft macht. Michael Blume ist da, Religionsbeauftragter und Antisemitismusbeauftrager des Landes Baden-Württemberg. Er veranstaltet den Abend. Autor Timo Büchner, der in die Abgründe der Neonaziszene gestiegen ist. Luisa Lehnen, Historikerin und eine der Antreiberinnen des geplanten Lernorts Kislau in Baden. Dort soll Schülern nähergebracht werden, wie Deutschland nach 1918 von der Demokratie in die mörderische Diktatur abgleiten konnte. Antisemitismus, Rassismus, schierer Hass: Das Thema brennt vielen in der Region unter den Nägeln. Etwa 150 Zuhörer sind gekommen, vom Schüler bis zum Senior.

Blume erklärt, woher der Judenhass rührt, warum seit Jahrhunderten immer wieder diese Religionsgemeinschaft Ziel mörderischer Gewalt wird. Er beginnt mit der biblischen Figur des Sem, von dem sich das Wort Antisemitismus ableitet – und der ein „Medienschaffender“ war, wie Blume sagt, ein Antreiber der Alphabetisierung. Blume, der gerade ein Buch mit dem Titel „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ abgeschlossen hat, liefert Erklärungsansätze: Im Judentum hat Bildung seit jeher einen enormen Stellenwert, die jüdische Religion ist zukunftsoptimistisch, sie beinhaltet den Glauben an einen Erlöser. Und daher, erklärt Blume, seien Juden seit jeher ein Feindbild für all jene, die die Welt im Zerfall begriffen sehen und sich als Opfer einer verschwörerischen Elite.

Wir werden mit neuen Medien angegriffen. Michael Blume, Antisemitismus-Beauftragter der Landesregierung

Blume spricht darüber, warum in Zeiten von Medienumbrüchen – von der Erfindung des Buchdrucks bis zur Digitalisierung – Antisemitismus und andere Verschwörungsmythen besonders stark in die Öffentlichkeit drängen. Er galoppiert von Themenpunkt zu Themenpunkt, eine halbe Stunde lang, so rasant, dass man sich bisweilen fragt, wo er noch Atempausen unterbringt. Das funktioniert, weil sein Vortrag bestens strukturiert ist. Immer wieder lächelt Blume, liefert Ideen dazu, wie dem Hass beizukommen sein könnte. Er sagt: „Wir werden mit neuen Medien angegriffen.“ Und wenig später: „Neue Medien sind großartig, ich liebe das Internet.“

Welches Potenzial in digitalen Medien steckt, wird danach deutlich: Vertreter von vier Projekten gegen Rassismus und Antisemitismus stellen ihre Arbeit vor: darunter das Projekt „Papierblatt“, das Erinnerungen Holocaust-Überlebender in Videos bewahrt – und sie Schülern über eine Webseite bereitstellt.

Danach spricht Lobo. Er seziert in ernüchternder Schärfe die Gründe dafür, dass manche Ecken sozialer Netzwerke von YouTube bis Facebook zur Kloake verkommen sind, voller hasstriefender Memes und verschwurbelter Pseudotheorien über angebliche Weltbeherrscher. Lobo zeichnet den „tiefen Medienwandel“ nach, der die Welt in den nur zwölf Jahren seit der Vorstellung des iPhones 2007 erfasst hat – ausgelöst von der rasanten Verbreitung von Smartphones und dem gigantischen Wachstum sozialer Medien.

Wir müssen schnellstmöglich herausfinden, wie wir diesen unglaublichen Hass reduzieren können. Sascha Lobo

Lobo redet über die „digitale Tribalisierung“, das Zersplittern der digitalen Öffentlichkeit in kleine Gruppen. Und er spricht über althergebrachte, neu verkleidete antisemitische Klischees, die in diesen kleinen Räumen verbreitet werden. Und die zu oft, wie im Fall des antisemitischen Terroranschlags von Pittsburgh im Oktober 2018, in mörderische Gewalt münden. Es ist, so kann man Lobo verstehen, alter Hass in neuen Schläuchen. Am Ende sagt er: „Wir müssen schnellstmöglich herausfinden, wie wir diesen unglaublichen Hass reduzieren können.“

Schließlich die Diskussion. Sie verläuft wie ein Gruppenversuch, die von SZ-Chefredakteur Groth geforderten Antidepressiva für Demokraten zu liefern. Lehnen, Mitinitiatorin des Lernorts Kislau, spricht davon, wie wichtig und positiv digitale Öffentlichkeit für ihre Arbeit ist. Büchner, der sich seit Jahren im „Netzwerk gegen Rechts Main-Tauber“ engagiert und 2018 das Buch „Weltbürgertum statt Vaterland“ über Antisemitismus in rechter Rockmusik veröffentlich hat, spricht von den „megaguten Diskussionen“, die er an Schulen führe. Lobo meint, im digitalen Zeitalter gelte mehr denn je, dass das Wort ein Schwert ist. Man müsse es jetzt „aus den falschen Händen reißen und im Sinne einer liberalen Demokratie anwenden.“ Und Blume sagt: „Die anderen sind lauter, gröber. Aber diesmal schaffen sie es nicht. Diesmal kriegen sie unsere Demokratie nicht kaputt.“ Es folgt der lauteste Applaus des Abends.

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