Gräueltaten: Was wird aus den Tatort-Häusern?

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Was hinter verschlossenen Türen geschieht, bekommen Außenstehende oft nicht mit. So wie in diesem Haus in Höxter (Nordrhein-West
Was hinter verschlossenen Türen geschieht, bekommen Außenstehende oft nicht mit. So wie in diesem Haus in Höxter (Nordrhein-Westfalen), in dem ein Paar jahrelang Frauen missbraucht und gequält haben soll. Eine solche Immobilie zu verkaufen oder weit (Foto: Archiv: dpa)
Crossmediale Redakteurin

Ein Haus gilt als Rückzugsort, als Trutzburg gegen das Elend der Welt. Doch was passiert, wenn das Elend plötzlich nicht mehr draußen, sondern drinnen ist? Wenn das Haus zum Tatort wird? Was geschieht dann mit den Mauern, die den Bewohnern eigentlich Schutz bieten sollten? So wie im Falle des mutmaßlich vorgetäuschten Suizids einer Frau in Berg oder des mutmaßlichen Dreifachmords in einer Untereschacher Familie.

In der Doppelhaushälfte in Untereschach, in der ein 53-Jähriger seine Ehefrau und seine zwei Stieftöchter umgebracht haben soll, sind die Ermittlungen zwischenzeitlich abgeschlossen. Wie die Staatsanwaltschaft Ravensburg erklärt, wurden die kriminaltechnischen Untersuchungen vor Ort beendet. Die Haushälfte ist wieder freigegeben. Der Haushalt der Familie wird aufgelöst. Laut Staatsanwaltschaft kümmert sich ein Nachlassverwalter darum.

"Keine Angaben"

Die Familie in Untereschach hatte die Doppelhaushälfte gemietet. Die Eigentümer des Hauses, die lieber anonym bleiben möchten, wollen sich derzeit nicht zu der Zukunft des Gebäudes äußern. „Dazu machen wir keine Angabe“, meinte eine Angehörige der Eigentümerfamilie im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“. Auf die Frage, ob sie das Haus weitervermieten oder gar abreißen wollen, antwortete sie: „Warum sollen wir das Haus abreißen?“.

Was mit dem Haus in Berg-Weiler passiert, in dem eine 43-Jährige mutmaßlich getötet wurde, ist nicht bekannt. SZ-Informationen zufolge ist das Haus im Besitz der Familie. Wer und ob hier überhaupt jemand zukünftig wohnt, bleibt offen.

Offenlegen statt vertuschen

Einer, der sich mit schwierigen Immobilien und ihrer Vermittlung auskennt, ist Frank Baur, Geschäftsführer bei Baur-Immobilien in Weingarten. Erst vor Kurzem hatte er es mit dem Verkauf eines neueren Hauses in Friedrichshafen zu tun, in dem ein Mensch Selbstmord begangen hatte. Baur rät, immer ehrlich zu sein und Interessenten in Einzelgesprächen den Verkaufsgrund mitzuteilen. „Wir raten grundsätzlich zu einem offenen Gespräch“, sagt der Weingartener Immobilienmakler. Denn abgesehen davon, dass ein nicht erwähnter Unglücksfall oder eine Kriminaltat vom Gericht als „versteckter Mangel“ bewertet werden könne, sei Verschweigen laut Baur generell keine gute Taktik. „Spätestens, wenn der neue Nachbar in der Wohnsiedlung begrüßt wird, wird er auf solche Themen angesprochen“, so Baur.

Aus eigener Erfahrung kann der Immobilienmakler berichten, dass Gebäude mit einer mehr oder weniger gravierenden Vorgeschichte oft nur mit einem Preisnachlass vermarktet werden. „Je nach Umstand wirkt sich ein Vorfall erheblich auf die Preisgestaltung aus“, erklärt Frank Baur. Auch das Suizid-Haus in Friedrichshafen sei am Ende unter Wert verkauft worden: Die Einbußen lagen laut Baur bei zehn bis 15 Prozent des eigentlichen Verkaufswertes und damit bei über 50000 Euro Verlust.

Ob Verkauf, Grundsanierung oder Abriss – generell gelte es dem Immobilienmakler zufolge abzuwägen, inwieweit die Eigentümer Preiseinbußen hinnehmen möchten. Baur: „Sicherlich ist ein betroffenes Haus in einem Dorf stärker belastet als in einem begehrten Stadtviertel.“

Fritzl-Haus steht zum Verkauf

Wie die Recherche der „Schwäbischen Zeitung“ ergaben, tun sich Hausbesitzer auch andernorts schwer, ihre von der Öffentlichkeit als „Horror-Häuser“ deklarierten Immobilien loszuwerden. Das Haus in Höxter-Bosseborn (Nordrhein-Westfalen), wo ein Paar mehrere Frauen gequält und körperlich misshandelt haben soll, ist so ein Beispiel. Im April dieses Jahres sind die Vorfälle bekannt geworden. Medien vor Ort berichteten anschließend, das Gebäude solle abgerissen und ein Kreuz an dessen Stelle aufgestellt werden. Doch laut der Stadt Höxter ist das Gerücht von den Eigentümern dementiert worden. „Das Gebäude steht noch“, heißt es vonseiten der Stadtverwaltung.

Ähnlich verhält es sich mit dem Fritzl-Haus in Amstetten in Niederösterreich. Dort hatte der heute 81-jährige Josef Fritzl seine Tochter rund 24 Jahre lang in einer unterirdischen Wohnung gefangen gehalten, missbraucht, vergewaltigt und mit ihr insgesamt sieben Kinder gezeugt – bis zum Jahr 2008. In der Zeit danach gab es verschiedene Überlegungen zur Nachnutzung des Gebäudes. In den Medien war zu lesen, das Haus solle womöglich als Flüchtlingsunterkunft dienen. Der österreichische Nachlassverwalter des Gebäudes, Walter Anzböck, teilte auf SZ-Nachfrage mit: „Das Wohnhaus Fritzl sollte weder weitervermietet, noch für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden. Vielmehr wurde in Abstimmung mit der Familie der Keller verfüllt. Das Haus steht nunmehr zum Verkauf.“ Bis heute wurde allerdings kein Käufer gefunden.

In Eschach bei Ravensburg hat in der Nacht zum Freitag ein 53-jähriger Mann seine 37-jährige Frau und seine beiden Stieftöchter mit einem Beil getötet.
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