Gegen Ganztagsgrundschule wächst der Widerstand

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Weil sie finden, dass das vom Gemeinderat verabschiedete Konzept für die Ganztagsgrundschulen an den Bedürfnissen der Familien vorbei geht, haben (von links) Anett Pfohl, Susanne Zimmermann und Elke König die Elterninitiative „Gute Grundschule Ravensburg“ gegründet. (Foto: Ruth Auchter)
Schwäbische Zeitung

Gegen das vom Gemeinderat verabschiedete Rahmenkonzept zur künftigen Ganztagsbetreuung an den Ravensburger Grundschulen formiert sich Widerstand – und zwar nicht zu knapp: 800 Unterschriften haben Elke König, Susanne Zimmermann und Anett Pfohl in den vergangenen drei Wochen gesammelt. 200 davon allein bei einer Aktion am vergangenen Samstag auf dem Marienplatz. Ihr Anliegen: Die drei berufstätigen Mütter wollen rüberbringen, dass der Beschluss „am tatsächlichen Bedarf vieler Eltern“ vorbei geht. Diese wollen nämlich häufig statt dreier fixer Ganztagsnachmittage lieber eine „freiwillige und flexible Nachmittagsbetreuung inklusive Mittagessen“, weiß Zimmermann. Nach dem Motto: „So viel Fremdbetreuung wie nötig, aber so wenig Fremdbetreuung wie möglich“.

Weil ihnen genau das in zahlreichen Gesprächen immer wieder zu Ohren kam, haben König, Zimmermann und Pfohl die Elterninitiative „Gute Grundschule Ravensburg“ ins Leben gerufen, um aufzurütteln und – nicht zuletzt unter den Stadträten – das Bewusstsein zu schärfen. Denn möglicherweise hätten einige in der Annahme, das Konzept stelle „für arme, arbeitende Eltern einen Superfortschritt dar“, dafür gestimmt. Doch Pustekuchen: Die jetzt vorgegebene Marschrichtung, derzufolge sich die Ravensburger Grundschulen dafür entscheiden können, entweder Ganztagsschule mit zwei bis drei Nachmittagen inklusive Betreuung zu werden oder um 12.30 Uhr ihre Pforten zu schließen, „entspricht nicht den Bedürfnissen der Familien“, stellen die drei Damen klar.

Stattdessen versuchen viele, Berufstätigkeit und Familie zu verbinden – mit Hilfe der an die verlässliche Grundschule angedockten Hortbetreuung, deren Bausteine man individuell zusammen stellen kann. Was beispielsweise den Vorteil hat, dass berufliche Randzeiten, wenn etwa hier noch eine Besprechung oder da noch ein kurzes Telefonat ansteht, abgepuffert werden können, wie Anett Pfohl ausführt: Die in Teilzeit angestellte Konstrukteurin holt ihre Tochter beispielsweise momentan an drei Wochentagen um 13 Uhr, an zwei Tagen um 14 Uhr von der Grundschule Weißenau ab. Eigentlich hat sie nachmittags frei und möchte diese Zeit auch mit ihren drei Kindern verbringen.

Das wollen offenbar viele Eltern im Schussental: „Nicht die Schule, sondern die Familie soll der Lebensraum unserer Kinder sein“, macht Elke König deutlich.

Kinder brauchen Pausen

Und hegt mit ihren Mitstreiterinnen Zweifel an den wissenschaftlichen Grundlagen der Ganztagsgrundschule, die nun „bildungsideologisch als großer Konsens in den Raum gestellt wird“, wie Susanne Zimmermann kritisiert. Die Elterninitiative „Gute Grundschule“ ist hingegen überzeugt, dass Kinder in diesem Alter auch (Ruhe-)Pausen brauchen, in denen sie abhängen, herumtollen, Freunde treffen oder auch ihren Hobbies nachgehen können. Und wenn man – nach der Ganztagsgrundschule – erst um 16 Uhr anfange, die Kinder durch die Gegend zu kutschieren, bleibe an einem solchen Tag „wertvolle gemeinsame Familien-Zeit auf der Strecke“, befürchtet König. Für derartige Ansichten wurde der Initiative auch schon Rückständigkeit vorgeworfen. Für Zimmermann bedeuten „Emanzipation und Selbstbestimmung“ allerdings nicht, „dass ich mir vorschreiben lasse, wie viel Fremdbetreuung mein Kind möchte“.

Dabei ist den drei Damen, die sich für den Erhalt der jetzigen verlässlichen Halbtagsgrundschule einsetzen, klar, dass noch nicht aller Tage Abend ist und nun die Schulen am Zug sind zu entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Dabei sollen dann „auch wirklich alle Eltern und nicht nur die Elternvertreter mit ins Boot geholt werden“, betont Pfohl.

Gespräche mit Gemeinderäten

Abgesehen davon befürchtet die Initiative, dass die Ravensburger Grundschulen nun meinen könnten, sie müssten den Gemeinderatsbeschluss umsetzen, da er dem Willen sämtlicher Eltern widerspiegle: „Das sehen wir anders.“ König ist außerdem besorgt, dass die Landesregierung – die den Ausbau von Hortangeboten an Nicht-Ganztagsgrundschulen künftig nicht mehr bezuschusst – die Kommunen Richtung Ganztagsgrundschule „schubst“. Und die Horte dann in ein paar Jahren sang- und klanglos verschwunden sind.

Mit den Unterschriftenlisten und den Postkarten, die Kinder am Samstag an Oberbürgermeister Daniel Rapp verschicken konnten, will es die Elterninitiative „Gute Grundschule“ nicht bewenden lassen: Nach den Osterferien sucht sie das Gespräch mit den Gemeinderatsfraktionen. Um den Räten ans Herz zu legen, denjenigen Grundschulen, die sich gegen die Ganztagsvariante entscheiden, nicht finanziell den Hahn abzudrehen. Zudem gibt es die leise Hoffnung, den Gemeinderatsbeschluss doch noch zu kippen.

Infos zur Elterninitiative „Gute Grundschule“ im Internet unter

www.initiative-ravensburg.de

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