Im Nightgame reißt die Superserie

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Ravensburgs Defensivback Alexander Jevonte (links) wird im Spiel gegen die Gießen Golden Dragons hart attackiert.
Ravensburgs Defensivback Alexander Jevonte (links) wird im Spiel gegen die Gießen Golden Dragons hart attackiert. (Foto: Florian Wolf)
Sportredakteur

Was für ein Spektaktel! An dieses Nightgame werden wahrscheinlich alle noch lange zurückdenken! Die Ravensburg Razorbacks und die Gießen Golden Dragons machten am Samstagabend im Lindenhofstadion in Weingarten eindrücklich Werbung für ihren Sport. Am Ende eines großen Football-Abends vor der Rekordkulisse von 2442 Zuschauern stand ein gerechtes 28:28 zwischen dem Spitzenreiter der German Football League 2 und dem Tabellenvorletzten. Die Superserie der Razorbacks, die zuvor alle neun Saisonspiele gewonnen hatten, ist damit ausgerechnet im Nightgame vor großer Kulisse gerissen. Schon in einer Woche haben sie aber die Gelegenheit zur Revanche, wenn sie in Gießen antreten.

Dabei ging alles so los, wie das die Zuschauer sich erhofft hatten. Michael Mayer sorgte schon nach nicht einmal zwei Minuten mit einem langen Lauf für den ersten Touchdown und damit für die allgemeine Annahme, dass das hier die nächste Heimparty der Razorbacks werden sollte. Patrick Bloching besorgte den Extrapunkt. Alles wie immer? Zehnter Saisonsieg im Nightgame? Die Serie der ungeschlagenen Spiele im Lindenhofstadion hält auch nach zwei Jahren? Denkste!

An der super unangenehmen Gießener Defense prallten die weiteren Ravensburger Angriffe ab, zweimal verhinderten zudem Offensiv-Fouls, dass die Läufe von Malik Norman und Jevonte Alexander in die Endzone zählten. Zudem geriet Quarterback Gareth Dellechiaie immer wieder in Bedrängnis, zweimal wurde er gesackt. Beim ersten Mal erhielte er solch eine gewaltige Breitseite seines Gegners, dass er eine ganze Weile brauchte, um wieder einen klaren Kopf zu haben. Ein nasser Schwamm im Nacken schien zu helfen.

Bald darauf leistete sich der ansonsten so abgeklärte Dellechiaie einen krassen Fehler. Aus einer unbedrängten Situation heraus landete einer seiner Würfe direkt in den Händen des Gegners, die Interception der Gießener führte bis in die Endzone. Weil Jevonte Alexander den Extrakick blockte, blieben die Razorbacks wenigstens 7:6 in Führung. Die hielt aber nur noch bis wenige Sekunden vor der Halbzeit. Da nämlich hatte Alexander eigentlich schon die Finger an einem langen Ball der Gießener, er ließ ihn aber durchrutschen, hinter ihm bedankte sich ein Golden Dragon und fing das Ei kurz vor der Endzone. Vier Sekunden vor der Pause waren die Gießener dort angelangt. 12:7 für die Gäste! Der Extrapunkt misslang. Immerhin wurden die Razorbacks mit aufmunterndem Applaus in die Kabine verabschiedet.

Kurz nach der Halbzeit sah es noch finsterer für die Razorbacks aus, als Gießen gar seinen dritten Touchdown erzielte. Wieder ohne Extrapunkt hieß es somit 7:18 – ein völlig neues Gefühl für den so souveränen Tabellenführer der GFL2. Die passende Antwort lieferte sogleich Jevonte Alexander, der den Kick-off-Return über 90 Yards in die Endzone trug. Dank eines Zwei-Punkt-Spiels von Dellechiaie auf Neuzugang Christian Steffani waren die Razorbacks auf 15:18 dran.

Jevonte Alexander bringt die Stimmung auf den Siedepunkt

Weil aber auch Michael Mayer sich im dritten Viertel einen seiner ganz seltenen Fehler leistete und den Ball ließ, kamen die Gießener in guter Position in den Angriff. Dieser endete mit einem Fieldgoal zum 15:21 aus Sicht der Gastgeber.

Mustergültig kamen die Razorbacks zum Ausgleich. Von der eigenen Endzone aus spielten sie sich über fünf Züge an die der Gießener: Mayer, Dellechiaie, Norman, Norman und Andreas Lo-Meo Engelbrecht trugen den Ball jeweils weiter. Der Quarterback selbst vollendete mit einem Lauf zum Touchdown. Da aus dem Extrapunkt nichts wurde, stand es 21:21. Die Stimmung im immer atmosphärischer werdenden Halbdunkel erreichte einen neuen Siedepunkt, als Jevonte Alexander wie ein warmes Messer durch ein großes Stück Butter übers ganze Feld glitt und für die umjubelte Führung sorgte. Patrick Bloching erhöhte auf 28:21. Knapp fünf Minuten vor Schluss war der zehnte Sieg im zehnten Spiel nun wieder greifbar.

Doch in diesem Spiel musste es einfach noch eine erneute Wendung geben. In der letzten Sekunde erreichten die Gäste bei einem vierten Versuch mit einem langen Pass die Endzone, der Extrapunkt saß. 28:28. Damit war dieses Nightgame endgültig randvoll mit Geschichten, die die nächsten Tage und Wochen bei den Fans noch für Gespräche sorgen dürften.

Bei den Razorbacks fiel die Aussprache auf dem Feld lange aus. „Die Enttäuschung ist da“, gab Coach John Gilligan zu und fügte kritisch hinzu: „Unser Problem war heute die Offensive. Wir hatten fünf Turnovers.“ Gleichzeitig gab sich Gilligan kämpferisch: „Wir müssen ab Montag im Training daran arbeiten, unserer Fehler zu korrigieren.“ Für die Fans hatte der Coach nur Lob übrig: „Sie sind schon die ganze Saison unglaublich.“ Auch Neuzugang Christian Steffani war beeindruckt: „Ich freue mich sehr, vor so einer Kulisse spielen zu dürfen.“ Mit seinem ersten Heimspiel war er wegen des vergebenen Siegs dafür überhaupt nicht zufrieden: „Die Enttäuschung ist riesengroß.“ Aber: „Wir werden in Gießen unsere Revanche kriegen.“

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