Ganz sicher heldenhaft, aber nicht unzerbrechlich

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Die neue Ausstellung „Heldenhaft und unzerbrechlich“ in der Galerie 21.06 gibt Einblick in die Arbeit von zwei sehr verschiedene
Die neue Ausstellung „Heldenhaft und unzerbrechlich“ in der Galerie 21.06 gibt Einblick in die Arbeit von zwei sehr verschiedenen Künstlern, dem Maler Andreas Amrhein (Mitte) neben seinem Acrylgemälde „King“ (85 x 95 cm, 2011) und den Glasskulp (Foto: DLS)
Dorothee L. Schaefer

Wieder ein starkes Duo in der neuen Ausstellung unter dem Titel „Heldenhaft und unzerbrechlich“ der Galerie 21.06 in Ravensburg: Gemälde von Andreas Amrhein und Glasskulpturen von Julius Weiland. Beide Künstler leben und arbeiten in Berlin und stellen international aus.

Auch ihre Lebensläufe sind farbenreich: Amrhein, 1963 in Marburg geboren, wuchs in Liberia auf und wurde an der Berliner HdK und der Slade School in London ausgebildet, Gastsemester führten ihn in die USA und mehrmals nach China. Julius Weiland, 1971 in Lübeck geboren, hat bereits in seinem Studium an der Hamburger Kunstakademie die Faszination des Glaswerkstoffs für sich entdeckt, ein Stipendium in den USA schloss sich an. Seit einigen Jahren betreibt er in der Berliner Provinzstraße mit mehreren Glasbläsern zusammen eine Glashütte.

Dort entstehen eigenwillige Kompositionen aus verformten Glasgefäßen oder aus mundgeblasenem Glas, aus Glasstangen oder Glasfäden werden Objekte zusammen geschmolzen, die ihrerseits an die Konkretionen seltener Mineralien erinnern wie hier zum Beispiel „Urania“ aus hellgrünen Glasstäben. Andere wieder zeigen die künstlerische Handschrift Weilands im Zusatz von Pigmenten oder Strukturen, die beim Schmelzen oder in Überfangtechnik mit farbigen Stäben entstehen.

Vieles ist vom Zufall, ebenso vieles vom Wissen und Können abhängig, erklärte dazu Markus Beutinger, Chemiker und technischer Direktor von Verallia in Bad Wurzach, die 350 verschiedene Artikel von Gebrauchsglas herstellen - vom Babyfläschchen bis zur Zweiliterflasche. Die diffizilen chemischen Prozesse, die beim handwerklich gemachten Glas ablaufen, konnte er eindrücklich erklären, denn allein mit dem Schmelzen von Quarzsand, Soda und Pottasche ist es nicht getan.

Faszinierendes Glas

Über die Abkühlung der bei 1300-1500 Grad geschmolzenen Masse in Formen und die ganz unterschiedlichen Anforderungen beim farbigen Glas (Rot ist am teuersten, Blau ist leicht machbar) erfuhr man so eine ganze Menge über diesen faszinierenden Werkstoff, der bei Weiland ein ganz eigenes Formenspektrum entwickelt. Teils transparent und wie ein Molekül aufgebaut - wie „Breathe in - breathe out“ - oder aus opaken, satinierten Flaschen geformt wie „Blue White and Purple“ besitzen diese durchaus nicht unzerbrechlichen Objekte eine visuelle wie taktile Schönheit, einen Begriff, den Andrea Dreher in ihrer Einführung als unvergänglich in der Kunst und vergänglich in der Natur interpretierte.

In den großen Gemälden von Andreas Amrhein in Acryl auf Leinwand sowie in den kleineren Formaten auf Papier mit verdünnter Acrylfarbe treten verschiedene Welten zueinander in Beziehung: eine gedachte, ungreifbare im Hintergrund wie die Schemen einer Stadtkulisse, und davor eine ins Gigantische vergrößerte Nippesfigur aus farbig bemaltem Porzellan, naturalistisch gemalt mit Lichtern und Volumina. In einem Zwischengrund Utensilien der Neuzeit wie Automodelle oder Flugzeuge, schwarzweiß oder nur als Silhouette. Es kann auch eine Rockertype dem Porzellan-Schäferhund Gesellschaft leisten, aber meist ist das Tier, wie der röhrende Hirsch in „King“, allein.

Die Kitschobjekte einer vergangenen Zeit, durchaus noch im Repertoire von Nymphenburg, Meißen oder Royal Copenhagen, die Amrhein mit ironischem Blick und auch mal als Zwitter mit Menschenkörpern und Tierköpfen ins Bild hebt, irritieren in ihrer Präsenz, ihrer fleischlosen Körperlichkeit, die mindestens so virtuell ist wie die comicartigen grauen Stadträume im Hintergrund. Nur der Maler macht sie zu scheinbar lebenden Wesen und demontiert gleichzeitig ihre vorgebliche Natürlichkeit. Alles nur Schein, gar kein Sein, alles falsches Leben - und der Betrachter steht davor und fragt sich, wo er selbst hingehört.

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