Flüchtlinge lernen die Kehrwoche kennen

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Kehrwoche
Ein Kehrwochenschild hängt an einer Wand. (Foto: Franziska Kraufmann/Archiv / DPA)
Schwäbische Zeitung
Jasmin Bühler
Crossmediale Redakteurin

Einmal pro Woche das Treppenhaus kehren, die Mülltonnen geordnet rausstellen und mehrmals täglich stoßlüften – was für oberschwäbische Mieter selbstverständlich ist, ist für Flüchtlinge eine ganz neue Welt. Damit sie sich in dieser Welt zurechtfinden und es nicht zu Ärger mit Vermietern oder Nachbarn kommt, bietet das Diakonische Werk Ravensburg nun Mieterschulungen an.

Im Januar soll der erste Schulungskurs mit einer Gruppe zwischen acht und zehn Flüchtlingen starten – voraussichtlich in Wangen. Den Unterricht übernehmen Thaddiana Stübing, Koordinatorin für Flüchtlingsaufgaben im Evangelischen Kirchenbezirk Ravensburg, und Ela Elciboğa, Verwaltungsangestellte und Übersetzerin bei der Diakonischen Bezirksstelle Ravensburg. „Wir haben gesehen, dass eine Lücke besteht, wenn Geflüchtete von den Gemeinschaftsunterkünften in eine eigene Wohnung vermittelt werden“, erklärt Stübing. Ihrer Meinung nach würden die Flüchtlinge in dieser Phase oftmals alleine gelassen, eine Begleitung fehle.

Das beobachtet auch ihre Kollegin Ela Elciboğa, die häufig vor Ort in Flüchtlingsunterkünften tätig ist. „Die Menschen kennen das Wohnen so nicht und wissen nicht, wie sie sich als Mieter verhalten müssen“, meint sie. „Sie sind schlichtweg überfordert.“

An diesem Punkt setzt die Mieterschulung an. Das Qualifizierungsprogramm soll den Flüchtlingen aufzeigen, welche Pflichten und Rechte sie als Mieter haben. Dabei geht es um Recycling, Energieeinsparung, Brandschutz oder Ruhezeiten – aber auch um Mietverträge, Übergabeprotokolle und Verbraucherschutz. Geübt wird in Theorie und Praxis.

„Wir als Trainerinnen sehen unsere Aufgabe darin, die Menschen zu informieren und sie auf das Leben hier vorzubereiten“, erklärt Ela Elciboğa. Wie sie betont, finde der Unterricht auf Deutsch statt. Nur im Zweifelsfall werde in eine andere Sprache übersetzt. „Uns ist es wichtig, dass die Geflüchteten die Begriffe kennen und sich mit ihren Vermietern unterhalten können“, beschreibt Elciboğa.

Mietchancen erhöhen

Ursprünglich stammt die Idee der Mieterqualifizierung aus Neusäß bei Augsburg. Dort läuft das Sozial- und Integrationsprojekt „Fit für die eigene Wohnung“ seit etwa einem halben Jahr. Entwickelt haben es Ehrenamtliche. Das Ziel: die Mietchancen für Flüchtlinge mit Bleiberecht sowie für Wohnungssuchende mit Unterstützungsbedarf verbessern, Vorurteile abbauen und Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Das Konzept sieht fünf Module zu jeweils zwei Stunden vor. In zehn Stunden können sich Flüchtlinge sozusagen zu deutschen Mietern mausern. Vorausgesetzt, sie nehmen regelmäßig am Unterricht teil. „Darin sehen wir in der Tat ein Problem“, gibt Thaddiana Stübing zu. Denn das Programm ist freiwillig und die Präsenz keine Pflicht.

Wer jedoch alle fünf Module besucht, erhält am Ende nicht nur eine Bewerbungsmappe für die Wohnungsbesichtigung, sondern auch eine Teilnahmebestätigung. Das Zertifikat könne äußerst hilfreich sein, glaubt Ela Elciboğa: „Für Geflüchtete ist es ohnehin schwierig, eine Wohnung zu bekommen. Mit dem Zertifikat sind Vermieter vielleicht eher beruhigt.“

Aktuell sind die Mieterschulungen ausschließlich für Flüchtlinge gedacht. Doch die Diakonie plant, die Kurse irgendwann auf andere sozial benachteiligten Menschen auszuweiten. Außerdem ist angedacht, auch ehrenamtliche Flüchtlingshelfer zu schulen, die das Wissen als Multiplikatoren in den Flüchtlingsunterkünften verbreiten.

Infos zu den Schulungen gibt es bei Thaddiana Stübing vom Diakonischen Werk Ravensburg unter Telefon 0751/295904-10 oder per E-Mail an dbs@diakonie-rv.de.

Erklärvideo: Was ist eigentlich die Kehrwoche?
Sie ist typisch für die Schwaben. Doch was ist die Kehrwoche eigentlich? Das Erklärvideo auf schwäbische.de gibt Antworten.
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