Furioser Auftakt in der Galerie Hölder

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Waltraud Späth zeigt in der Ravensburger Galerie Hölder unter anderem abstrakte Skulpturen in Stein.
Waltraud Späth zeigt in der Ravensburger Galerie Hölder unter anderem abstrakte Skulpturen in Stein. (Foto: Derek Schuh)
Siegfried Kasseckert

Das Kunstjahr 2015 begann in der Galerie Doris Hölder am Obertor mit einer spannenden Werkschau zweier Künstlerinnen und eines Künstlers, die ganz unterschiedliche Positionen vertreten, Barbara Ehrmann, die Ravensburgerin, zeigt ausgesprochen leise Bilder und Zeichnungen in Wachs, die in Friedrichshafen lebende Bayerin Waltraud Späth abstrakte Skulpturen in Holz, Stein und Stahl, und der Biberacher Hermann Schenkel erweist sich einmal mehr als begnadeter Zeichner. Ein furioser Auftakt.

Wer den Hauptraum der Galerie betritt, wird mit drei schmalen, mehr als zwei Meter hohen Arbeiten auf Japanpapier konfrontiert, die den Titel „traces humaines“ – menschliche Spuren tragen. Arbeiten in Acryl, mit einer dünnen Wachshaut überzogen, Sprühlack wirkt wie Farbnebel, Schatten geben dem Ganzen eine Aura des Geheimnisvollen. Die mehr als 30 Arbeiten, die die 52-jährige Ravensburgerin bei Doris Hölder zeigt, verraten ihre langjährige, intensive Beschäftigung mit den Spuren vorzeitlicher Menschen, wie man sie in Felshöhlen der Sahara findet. Dort, vor allem im süd-algerischen Tassilj-Massiv, ist Barbara Ehrmann immer wieder gewesen, hat ganze Skizzenblöcke mit Zeichnungen gefüllt und diese zuhause auf ihre ganz eigene, unverwechselbare Weise in Kunst „integriert“. Ein Kunstkritiker nannte sie einmal eine Art Schamanin der Kunst. Andeutungsweise erkennt man Fragmente von Menschen, mal einen Kopf, mal eine Hand; alles wirkt ein wenig labil, still, ja meditativ, immer leise. Ein breites Spektrum von Weiß-, Grau- und Schwarztönen wird nur hin und wieder durch Gelborangene-Töne ergänzt, so als spiegelten sie die Felsen der Sahara wider. Da hat eine bedeutende, weit über die Region hinaus bekannte Künstlerin ihren ganz eigenen, höchst originellen Weg gefunden.

Beton symbolisiert Zerstörung

Auch die Bildhauerin Waltraud Späth, 1960 in Oberammergau geboren, zeichnet sich durch eine ganz eigenständige Handschrift aus. Ihr „Ding“ – das sind abstrakte Skulpturen in der Verbindung von Holz, Stein, Beton oder Stahl. Organisch gewachsene und tektonisch geformte Elemente gehen eine Symbiose ein. Beton setzt die Bildhauerin dabei durchaus als Symbol einer feindlichen Umarmung, einer zerstörerischen Zivilisation ein, wie ein Kritiker einmal schrieb. Es sei eine Suche nach der verlorenen Einheit der Dinge. Waltraud Späth zeigt bei Doris Hölder eine ganze Reihe von Arbeiten, denen sie den Titel Haus gab, Arbeiten, die reizvolle Assoziationen erlauben: Behausung, Geschlossenheit, Geborgenheit, Heimat. Die Künstlerin ist übrigens auch sehr erfolgreich bei Wettbewerben im öffentlichen Raum, wie Doris Hölder in ihrer Rede vor einem mehr als 100-köpfigen Publikum betonte. So stehen Späth-Skulpturen vor dem Gebäude der Firma Moosmann in Ravensburg und im Außenbereich des Klinikums Friedrichshafen.

Dass der Biberacher Hermann Schenkel (Jahrgang 1948) ein vielseitiger Künstler, vor allem ein begnadeter Zeichner ist, wissen Kunstkenner seit langem. Als Zeichner präsentiert er sich jetzt auch wieder in der Galerie Hölder. Feine Porträt-Zeichnungen, in Schwarz-Weiß und subtiler Farbigkeit, manchmal sehr frei und erfreulich wild. Schenkel, so Doris Hölder, gehörte in den 80er Jahren zu den Berliner Wilden. Mehrere Blumenstillleben verraten den Einfluss von Horst Janssen. Aber welcher Mensch, welcher Künstler ist eine Insel? Besonders schön im zweiten Galerieraum eine Sequenz von 15 Zeichnungen.

Zeichnen, so der Laudator des Abends, der Friedrichshafener Frank-Thorsten Moll, Leiter der Kunstabteilung im Zeppelinmuseum, sei überhaupt das erste Medium des Menschen, und der Mensch komme erst über die Zeichnung zur Kunst. Moll plädierte in freier Rede dafür, für Kunst Geld zu geben, damit Künstler zum Nutzen der Gesellschaft „ihr Inneres nach Außen stülpen“ können. Den wichtigsten Aspekt der Kunst müsse man immer mitdenken: den Menschen.

„Drei Positionen“ – die neue Ausstellung in der Galerie Doris Hölder, Marktstraße 59, ist bis 20.März zu sehen. Die Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 12.30 und 14.30 bis 18 Uhr, Samstag 10- bis 14 Uhr.

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