Glanzvolle Uraufführung des Luther-Oratoriums

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Insgesamt 285 Musiker haben an der Aufführung mitgewirkt.
Insgesamt 285 Musiker haben an der Aufführung mitgewirkt. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Schwäbische Zeitung
Dorothee L. Schaefer

Eine Mammutaufgabe hat Kirchenmusikdirektor Michael Benedict Bender am vergangenen Sonntag in der bis auf den letzten Platz gefüllten Evangelischen Stadtkirche in Ravensburg gestemmt. Sein „Luther-Oratorium – furchtlos und frei“ mit Texten von Jochen Tolk erlebte nach drei Jahren Entstehungszeit und einem Jahr Proben mit sechs Chören eine glanzvolle Uraufführung.

Mit 285 Mitwirkenden, großer Orchesterbesetzung der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben, einer Big Band und fünf Gesangssolisten gelang ihm schon logistisch eine Meisterleistung, indem er alle so platzierte, dass die Akustik perfekt ausgewogen war. Eine glänzende Idee zum Beispiel, den Kinder- und Jugendchor quasi als Fortsetzung des Orchesters zweireihig und beidseitig in das zweite Interkolumnium zu stellen – so schwebten die hellen Stimmen ganz eigenständig durch den Raum.

Fürwahr ein Opus magnum: Bereits als 2013 die Idee zu einem Oratorium im Jubiläumsjahr der Reformation entstand, war sich Bender klar, dass sämtliche musikalischen Gruppen der Evangelischen Kirchengemeinde daran mitwirken und eine Verbindung von Oratoriumskomposition und Popmusik erreicht werden sollten. Im früheren Dekan Jochen Tolk, der im Bachchor mitsingt und sich als Theologe intensiv mit Luthers Schriften auseinandergesetzt hatte, fand Bender seinen kongenialen Librettisten.

Die Erzählungen aus Luthers Vita übernimmt die Figur der Katharina (hier die Altstimme von Brigitte Schweizer), Luther (gesungen von dem Bariton Christian Feichtmair) und seine Gegenspieler (der Kanzler oder der Augsburger Kardinal Cajetan von Bass Hermann Locher, die Rolle des Ablasspredigers Tetzel von Tenor Karsten Münster) werden durch die klassischen Solostimmen verkörpert. Die kritische Stimme unserer Zeit stellt die Popsängerin Conny Bader dar, die, begleitet von der Big Band und Perkussion, eine geradezu phänomenale Begabung darin beweist, Sinn und Bedeutung eines Textes gesanglich auszuformen.

Inspiration aus vielen Bereichen

Stilpurist darf man nicht sein, denn Michael Benedict Bender, der in seinem ausführlichen Textbuch sämtliche Passagen des auf fünf Teile, Prolog und Epilog angelegten Werks mit eingehenden Erläuterungen versehen hat, ließ sich von Motiven quer durch die Musikgeschichte inspirieren. Außerdem wollte er mit seiner Komposition selbst einen gewissen „Unterhaltungswert“ erreichen.

Der Beginn nach einem schönen Vorspiel und Saxophonsolo mit dem Lutherchoral „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist ein Dialog zwischen Bachchor und Gospelchor, der zusammen mit der Popsängerin die Stimme der heutigen Gesellschaft spricht.

Dieser Dialog, der Geschichte und Jetztzeit musikalisch zusammen bringt, ist von Gershwin inspiriert, so wie der nächste über die Jugend Luthers vom Kirchenchoral geprägt ist und sich einen kleinen Ausflug zu Prokofieff erlaubt.

Im „Streit um den Ablass“ dominieren ironisch-fröhlicher Kinderchor, aber auch hochdramatische und textlich drastisch-derbe Sequenzen, der „Reichstag zu Worms“ beginnt mit bajuwarischer Blasmusik, während der Teil „Luther auf der Wartburg“ ein perkussives Gewitter loslässt und aus Debussys Opernfragment „La chute de la maison Usher“ schöpft. Der „Bauernkrieg“ mit gewaltigen Tubatönen lässt Luther in einer Arie vor allem seiner Gewissenslast über seine Schuld hinsichtlich der Bauernkriege Ausdruck verleihen, andere dunkle Seiten seiner Persönlichkeit bleiben außen vor. Statt dessen endet das Oratorium mit „Luthers Eheschließung“ und einem Epilog mit einem Rezitativ Luthers und großem Tuttifinale.

Eine grandiose Leistung, diesen Riesenapparat über drei Stunden Aufführung hinweg zusammenzuhalten und eine Teamleistung, die für die intensive Probenarbeit allergrößten Respekt verdient, zumal immer die Motivation und Freude aller Mitwirkenden spürbar war und es kaum Ermüdungserscheinungen gab. Die geglückte Aufführung wurde mit einem jubelnden, minutenlangen, immer wieder aufrauschenden Applaus eines begeisterten Publikums belohnt.

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