Imker befürchten verunreinigten Honig

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Gepanschtes Bienenwachs schadet Bienenlarven
Schwäbische Zeitung
Jasmin Bühler
Crossmediale Redakteurin

Der Skandal um das verfälschte Bienenwachs zieht wohl größere Kreise als bislang gedacht. Die Sorge ist, dass sich die Verunreinigungen nicht nur auf die Mittelwände beschränken, in denen sie schon gefunden wurden, sondern womöglich auch auf das Bienenprodukt Honig durchschlagen. Die Rückstandsanalysen für einen Teil des untersuchten Wachses liegen jetzt offiziell vor. Indes wächst der Unmut gegenüber dem Mittelwand-Hersteller aus der nördlichen Region Ravensburg, der das verunreinigte Wachs mit in Umlauf gebracht haben soll. Immer mehr Imker erstatten Anzeige.

Wie die „Schwäbische Zeitung“ berichtete, sind in den vergangenen Wochen überall in Deutschland verunreinigte Mittelwände aufgetaucht, die für die Bienen ein hohes Risiko bedeuten. Der Grund: Normalerweise bestehen die Mittelwände aus reinem Bienenwachs. Doch nun ergaben Proben, dass ihnen teilweise ein hoher Anteil an Paraffin oder Stearin- und Palmitinsäure beigemischt wurde – unerlaubte Streckmittel, die im Bienenwachs nichts verloren haben. Die Anzeichen verdichten sich, dass die verfälschten Mittelwände unter anderem von einem regionalen Händler stammen.

Für die Bienen sind die Zumischungen äußerst gefährlich. Sie nutzen die Mittelwände als Basis für ihre Waben, in denen sie ihre Brut aufziehen oder Honig einlagern. Wenn die Mittelwände aus gepanschtem Wachs bestehen, dann können die Larven darin sterben. Denn das Wachs gibt giftige Inhaltsstoffe an den Futtersaft ab, mit denen sie sich ernähren. Es können Verkümmerungen oder Ausfälle bei der Brut entstehen – oder ganze Bienenvölker eingehen, so wie bei dem Imker Markus Gann aus Metzingen.

Markus Gann ist richtig sauer. Der 41-Jährige hatte einst 30 Bienenvölker. Seit vergangenem Jahr hat er nur noch zwei. Der Rest ist verendet. Gann ist sich sicher: Die Mittelwände, die er bei einem Händler aus der nördlichen Region Ravensburg erworben hat, sind schuld. „Mein Vater und ich haben die Mittelwände im vergangenen Jahr zugekauft, weil wir unsere Völkerzahl vergrößern wollten und für diese Expansion nicht mehr genug Eigenwachs zur Verfügung hatten“, erzählt der Metzinger. Die Bienen hätten die Mittelwände erst einmal gut aufgenommen, die Brutnester wuchsen.

80 Prozent der Larven starben

Doch dann kam das böse Erwachen: Die Bienen starben. „Zuerst dachte ich, es liege an den Königinnen oder einer Pestizidschädigung“, erinnert sich Markus Gann. Aber bei einem erneuten Versuch in diesem Jahr stellte er fest: Nur zehn bis 20 Prozent der Larven schlüpften auf den Mittelwänden. Und die Bienen, die schlüpften, lebten nur knapp drei Wochen. Daraufhin ließ der Imker die zugekauften Mittelwände im Labor untersuchen. Das Ergebnis: Sie enthielten Stearin- und Palmitinsäure. „Wenn ein solches verunreinigtes Wachs Bienenlarven abtötet, was macht es dann mit dem eingelagerten Honig?“, fragt Markus Gann. Er selbst befürchtet das Schlimmste: „Ich denke, dass aus dem Bienenwachsskandal ein Honigskandal werden könnte.“

Die große Frage bei alledem ist, woher das synthetische Bienenwachs überhaupt stammt und wer es – bewusst oder unbewusst – verbreitet hat. Wie der Metzinger Markus Gann vermutet, seien allein in diesem Jahr etwa 40 000 Kilogramm synthetisches Bienenwachs in Umlauf gebracht worden, im vergangenen Jahr eventuell noch mal so viel. Er beschuldigt einen Hamburger Händler, die Wachsfälschungen in Deutschland und Belgien verkauft zu haben. So solle das Wachs auch den Weg nach Süddeutschland gefunden haben – wohl auch in die Region und von dort weiter zu den Imkern.

Wachskreislauf ist ein Problem

Gegen den Hersteller aus dem Raum Ravensburg hat Gann jetzt Anzeige erstattet: wegen Betrugs und Vergiftung der Bienenvölker, aber auch wegen Körperverletzung, sollte das Wachs tatsächlich Auswirkungen auf den Honig – und damit auf den Verbraucher – haben. Eine weitere Anzeige eines Imkers aus Zweibrücken liegt der Staatsanwaltschaft Ravensburg bereits vor (die SZ berichtete). Die Ermittlungen hierzu dauern an. „Ich gebe keine Ruhe, bis der Sachverhalt geklärt ist“, sagt Markus Gann.

Er will andere Imker mit seiner Geschichte wachrütteln. „Viele kennen das Problem, dass ihre Bienenvölker eingehen. Aber weil sie es nicht besser wissen, schieben sie es auf die Königinnen oder Pestizide“, so Gann. Jedoch sei es seiner Erfahrung nach auf die Mittelwände zurückzuführen, dass die Brutnester sich nicht richtig entwickeln. Mittlerweile seien ihm mehr als ein Dutzend Imker bekannt, denen es genauso erging wie ihm, meint der Metzinger. Doch auch die anderen Imker will er mit seiner Warnung erreichen. Denn sie alle geben ihr Wachs bei Wachsverarbeitern zum Einschmelzen. Umfassende Kontrollen gibt es keine: zu umständlich und zu teuer. Aus dem gesammelten Wachs werden neue Mittelwände gemacht. Reines und unreines Wachs vermischen sich dabei. „Dieser Kreislauf ist bedenklich“, so Gann.

Sein eigener Honig, den der Metzinger aus den verunreinigten Wachswaben gewonnen hat, steht unangetastet im Lager. Das soll auch so bleiben. Gann dazu: „Der Honig wurde von mir selbst für den Verkauf gesperrt, bis die Lebensmittelüberwachung grünes Licht gibt.“

Fund von Rückständen offiziell bestätigt

Die Ergebnisse der untersuchten Wachsproben liegen seit Freitag vor. Auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ heißt es aus dem baden-württembergischen Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz: „In dem Bienenwachs aus China, das bei der Herstellung von Mittelwaben verwendet wurde, wurden nicht unerhebliche Mengen von Rückständen gefunden. Insbesondere der Gehalt an Stearinsäure liegt ganz erheblich über den Gehalten von einheimischem Bienenwachs.“ Das Problem ist jedoch, dass Bienenwachs nicht als Lebensmittel gilt und es deshalb auch keinen Vorgaben unterliegt. So teilt auch das Ministerium mit: „Eine Beanstandung ist nicht möglich, da für Bienenwachs keine Höchstmengen festgelegt wurden.“ Vielmehr handle es sich in den vorliegenden Fällen um eine zivilrechtliche Frage und darum, ob die gelieferte Ware den zugesicherten Eigenschaften oder der nach dem Vertrag vorausgesetzten Verwendung entsprochen habe.

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