Fotografien von Ravensburg geben Rätsel auf

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Manfred Schöner, Gert Wiedmaier und Johannes Meinhardt (von links) eröffnen die Ausstellung “Neue Aussichten” in der Kundenhall
Manfred Schöner, Gert Wiedmaier und Johannes Meinhardt (von links) eröffnen die Ausstellung “Neue Aussichten” in der Kundenhalle der Kreissparkasse Ravensburg. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Die Ausstellung „Neue Aussichten (Annäherung an die Stadt Ravensburg)“ von Gert Wiedmaier in der Kundenhalle der Kreissparkasse Ravensburg, Meersburger Straße 1, dauert bis 9. August. Sie ist montags bis freitags von 9 bis 12.15 Uhr, montags, dienstags und freitags von 14 bis 16 Uhr und donnerstags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Wo könnte das in Ravensburg sein, ist eine häufig gestellte Frage beim Anblick der „Neuen Aussichten“ von Gert Wiedmaier. Seine so betitelte Ausstellung mit aktuellen Fotografien als „Annäherung an die Stadt Ravensburg“ in der Kreissparkasse Ravensburg haben Manfred Schöner aus dem Vorstand und Laudator Johannes Meinhardt aus Tübingen am Montagabend eröffnet. Wie sich allseits bekannte Orte innerhalb der Stadt auf künstlerische Weise verfremden lassen, zeigt die Werkschau.

Vor einem Jahr hat sich der Stuttgarter Künstler Gert Wiedmaier in Richtung Oberschwaben aufgemacht. Zwecks Annäherung. Ganze neun Mal ist er hier gewesen, um innerstädtische Orte aufzuspüren, die seinem Vorhaben genügen. Auf Empfehlung von Nicole Fritz, der neuen Leiterin der Tübinger Kunsthalle, hat sich der Galeriebeirat der Kreissparkasse für diese Ausstellung entschieden. „Ein Blick und man ist sofort begeistert“, stellte Schöner den 1961 in Stuttgart geborenen Gert Wiedmaier vor, der nach seinem Studium an der dortigen Staatlichen Akademie der Bildenden Künste weit über Deutschland hinaus vertreten ist. Wenn er einen Ausstellungsort ausgewählt habe, bereite er ihn sehr intensiv vor. 39 klein- bis großformatige Bilder umfasst die Schau, gegliedert in vier Werkserien. Neben „Neue Aussichten“ beschäftigen sich „Überdeckungen“ und „Ra-view“ mit Ravensburg. Seine schattenrissartigen „Passanten unterwegs“, die sich in Gruppen wie schwebend vor pastellfarbigen Gründen bewegen, sind nicht weiter verortet.

An Johannes Meinhardt war es, in das Werk einzuführen. Der Tübinger Kunsthistoriker und Kunsttheoretiker stellte klar, dass es Wiedmaier weder um einen neuen touristischen Stadtführer noch um eine Dokumentation von Architekturen gehe. Ihn interessieren nicht die Menschen, die Autos oder sonst etwas Szenisches. Worum geht es dann? Wie die Titel der Werkserien es schon andeuten. Um neue Aussichten, die vom Künstler Gesehenes mittels fotografischer Techniken derart verfremdet sind, dass malerische Aspekte im Vordergrund stehen

So genannte Schmuddelecken habe er sich ausgesucht. Also veraltete Orte, die abseits von baulichen Innovationen vergessen wurden, selbige überdauert haben und somit zeitlos sind. Leere Plätze, die einen auf der Suche nach Wiedererkennbarkeit Rätsel aufgeben. Selbst Insider hatten am Abend Mühe, Gesehenes zu benennen. „Wissen Sie, was das für ein Turm ist?“ oder „Ich dachte immer, dass ich mich in Ravensburg auskenne!“, versuchten sich Besucher in ersten Annäherungen an Bilder, die vor allem durch ihre verschwommenen Oberflächen auffallen. So als hätte jemand die festen Konturen von Bäumen, Häusern, Straßen und Wegen verwischt. Wiedmaiers Ausgangspunkt sind digitale Fotografien, die er mittels Diaprojektion auf Wachstafeln bringt. Diese abfotografiert und reproduziert. Das Ergebnis ist ein betont Malerisches mit intensiven Licht- und Schattenwirkungen. Die Architektur habe er dabei in die Tiefe des Raums geschoben, erläuterte Meinhardt.

Von der Zerstörung der Bildillusion

Im Kontrast dazu steht die Serie der „Überdeckungen“. Hierbei handelt es sich um Schwarzweiß-Fotografien auf farbigem Papier. Mittels Mehrfachbelichtungen gestaltet sich der Blick auf Ravensburger Orte nun so als habe man es mit alten, vom Zahn der Zeit angefressenen und „blind“ gewordenen Aufnahmen zu tun. Johannes Meinhardt sprach von materiellem Zerfall, Unordnung und Chaos, Störung und Zerstörung, von Zerrüttung und einem Entziehen bestehender Realität. Vereinfacht gesagt, ist bildlich ein langsamer Auflösungsprozess von großem strukturellem Reiz dargestellt.

Anders, doch nicht minder rätselhaft, fällt der Blick auf die Serie „Ra-view“ aus. Flüssig aufgetragenes Wachs lässt die darunter liegenden fotografischen Motive unscharf und milchig erscheinen. Meinhardt nannte es einen „optischen Filter“, wodurch die Präsenz realer Orte entzogen würde. Was diese so gestalteten Blicken auf Ravensburg verbindet, sei die Zerstörung der Bildillusion. Also der Vorstellungen, die Menschen von ihrer Stadt entwickelt haben und die nun auf künstlerischem Wege neu definiert sind.

Die Ausstellung „Neue Aussichten (Annäherung an die Stadt Ravensburg)“ von Gert Wiedmaier in der Kundenhalle der Kreissparkasse Ravensburg, Meersburger Straße 1, dauert bis 9. August. Sie ist montags bis freitags von 9 bis 12.15 Uhr, montags, dienstags und freitags von 14 bis 16 Uhr und donnerstags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

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