Gebrüder Gerassimez begeistern Publikum in Ravensburg

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 Zu dritt sind sie unschlagbar und allein ist jeder für sich ein Erlebnis: der Pianist Nicolai, der Cellist Wassily und der Per
Zu dritt sind sie unschlagbar und allein ist jeder für sich ein Erlebnis: der Pianist Nicolai, der Cellist Wassily und der Perkussionist Alexej Gerassimez. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Der ukrainische Großvater der Musikerfamilie ist für ihren eher spanischklingenden Nachnamen verantwortlich, aber schon die Eltern der Gebrüder Nicolai, Alexej und Wassily Gerassimez sind in Deutschland geboren worden, die Söhne selbst in Essen. 1985, 1987 und 1991: der älteste ist der Pianist, der jüngste Cellist und der mittlere Perkussionist. Eine ungewöhnliche Besetzung für ein Trio – aber was sie daraus im Zusammenspiel und im Solo machen, ist phänomenal. Schade nur, dass das Konzerthaus nicht voll besetzt war.

So jung sie sind, so sehr sind sie bereits vielfach prämierte Meister auf ihren Instrumenten. Dazu pflegen sie ein nettes Understatement mit ihrer abwechselnden Moderation. Und das geht so: Zunächst kommen da drei schlanke, gut aussehende Jungs auf die Bühne und fangen ganz „brav“ an: mit Bachs „Präludium und Fuge“ aus dem „Wohltemperierten“ im eigenen Arrangement für Klavier, Cello und Vibrafon. Ein gesanglicher Bach mit einem sonoren Cello, das Klavier leitet ein, frisch und sensibel werden in der Fuge auf dem Vibrafon die Stimmen heraus gearbeitet.

Mal schnell, mal in Zeitlupe

Dann gibt Wassily, nachdem er das Publikum humorvoll auf den Wechsel zur zeitgenössischen Musik vorbereitet hat, zusammen mit Nicolai und der „Toccata“ für Marimbafon und Klavier des Dänen Anders Koppel von 1992 einen Eindruck der unglaublichen Vielseitigkeit der Perkussion. Mal in rasender Schnelligkeit, mal in gedehnter Zeitlupe, mal raumfüllend laut, dann wieder zurückfahrend auf Pianissimo – ein Wechselbad von virtuoser Musikalität.

Auch beim folgenden Stück „Melancholia“, das sein Bruder Wassily in tiefem Trennungsschmerz komponiert hat, wie er selbst sagt, ist die Marimba immer präsent, wirkt aber hier wie ein Windhauch, der zu den an- und abschwellenden, dichten und dramatischen Cellotönen einen manchmal stürmischen Hintergrund webt. Statt des angekündigten Bohuslav Martinů-Stücks erklang danach Tschaikowskys „Pezzo capriccioso“ für Cello und Klavier von 1888, weil es „besser zum sommerlichen Herbst“ passen würde, meinte Nicolai. Starker Auftritt für das Cello, mal lyrisch, mal aberwitzig schnell.

Danach klappte Nicolai das Notenbrett herunter und spielte das hinreißende Stück „Paganini Jazz“ von Fazil Say, komponiert 1988. Auch dazu gab es eine humorvolle Ankündigung, denn vielen Jungen sei das berühmte, von Brahms bis Lutoslawski bearbeitete Thema des Teufelsgeigers nur als „Klingelton“ bekannt. Alexej beeindruckte mit seinen „Asventuras“ für die Snare Drum, die Urmutter aller Trommeln, die einen Perkussionisten durchaus traumatisieren kann, wie er lustvoll erklärte.

Ein fließender Tausch

Nach der Pause waren sie alle drei mit Steve Reichs komplexer „Music for Pieces of Wood“ von 1995 perkussiv beschäftigt und Wassily hatte mit seiner Komposition „Die letzte Nacht im Orient“, in dem sich klagende Litaneien mit stampfenden Rhythmen mischten, einen schönen Soloauftritt. Zwei Varianten von Piazzollas „Libertango“, von Eric Sammut für Cello und Marimba und von Alexej für Vibrafon und Klavier zeigten noch einmal diese bis ins kleinste Detail differenzierte Perkussion, der sich die anderen Instrumente jeweils anschmiegten. Als Abschluss der Showdown: Wassilys „Transition“, nichts anderes als ein fließender Tausch der Instrumente mit viel Jazz, Gipsy-Swing und geistreichem Ulk. Riesige Begeisterung und dafür noch die köstliche Zugabe: zu dritt am Cello ein Happen von Ravels „Boléro“. Ein wunderbarer Abend.

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