Gewalt unter Gefangenen nimmt zu

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Hinter Gittern gibt es eine Hackordnung unter den Gefangenen. Ganz unten stehen Sexualstraftäter.
Hinter Gittern gibt es eine Hackordnung unter den Gefangenen. Ganz unten stehen Sexualstraftäter. (Foto: Archivoto: Felix Kästle/dpa)
Crossmediale Redakteurin

In den baden-württembergischen Gefängnissen nehmen die Übergriffe unter Insassen zu: Im Jahr 2016 wurden 74 Häftlinge von anderen misshandelt, im Jahr zuvor waren es 66. Zu den Betroffenen gehörte im vergangenen Juli auch der mutmaßliche Dreifachmörder von Untereschach, der in der Justizvollzuganstalt (JVA) Ravensburg beim unbeaufsichtigten Hofgang von einem 22-jährigen Mithäftling brutal zusammengeschlagen wurde. Ebenso hat der 46-Jährige aus Berg, der seine Frau umgebracht und ihren Suizid vorgetäuscht haben soll, jüngst Morddrohungen bekommen. Ein wesentlicher Grund für die Übergriffe in den JVAs ist die Hierarchie, die unter den Gefangenen herrscht.

„Der Knastalltag ist kein Zuckerschlecken“, sagt der Ravensburger Rechtsanwalt Richard Glaubach. Glaubach hat den 53-jährigen Dreifachmörder bis zu dessen Suizid vertreten. Dass sein früherer Mandant von einem anderen malträtiert wurde, ist für den Anwalt wenig verwunderlich. „In den JVAs stehen Übergriffe auf der Tagesordnung“, schildert er. Für die Angegriffenen sei das eine Art „Zusatzbestrafung“.

Vergewaltigung unter Häftlingen

Jedes Jahr betreut Glaubach eigenen Angaben zufolge mindestens zwei Fälle, bei denen Insassen der JVA Ravensburg von Mithäftlingen angegangen wurden. „In der Regel handelt es sich um Schläge“, berichtet der erfahrene Anwalt. Vor einigen Jahren hatte er es aber auch schon mal mit einer Vergewaltigung unter Häftlingen zu tun.

Ähnliches kann der Strafrechtler Klaus-Martin Rogg aus Ravensburg berichten. Er erklärt, dass es unter den Gefangenen eine Hackordnung gibt: Oben stünden „Räuber und die mit den dicken Oberarmen“. Unten stünden die sogenannten „Sittiche“, also Sexualstraftäter und Kinderschänder. Ebenfalls unbeliebt sind vermeintliche „Verräter“, die mit Polizei und Justiz kooperieren. Diese Rangfolge ist laut Rogg wie ein ungeschriebenes Gesetz: „Das gab es schon vor 40 Jahren und das wird es auch noch in 40 Jahren geben.“

Muskeln und Gefängniserfahrung

Auf jedem Stockwerk hat laut Klaus-Martin Rogg ein „selbsternannter Stockwerkhäuptling“ das Sagen. Das sei derjenige Insasse mit den größten Muskeln und der meisten Knasterfahrung. Andere Häftlinge würden ihm teilweise ihre Einkäufe abtreten oder unangenehme Arbeiten für ihn erledigen, beispielsweise putzen. Von Neuankömmlingen verlange der Stockwerkchef, dass sie ihren Haftbefehl oder ihr Urteil vorzeigen. „So können sie in die Hierarchie eingeordnet werden“, sagt Rogg. Abgesehen von den Straftaten spielen dem Anwalt zufolge auch nationale und ethnische Zugehörigkeit oder Verbindungen zu Rockermilieus eine Rolle. „Da tun sich dann Gruppen zusammen“, so Rogg.

Um Konflikte zu entschärfen oder sie gar nicht erst entstehen zu lassen, werden die Gefängnisinsassen normalerweise getrennt untergebracht. Zudem existieren besondere Sicherungsmaßnahmen. So auch in der JVA Ravensburg. Jedoch könnten die Anstalten nur innerhalb rechtlicher Grenzen agieren und hätten praktische Schwierigkeiten, Gefahren jederzeit sicher einzuschätzen, sagt der Ravensburger JVA-Leiter Thomas Mönig. „Übergriffe sind nicht vollständig vermeidbar“, so Mönig. Immer wieder komme es zu verbalen und körperlichen Attacken oder Drohungen.

Auch das Justizministerium Baden-Württemberg hält eine vollständige Separation der Gefangenen für unmöglich. Ministeriumssprecher Robin Schray teilt mit: „Eine permanente Trennung eines Gefangenen von anderen – beispielsweise beim Hofgang – ist aus verfassungsrechtlichen Gründen nur in eng begrenzten Ausnahmefällen zulässig. Ein verfassungskonformer Vollzug ist auf eine gemeinsame Unterbringung während der Arbeit und der Freizeit ausgerichtet.“

Aufklärung ist oft schwierig

Die besondere Herausforderung des Justizvollzugs besteht laut Schray darin, die Gefahr von Gewalttätigkeiten rechtzeitig zu erkennen und zu unterbinden. „Auf der Grundlage entsprechender Prognosen sind dabei gegebenenfalls Entscheidungen über Sicherungsmaßnahmen zu treffen, die auch mit Einschränkungen für zu schützende Gefangene verbunden sein können“, heißt es vonseiten des Ministeriums weiter.

Wenn es zu Vorfällen in den Justizvollzugsanstalten kommt und diese angezeigt werden, dann gestaltet sich die Aufklärung mitunter schwierig. Der Grund: Unter den Gefangenen herrscht ein Schweigekodex. Kommt es zum Prozess, hat keiner etwas mitbekommen oder gesehen. „Viele nehmen lieber eine Falschaussage in Kauf, als gegen einen Mitgefangenen auszusagen“, so Rechtsanwalt Richard Glaubach. Und selbst die Opfer würden vor Gericht nicht selten einen Rückzieher machen. Aus Angst vor Folgen. „Das Innenleben einer Anstalt versteht man als Außenstehender nicht“, konstatiert Anwalt Glaubach.

JVAs unterliegen Meldepflicht

Kommt es zu Angriffen auf Gefangene, müssen Justizvollzugsanstalten dies dem Justizministerium Baden-Württemberg melden. Statistisch erfasst wurden für das Jahr 2011 im ganzen Bundesland 29 vorsätzliche Misshandlungen unter Gefangenen, 2012 waren es 51, 2013 zählte die Statistik 37 Übergriffe, 2014 waren es 59, 2015 lag die Zahl bei 66 Misshandlungen und im Jahr 2017 bei 74. Rund 7500 Gefangene sitzen derzeit in baden-württembergischen Gefängnissen ein.

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