Großstadt trifft auf Altstadt

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Drei Damen, Damien Hirst und ein großartiger Abend in Ravensburgs neuer Galerie. Von links: Galeristin Andrea Dreher, Künstleri
Drei Damen, Damien Hirst und ein großartiger Abend in Ravensburgs neuer Galerie. Von links: Galeristin Andrea Dreher, Künstlerin Bettina Sellmann und Galeristin Stefanie Büchele. (Foto: Felix Kästle)
Schwäbische Zeitung
Siegfried Kasseckert

Es war ein rauschendes Fest. Andrea Dreher und Stefanie Büchele haben am Mittwochabend ihre Galerie am Obertor eröffnet, die sie von Doris Hölder übernahmen. Weil das am 21. Juni geschah, am Tag der Sommersonnenwende, dem längsten Tag des Jahres, nannten sie ihre Galerie einfach „21.06 Galerie Ravensburg“.

„Punktlandung“ heißt das Motto ihrer ersten Ausstellung. Sie vereint Bilder der in Berlin lebenden jungen Künstlerin Bettina Sellmann mit Grafiken des weltweit bekannten Künstlers Damien Hirst. Und das an einem Ort, so die promovierte Kunsthistorikerin Andrea Dreher, „wo ab heute Großstadt auf Altstadt trifft“.

Alles Neue macht neugierig. Und so drängelten sich mehrere Hundert Menschen in der Galerie, im Freien, vor der Prior-Skulptur, im Gang und im Innenhof um Werner Stötzers Plastik. Heute sei eher Leutegucken angesagt, fand Andrea Dreher. Konzentration sei da ein bisschen schwierig. Die beiden Galeristinnen verstehen sich auf die Kunst der Inszenierung. Publikumswirksam durfte Oberbürgermeister Daniel Rapp eine rote Schleife durchschneiden. Rapp lobte die „wunderbare Punktlandung“ der „neuen“ Galerie, überbrachte Brot und Salz, italienischen Wein und ein Gästebuch aus handgeschöpftem Papier.

Stefanie Büchele, eine Berlinerin, die seit fünf Jahren in Ravensburg lebt, engagierte Unternehmensberaterin, meinte im Blick auf kritische Anmerkungen, mit Konjunktiven werden keine Projekte umgesetzt. Weil die Galerie 21.06 in unmittelbarer Nähe des imposanten Mehlsacks liegt, zitierte Stefanie Büchele einen Kollegen, der sagte: „Durch den Mehlsack verläuft die Schwingachse des Universums – und wir sind ein wenig dabei mitzuschwingen“.

Andrea Dreher, Kunsthistorikerin, gebürtige Ravensburgerin und häufige Rednerin in der früheren Galerie Hölder, stellte die erste Ausstellung in der eigenen Galerie vor. Sie vereinigt Grafiken des britischen Künstlers Damien Hirst (Jahrgang 1965) mit neuen Arbeiten der in Berlin lebenden, in München geborenen Malerin Bettina Sellmann. Sellmann war am Frankfurter Städel Meisterschülerin der heute in Wolfegg beheimateten Malerin und Professorin Christa Näher, die auch zur Vernissage kam.

Kaum ein anderer Gegenwartskünstler genieße international so viel Aufmerksamkeit wie Hirst, sagte Dreher, er ist auch auf der Biennale in Venedig vertreten. Die Galerie zeigt eine Auswahl an spot prints, Arbeiten, die aus lauter vielfarbigen Kreisen bestehen. Hirst hat sich von Apotheker-Pillen anregen lassen. In früherer Zeit, so berichtete Andrea Dreher, präsentierte Damien Hirst Medikamente und Pillen wie geweihte Hostien; er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass die Medizin in unserer Zeit die Rolle übernommen hat, die über Jahrhunderte die Kirche innehatte: als Verheißerin ewiger Glückseligkeit.

Bettina Sellmanns Bilder, die sie übrigens eigens für die 21.06 Galerie malte, haben mit Damien Hirsts „Punkten“ außer der Farbigkeit nichts gemein, bieten aber einen faszinierenden Kontrast. In einer Art von Action-Painting schuf die Malerin vielfarbige, ganz und gar ungegenständliche, poppig wirkende Bilder, die gelegentlich an den amerikanischen abstrakten Expressionismus erinnern. Kein Wunder: Die Künstlerin hat fast zehn Jahre in New York gelebt, und selbst das dortige MoMA besitzt eine Arbeit von ihr. Ein Kritiker beschrieb Sellmanns Kunst einmal als glamourös und magisch. Dass Bettina Sellmann zwischen Figuration und Abstraktion changiere, wie Andrea Dreher bemerkte, erkennt man in den neuen Bildern nicht mehr. Es sind sehr schöne, ästhetische, heitere Farbsinfonien, geradezu sommerlich beschwingte Arbeiten.

Der städtische Kulturamtsleiter Franz Schwarzbauer überraschte im Rahmen eines Intermezzo (Zwischenspiel) genannten Auftritts mit einem klugen Vortrag über Italo Calvinos Bestseller „Wenn ein Reisender in einer Winternacht…“ Stürmischen Beifall erntete die junge Valerie Caillet, eine hoch begabte Sängerin, die, am Klavier von ihrem Lehrer Raimar Jakob begleitet, herrliche Songs zum Besten gab. Valerie hat voriges Jahr am AEG Abi gemacht.

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