Gerd Leipold bricht eine Lanze für die Politiker

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 Michael Schindler, Pastoralreferent und und Organisator der Fastenpredigten, zusammen mit Gerd Leipold.
Michael Schindler, Pastoralreferent und und Organisator der Fastenpredigten, zusammen mit Gerd Leipold. (Foto: Rainer Kössl)
Schwäbische Zeitung
Rainer Kössl

Eigentlich ist er studierter und promovierter Physiker und Ozeanograph: Gerd Leipold. Jahrgang 1951, aus Rot an der Rot. 30 Jahre hat er für Greenpeace gearbeitet, auf hohen und höchsten Leitungsebenen. Die Arbeit bei dieser Umweltorganisation sei ein Glück und eine Fügung für ihn gewesen. Nicht nur damals, als er 1983 mit einem Heißluftballon über die Berliner Mauer geflogen sei, um gegen die Atomwaffenversuche der Großmächte zu protestieren. Am vergangenen Sonntag hat sich der Naturwissenschaftler Leipold auf religiöses Terrain gewagt: Auf die Kanzel der Ravensburger Liebfrauenkirche hielt er die Fastenpredigt.

Zum Thema hat er sich die uralten Erzählungen der Heiligen Schrift gemacht, die Geschichten vom Garten Eden, den ersten Menschen und der Schlange. Vor allem aber das Bild vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hat es ihm angetan. Die Botschaft an Adam war: „Du darfst essen von allen Bäumen im Garten Eden aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen, denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ Für ihn, so Gerd Leipold, sei ein Baum der Erkenntnis prinzipiell etwas Positives und nichts Unheilbringendes. „Mit dem Wissen verlieren wir die Naivität, erkennen, dass es Gut und Böse gibt und erwerben die Fähigkeit zu unterscheiden.“ „Ich möchte“, so der Kern von Leipolds Botschaft von der Kanzel der voll gefüllten Liebfrauenkirche, „den Genuss des verbotenen Apfels verstehen, als eine Aufforderung, unsere Verantwortung gegenüber der Welt und ihren Kreaturen wahrzunehmen.“

Verantwortlich sein heiße nicht das Eigeninteresse zu leugnen. Verantwortlich sein bedeute sich das Eigeninteresse bewusst zu machen, es an den Interessen unserer Mitmenschen zu messen und es mit dem Allgemeinwohl zu vergleichen. „Und dann entscheiden wir, wie wir handeln sollen“, so Leipold. Mit dieser Aufforderung des Klimawandel-Experten zur Übernahme von Verantwortung anstatt des Auslebens von Egoismen, begab er sich auf politisches Terrain. Ein besonderes Anliegen sei es ihm, eine Lanze für die Politik, speziell für die Politiker zu brechen.

Pech und Schwefel über Politiker zu schütten, gehöre heute zur Tagesordnung. Denn diese seien, „unfähig, korrupt und dumm.“ Gerd Leipold hält „diese Stigmatisierung der Politiker für bequem“, so wie es in früheren Zeiten bequem gewesen sei, den Teufel für alles Schlechte verantwortlich zu machen. Der Fastenprediger stellt die Frage, ob es nicht manchmal angebracht wäre, uns zu fragen, ob wir es besser machen könnten „wie die da oben“. Uns zu fragen, wie wir mit den immer weiter auseinanderstrebenden Bedürfnissen und Einstellungen in unserer Gesellschaft umgehen würden.

Gerd Leipold weiß um die Gefahren, denen wir und unsere Nachkommen ausgesetzt sind. Er ist dennoch weder ein Moralist, noch ein Fundamentalist, noch ein Pessimist. „Machen wir uns nichts vor“, beendet er seine Predigt, „Unsere Demokratie ist die beste Regierungsform, die wir je in diesem Land hatten. Sie ist nicht perfekt. Aber ich weiß auch, dass es uns allen obliegt sie besser zu machen.“

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