Forschung über Riesenbäume: Der Ravensburger Michael Stöhr wird in Kanada ausgezeichnet

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 Der Forstwissenschaftler Michael Stöhr, der in Kanada mit dem Preis für Forstwissenschaften 2019 ausgezeichnet worden ist, vor
Der Forstwissenschaftler Michael Stöhr, der in Kanada mit dem Preis für Forstwissenschaften 2019 ausgezeichnet worden ist, vor einer 500 Jahre alten Pazifikküsten-Douglasie. (Foto: Stöhr)
Günter Peitz

Riesenbäume, Douglasien, bis zu 80 Meter hoch, mit einem Stammdurchmesser bis 13 Meter und bis zu 1000 Jahre alt – das sind die Forschungsobjekte des Ravensburgers Michael Stöhr an der kanadischen Pazifikküste, auf Vancouver Island, ganz im Westen von British Columbia.

Der Forstwissenschaftler, der Abitur am Albert-Einstein-Gymnasium gemacht hatte und vor 40 Jahren nach Kanada ausgewandert war, ist dort jetzt ausgezeichnet worden. Das „Canadian Institute of Foresty“ verlieh ihm den kanadischen Preis für Forstwissenschaften 2019.

Spezieller Samen

Er hat Douglasien-Samen gezüchtet, der die Bäume schneller wachsen lässt. Sie sind genügsam und kommen mit der Trockenheit gut zurecht. Deshalb würde dieser Samen nach seiner Einschätzung auch in den geschädigten Wäldern etwa um Ravensburg gut wachsen und könnte zur Lösung der klimabedingten Waldprobleme wahrscheinlich beitragen.

Seiner Heimatstadt fühlt sich Stöhr, der inzwischen kanadischer Staatsbürger ist, nach wie vor verbunden. Weiß er hier doch ehemalige Schulkameraden wie Jürgen Bretzinger und Herbert Weiß. Einmal jährlich besucht er sie, vor allen aber seine betagte Mutter, seine beiden Brüder und zwei Schwestern.

Engagierter Umweltschützer

Der Name Stöhr hat in Ravensburg einen guten Klang. War doch Alfred Stöhr, der verstorbene Vater, ein bekannter Schulmann, Rektor der Hauptschule Kuppelnau, Kommunalpolitiker, Gründungsmitglied des Bürgerforums Altstadt Ravensburg und auch engagierter Umweltschützer. Zusammen mit seinen Schülern half er, die Zehntscheuer zu retten.

Und als nach der damals scharf kritisierten Baumfällaktion in der Wilhelmstraße wegen der Straßenverbreiterung auch noch die stattlichen Bäume in der Grünanlage entlang der Schussenstraße abgeholzt werden sollten, um die Straße auf sechs Spuren aufzuweiten, brachte er mit seinen Schülern an den Stämmen Protestplakate an: „Auch ich soll sterben ...“ Zum Kahlschlag kam es dann doch nicht.

In Kanada hängen geblieben

Inwieweit das Vorbild des engagierten Vaters seinen Sohn Michael beeinflusst hat, eine Wissenschaftslaufbahn einzuschlagen, in der es ganz entscheidend um Bäume geht, blieb in einem Telefongespräch mit dem in Viktoria, der Hauptstadt von British Columbia lebenden und arbeitenden Forscher offen.

Nach dem Abi und dem Dienst bei der Bundeswehr, so erzählt seine Mutter, ging er auf Weltreise – und blieb in Kanada hängen, machte in Toronto seinen Doktor und ist nun schon seit 30 Jahren auf Vancouver Island, der Halbinsel ganz im Westen von Kanada an der Pazifikküste tätig.

Leidenschaft für innovative Forschung

Erfolgreich, wie ihm auf der Urkunde bescheinigt wird, die er bei der Preisverleihung erhielt. Leidenschaft für innovative Forschung wird ihm attestiert. Streng wissenschaftliche Beiträge zur Erweiterung des Wissens auf dem Gebiet der Forstgenetik habe er geliefert, das Aufzuchtprogramm der Küstendouglasie in British Columbia erfolgreich geleitet.

Schon seit den 50er-Jahren und inzwischen in der dritten Generation geht es dort darum, durch das Heranzüchten entsprechenden Samens die Produktivität zu steigern. Dies ist um 20 bis 30 Prozent gelungen. Statt nach 60 Jahren können die Bäume bereits nach 40 Jahren gefällt werden. Lässt man sie länger stehen, liefern sie mehr Holz. Das hat verschiedene Vorteile, allerdings muss darauf geachtet werden, dass dabei die Holzqualität nicht leidet.

Mein Samen ist sehr gut. Er würde auch um Ravensburg wachsen. 

Michael Stöhr

Der Samen kommt von einzelnen, ausgewählten Bäumen und wird in mehreren Plantagen ausgepflanzt. „Mein Samen ist sehr gut. Er würde auch um Ravensburg wachsen“, ist sich der Forscher ziemlich sicher. In British Columbia mit 90 bis 95 Prozent Staatswald, der nicht so intensiv gemanagt werden kann wie der Wald in Süddeutschland, regnet es zwischen November und Februar viel, aber im Sommer kaum.

Baumkrankheiten nehmen zu

Die Küstendouglasie in Kanada am Pazifik, die älteste, höchste und dickste weltweit, ist an das Klima gut angepasst. Borkenkäferbefall ist bei ihr kein Thema, jedoch bei Kiefern im Landesinneren, berichtet Stöhr.

Der Klimawandel macht sich inzwischen auch in seinem Forschungsbereich bemerkbar. Andere Baumkrankheiten nehmen zu, so eine Nadelkrankheit, die zuerst in der Schweiz entdeckt wurde. Deshalb widmet der Forscher einen Großteil seiner Arbeitszeit inzwischen der Feststellung von resistenten Elternbäumen, von denen Samen gewonnen werden kann.

Scharf kritisiert er, dass beim Holzeinschlag in Kanada durch entsprechende Firmen viel Holz zurückbleibt, das für die Unternehmen keinen Wert hat. Ansonsten, so versichert er, dürfen die Firmen aber nicht machen, was sie wollen. Nach Kahlschlägen muss wieder aufgeforstet werden. Die Neuanpflanzungen müssen ohne Schädlingsbefall sein.

Wir müssen in Kanada die Wälder so nutzen, wie die Bauern in Europa ihre Felder. 

Michael Stöhr

Dass Kanada Raubbau an seinen Wäldern betreibt, wie dem Land Kritiker immer wieder vorwerfen, lässt der Forscher nicht gelten. Er gibt zu bedenken, dass der Wald für die Kanadier einen viel höheren Stellenwert hat als für die Deutschen. Für die Kanadier sei er ein ganz wichtiger Wirtschaftszweig, viele Menschen leben davon, Jagd und Fischerei sind frei.

Die Forstwirtschaft und auch Forstwissenschaft haben in dem Land eine zentrale Bedeutung. Andere wichtige Wirtschaftszweige, wie die Industrie in Deutschland, sind nicht so stark ausgeprägt. „Wir müssen in Kanada die Wälder so nutzen, wie die Bauern in Europa ihre Felder“, gibt er zu bedenken. Kanada sei darauf angewiesen.

Gern würde der Wissenschaftler bei seinem Besuch in Ravensburg im nächsten Jahr mit hiesigen Forstfachleuten ins Gespräch kommen und in einen Erfahrungsaustausch einsteigen.

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