In jeder Beziehung ein großer Auftritt

Lesedauer: 6 Min

Michael Alber dirigierte den 120-köpfigen C.H.O.I.R.-Doppelchor und die 16-köpfige Bigband Brassport, Solistin war die Sopranis
Michael Alber dirigierte den 120-köpfigen C.H.O.I.R.-Doppelchor und die 16-köpfige Bigband Brassport, Solistin war die Sopranistin Agnes Lepp (rechts außen). Zu Duke Ellingtons „Sacred Concert“ steppte der virtuose Tänzer Bernd Paffrath auf einer nur wenige Meter langen und schmalen Bühne im Mittelschiff. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Zum 23. Mal hat das C.H.O.I.R.-Festival an der Landesmusikakademie in Ochsenhausen stattgefunden und zur Tradition gehört auch der Auftritt in der Evangelischen Stadtkirche in Ravensburg. Auch diesmal war die Kirche fast voll besetzt – trotz des idealen Sommerwetters. Und Grund war nicht allein der freie Eintritt, sondern wieder die Erwartung eines rundum gelungenen Konzerts. Denn die jungen Sängerinnen und Sänger aus Baden-Württemberg und internationalen Partnerregionen wie Russland, Japan, Polen, Katalonien oder Taiwan setzen jedes Jahr mit ihrem in kurzer Zeit erarbeiteten Musikprogramm in Erstaunen.

Zunächst trat der kleinere Kammerchor unter Leitung von Núria Cunillera Salas und Michiel Haspeslagh mit drei A-capella-Werken auf: ein Moment der Sammlung und Konzentration, der zu Beginn das große Publikum aus Nah und Fern zum augenblicklichen Verstummen und atemlosen Zuhören brachte. „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes“ hat der in Sachsen wirkende Komponist Heinrich Schütz sein Kirchenlied übertitelt – genau 1648 zum Ende des leidvollen Dreißigjährigen Krieges geschrieben. Klösterlich anmutend und doch ganz der Welt zugewandt, mit großem Ernst und Wohlklang erinnerte es in seinen regelmäßigen musikalischen Bögen an die Ornamentik des Frühbarock und brachte in der ausgefeilten Darbietung das Bedürfnis dieser Musik nach innerer Ordnung und Struktur eindrücklich zu Gehör. Danach entschied sich das Publikum zum Applaus: Kirche hin oder her, schließlich und trotz sakraler Musik war es ein öffentliches Konzert, da muss Beifall erlaubt sein und dabei blieb es auch für das ganze Konzert.

Uraufführung von „Ave mundi“

Der Kontrast zum folgenden „Nuit d’étoiles“ von Claude Debussy aus dem Jahr 1880 hätte rein musikalisch nicht größer sein können. Und doch war dies ein Stück von zarter, vergeistigter Emotionalität, von typisch französischer Melodik des 19. Jahrhunderts, nicht impressionistisch, sondern von inniger Zwiesprache.

Ein weiterer Kontrast zum dritten A-cappella-Werk, Zane Randall Stroopes „The conversion of Saul“, ein dramatisch-theatralischer Sprechgesang, von Aufstampfen begleitet, aber auch von lyrischen Passagen durchsetzt. Beim populärmusikalischen Spiritual „The Sun“ von Jan van der Roost trat das Piano als Begleitung hinzu, und danach stellte sich der Doppelchor mit dem berührenden afrikanischen Traditional „Indodana“ von Michael Barrett vor.

Nun standen alle Sänger bereit für die Uraufführung der dreisätzigen Auftragskomposition „Ave mundi“ des 1954 geborenen Letten Vytautas Miškinis, dazu kamen zwei Trompeter und zwei Posaunisten der Bigband Brassport. Wie ein hymnisches Anthem mit Fanfarenklängen aufgebaut, erinnerte es eingangs ein wenig an Morten Lauridsen, die Trommelwirbel und Bläservorspiele, manche Chorsequenzen in den beiden Teilen „O castitatis (lilium)“ und „Salvum me“ weckten eher Assoziationen zu Orff. Zum Höhepunkt dagegen wurde Duke Ellingtons „Sacred Concert“, das in der Version von John Høybye und Peder Pedersen erklang. Dieses Arrangement ist eine Zusammenstellung aus drei Ellington-Konzerten, die er 1965, 1968 und 1973 komponiert hat und übernimmt zum Beispiel den Stepptanz aus dem ersten und den Titel „Freedom“ in Form einer längeren Suite aus dem zweiten Konzert.

Für den Zuhörer nicht leicht

Das macht es für den Zuhörer nicht ganz leicht, denn so entstehen ein paar eigenständige Blöcke in der Komposition, die nicht unbedingt miteinander korrelieren. Aber kurz gesagt: eine tolle Leistung des Riesenchors, der mitreißend, mal von Solotrompete, Tenorsax oder Piano der Profibigband Brassport untermalt, im Spiritualrhythmus swingt; auch der farbenreiche Sopran von Agnes Lepp prägte das musikalische Bild.

In zwei Sequenzen zum Schluss drängte der Riesenapplaus für den grandiosen Stepptänzer Bernd Paffrath, den man allerdings fast nur von den vorderen Mittelschiffrandplätzen aus verfolgen konnte, die musikalische Leistung fast in den Hintergrund. Aber hier stahl niemand dem anderen die Show - und das restlos begeisterte Publikum erklatschte sich noch mal den Schlusssatz "Praise God and dance".

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen