Fraktion fordert Entschädigung für jüdische Familie

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Das Schuhhaus Merkur am Marienplatz während einer Boykottaktion der SA im Jahr 1933.
Das Schuhhaus Merkur am Marienplatz während einer Boykottaktion der SA im Jahr 1933. (Foto: Stadtarchiv)
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Die Stadt soll ein Forschungsstipendium ausloben mit dem Ziel, die Geschichte der „Arisierung“ während des Nazi-Terrors in Ravensburg zu erforschen. Das fordert die Fraktion der „Bürger für Ravensburg (BfR)“ in einem Antrag an den Oberbürgermeister. Hintergrund ist die 80. Wiederkehr der Reichspogromnacht. Gleichzeitig soll die jüdische Familie Sondermann für das vor 80 Jahren in Ravensburg erlittene Unrecht eine „angemessene Entschädigung“ bekommen, so die BfR.

Zum Hintergrund: Das jüdische Ehepaar Siegfried und Hilda Sondermann war 1912 nach Ravensburg gekommen und hatte zunächst in der Marktstraße und dann am Marienplatz 30 (heute „Only“) das Schuhhaus Merkur eröffnet. Das Geschäft florierte, die Familie war angesehen. Die drei Söhne wurden hier geboren und besuchten das Gymnasium. Gelebt hat die Familie in der Leonhardstraße 3.

Für die Sondermann änderte sich mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 die Situation grundlegend. Unter dem Druck des Boykotts jüdischer Geschäfte, bürokratischer Schikanen und zahlreicher diskriminierender Gesetze sah sich Siegfried Sondermann gezwungen, sein Geschäft im September 1938 an die langjährige Geschäftsführerin Rosa Keckeisen und ihren Bruder zu verkaufen. Der Erlös, der unter dem eigentlichen Wert lag, sollte die Grundlage sein, auswandern zu können. Sohn Kurt war schon 1935 nach Brasilien ausgewandert.

Die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 und die anschließende dreitätige „Schutzhaft“ war für Siegfried Sondermann und seine Familie das endgültige Signal zur Auswanderung. Die Familie ging nach Montevideo in Uruguay und baute sich dort eine neue Existenz auf. Im vergangenen Jahr hatten die Nachfahren der Familie Sondermann aus Uruguay Ravensburg besucht und waren vom Stadtarchiv und Ravensburger Bürgern bei der Spurensuche in der Heimatstadt ihrer Großeltern unterstützt worden (die SZ berichtete).

In den achtziger Jahren war das noch anders gewesen, hat BfR-Fraktionschef und Historiker Wilfried Krauss für den Antrag recherchiert. Im Buch „Ravensburg im Dritten Reich“ heißt es: „Eines Tages fuhr er (Ernst Sondermann) zurück nach Ravensburg. Er ging in das Schuhhaus, das einmal seinen Eltern gehört hatte. Stellte sich vor, wollte den Besitzer sprechen. Man verweigerte ihm jede Auskunft, kein Besitzer, keine Adresse, Rausschmiss.“

Die „Bürger für Ravensburg“ glauben, dass „ins breite Bewusstsein das, was im Hitler-Reich mit jüdischen Unternehmensvermögen geschah, nie gedrungen ist - auch nicht in Ravensburg“. Werde ein jüdischer Name in der Firmengeschichte überhaupt erwähnt, so eher beiläufig. Wilfried Krauss: „Bei der Arisierung handelte es sich nicht nur um einen Prozess von oben, sondern auch um einen politisch-gesellschaftlichen Prozess, in dem es viele Akteure und Profiteure gab. Wir wissen einiges über die Arisierungen in Ravensburg. Trotzdem sind noch viele Fragen unbeantwortet.“

Das Forschungsstipendium soll, so das Ziel der Fraktion, Ergebnisse liefern auch zu eventuell erfolgten oder nicht erfolgten Rückgaben oder Entschädigungen. Das ehemalige Schuhgeschäft Merkur der Familie Sondermann ging durch die Keckeisen-Stiftung 1971 in den Besitz der Stadt über. Über die Höhe der Entschädigung für die Nachfahren soll der Gemeinderat entscheiden.

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