In Kirchen, Kapellen und Schlössern lebt Geschichte

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Die Stammtafel der Humpis ist immer dabei, hier in Pfärrich.
Die Stammtafel der Humpis ist immer dabei, hier in Pfärrich. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Zur Ganztagsexkursion „Museum unterwegs! Auf den Spuren der Humpis in Lindau und Brochenzell“ haben am Freitag die „Schwäbische Zeitung“ und das Museum Humpisquartier gemeinsam mit dem TUI Reise-Center eingeladen. Das Interesse an den Humpis, der herausragenden Familie in der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft, ist stark. Auf 40 war die Zahl der Teilnehmer an der exklusiv für SZ-Leser veranstalteten Fahrt beschränkt. Den Zu-spät-Gekommenen blieb nur die Hoffnung auf die nächste Leserfahrt in zwei Jahren. Im kommenden Jahr ist wieder eine große Humpis-Tour vorgesehen, die vier Tage nach Avignon führt.

Das Publikum kennt sich gut aus, will aber noch mehr wissen. Diese Fahrt gilt den Humpis und keineswegs nur dem Zusammensein mit netten Menschen, die sich einen schönen Tag machen wollen. Das natürlich auch, aber das genießt man beim Mittagessen auf der Terrasse im Hotel Reutemann und beim Abschluss in der urigen Gaststätte im Humpisschloss in Brochenzell, doch im Mittelpunkt des Tages steht eine Familie, die für die Geschichte von Ravensburg von großer Bedeutung war, als Kaufleute und in der Kommunalpolitik. Andreas Schmauder, Leiter des Stadtarchivs, Direktor des Museums Humpisquartier und seit 2015 Honorarprofessor am Institut für Landesgeschichte der Universität Tübingen, verfügt über ein weites Wissen und versteht es ausgezeichnet, auch komplizierte Zusammenhänge allgemeinverständlich darzustellen. Die Organisation der Fahrt hat er in die Hände von Lena Nothelfer, der stellvertretenden Museumsleiterin, gelegt.

Immer zur Stelle, sobald man an einem Ort ist, ist eine ausführliche, im 13. Jahrhundert beginnende Stammtafel der Familie Humpis. Ist sie ausgerollt, haben alle die Genealogie der Familie vor Augen. Schon im Bus erfahren die Teilnehmer vom Aufstieg der Kaufleute aus dem wohlhabenden Bürgertum, von der Bedeutung der die damalige Welt umspannenden Großen Ravensburger Handelsgesellschaft, die sich vor der aus dem Geschichtsunterricht bekannten Hanse keineswegs verstecken musste, bis später die Fugger kamen, bis der 30-jährige Krieg vieles zerstörte und die Zeit vorbei war, in der die Familie eine Herrschaft um die andere von verarmten Adligen aufkaufen konnte. Die Teilnehmer hören auch, wie die Klöster im 18. Jahrhundert Herrschaften aufkauften und die Agrarwirtschaft stark modernisierten. Eine Entwicklung, die dann durch die Umwälzungen vor und infolge der Französischen Revolution jäh beendet wurde. Man bekommt auf so einer Fahrt Einblicke in die Vielfältigkeit der oberschwäbischen Geschichtslandschaft mit ihren zahlreichen geistlichen und weltlichen Herrschaften und ansehnlichen Freien Reichsstädten.

Wallfahrtskirche Pfärrich ist erste Station

Fragt man Schmauder ganz harmlos, für wie viele solche Exkursionen sein Vorrat reiche, kommt er schnell auf mehr als 20 Orte, die unbedingt einen Besuch lohnen. Diesmal ist die Wallfahrtskirche Pfärrich die erste Station. Die Humpis hätten gerne eine Grablege gehabt, daher kaufte Ital Humpis 1437 die Kirchenherrschaft und Wallfahrtskirche Pfärrich. Nur aus dem Bau eines Schlosses dort wurde nichts, daher blieb es bei der Wallfahrtskirche, in der einige Humpis begraben liegen. Schnell ist die Stammtafel ausgerollt und die schönen Epitaphe für die Humpis mitsamt den Wappen darauf werden erklärt. Doch zuvor spielt Josef Pfeffer zur Einstimmung Orgelmusik aus der Frührenaissance.

Bei herrlichem Wetter und herrlich klarer Sicht auf die Berge geht es nun hinunter nach Lindau zu einer verborgenen Kostbarkeit, dem Wasserschloss Senftenau, „eine der schönsten Wasserburgen im süddeutschen Raum“, so Schmauder. Ihm ist es gelungen, den Besitzer davon zu überzeugen, den Humpis-Liebhabern einen Blick auf das Schloss, seinen Garten und den Innenhof zu zeigen, eine Anlage, die er seit 1984 mit großem Einsatz restauriert und bewahrt.

Vor dem Mittagessen steht ein Besuch der Grabkapelle der Familie Kröl auf dem Alten Friedhof in Äschach auf dem Programm. Jeder Humpis-Fan kennt wenigstens eine Abbildung des von Albrecht Dürer nicht in Kupfer gestochenen, sondern in Öl gemalten Oswald Kröl, die hier als Kopie (das Original hängt in der Alten Pinakothek) an den mächtigen Faktor der Humpis in Nürnberg und Mitgesellschafter der Handelsgesellschaft erinnert. Nürnberg war einer der ganz wichtigen Handelsorte im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit – in Ravensburg hätte es kaum einen Markt für kostbare Stoffe und andere Luxusgüter gegeben.

Nach dem Mittagessen auf der Insel geht es in die Stiftskirche am Marktplatz, ins Zentrum des damaligen Damenstifts, in dem zwei Frauen aus der Humpis-Familie zur Fürstäbtissin aufgestiegen waren. Auf der Rückfahrt ist die letzte Station beim Humpisschloss in Brochenzell. Ein Gebäude, das dank engagierter Gemeinderäte, der Gründung eines Fördervereins und des energischen Eingreifens des Bürgermeisters vor dem Abriss bewahrt wurde und vor der Eröffnung des Museums Humpisquartier das einzige Humpismuseum in der Region war. Nach einem Gang durchs Museum klingt beim gemeinsamen Vesper eine Leserfahrt aus, die lange in Erinnerung bleiben wird.

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